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Grünräume – Rückzugsorte für Menschen, Pflanzen und Tiere

Publiziert am 15.07.2021 von Sandra Aeberhard, Fachjournalistin Faktor Journalisten
Gartenwerke GmbH, Eriswil, gartenwerke.ch
Swissbau Die Natur trägt wesentlich zu unserem Wohlbefinden bei. Deshalb ist es wichtig, auch im zunehmend verdichteten Siedlungsraum bewusst Freiräume für Menschen, Pflanzen und Tiere zu schaffen. Parks und Gärten sind nicht nur eine Wohltat für die Seele, sie haben auch eine ganze Reihe praktischer Funktionen – etwa zur Hitzereduktion oder zum Schutz vor Hochwasser. 



Was gibt es Erholsameres, als bei einem Spaziergang durch die Natur den Blick über das Grün der Felder oder durch die üppige Vegetation des Waldes schweifen zu lassen? Die meisten Menschen sehnen sich nach der Natur und finden darin Ruhe und Erholung. Gerade in urbanen Gebieten tragen Grünräume wie Pärke, schattige Plätze oder Stadtwälder viel zur Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner bei. Diese Erkenntnis ist keineswegs neu, doch spätestens seit der Corona-Pandemie sind wir uns der Bedeutung und Erholungsqualität von Freiräumen noch stärker bewusst. Durch die fortschreitende Urbanisierung und Verdichtung sind sie allerdings immer stärker bedroht. Vielerorts müssen Gärten und Wiesen neuen Überbauungen weichen mit der Folge, dass Rückzugsorte in der Natur zusehends rarer werden.

Vielfältige Funktionen von Natur im Siedlungsraum
Das Erhalten respektive Schaffen von Grünräumen in besiedelten Gebieten ist eine wichtige Aufgabe von Städteplanenden, Bauherrschaften, Landschaftsarchitekten und Architektinnen. «Wir müssen grüne Stadträume planen, in denen sich die Menschen erholen können, die gleichzeitig aber auch den Effekten des Klimawandels entgegenwirken sowie Pflanzen und Tieren einen Lebensraum bieten», sagt Claudia Moll, Co-Präsidentin des Bunds Schweizer Landschaftsarchitekten und Landschaftsarchitektinnen (BSLA). Tatsächlich sind die Funktionen von Pflanzen äusserst vielfältig. So können sie beispielsweise bei Starkniederschlägen Wasser speichern, vorausgesetzt der Wurzelraum ist genug gross. Damit wird die Kanalisation entlastet und es kann Überschwemmungen entgegengewirkt werden. Zudem reinigen ihre Blätter die Luft und binden Feinstaub. Auch sind Bäume und Fassadenbegrünungen wirksam gegen Lärm, da sie Schallwellen absorbieren.

Angesichts der Klimaerwärmung wird der kühlende Effekt begrünter Flächen künftig immer wichtiger. Kein Wunder, flüchten Städter an heissen Sommertragen in die Natur oder in Parks, denn begrünte Flächen strahlen bis zu 50 Prozent weniger Wärme ab als versiegelte Oberflächen. Durch die Verdunstung von Wasser können Pflanzen die Umgebungstemperatur senken. Ein Baum spendet nämlich nicht nur Schatten, sondern übernimmt bei einem Alter von etwa 50 Jahren unter idealen Bedingungen eine Kühlleistung von etwa 10 Klimaanlagen mit je 20 bis 30 kW. Bis zu 200 Meter weit kann er angenehme Kühle spenden und schon ein kleiner Park in der Stadt hat einen positiven Effekt.

Grünes Dach
Auch der Begrünung von Fassaden oder Dächern kommt eine immer grössere Bedeutung zu. So ist eine Fassadenbegrünung nicht nur ein gestalterisches Element, sie kann auch als ergänzendes Verschattungselement dienen, damit das Innenraumklima positiv beeinflussen und nicht zuletzt Vögeln und Insekten Lebensraum bieten. Begrünte, begehbare Dächer stellen kleine Oasen im verdichteten Raum dar und wirken zugleich gegen übermässige Hitzeentwicklung im Sommer. Während auf einem bepflanzten Flachdach im Sommer Temperaturen um 25 bis 30° Celsius anzutreffen sind, kann ein unbegrüntes bis zu 70° Celsius heiss werden – mit entsprechenden Auswirkungen auf den Klimakomfort in den darunterliegenden Räumen. 

Ein Gründach mit einer Photovoltaikanlage zu kombinieren, setzt eine fachgerechte Planung voraus, die Energiegewinnung und Biodiversitätsförderung in Einklang bringt. Richtig angelegt, kann eine Bepflanzung den Ertrag der Photovoltaikanlage aufgrund der tieferen Temperaturen gar steigern. Eine starke Hitzeentwicklung auf einem Dach reduziert hingegen den Wirkungsgrad der Anlage. Wichtig ist, die Pflanzenwahl so zu treffen, dass das Grün nicht zu sehr in die Höhe wächst und damit die Panels beschattet. Wird ein Dach nachträglich begrünt, muss vorab die Traglast geprüft werden, damit keine Probleme mit der Statik entstehen.

Biodiversität braucht weitsichtige Planung
Eine naturnahe Aussenraumgestaltung ist auch im kleinen Massstab sinnvoll. Wer um sein neues Eigenheim einen klimafreundlichen und biodiversitätsfördernden Garten anlegen möchte, kommuniziert diesen Wunsch idealerweise bereits früh im Planungsprozess gegenüber seinem Architekten oder seiner Architektin. Je nach Grösse und Komplexität der Aufgabe ist es sinnvoll, eine Landschaftsarchitektin oder einen Landschaftsarchitekten einzubeziehen. Praktische Tipps für Eigenheimbesitzende sehen auch gewisse Gemeinden vor. Thalwil am linken Zürichseeufer unterstützt Hausbesitzerinnen und Hausbesitzern beispielsweise mit einem Merkblatt, das wichtige Informationen zu einer naturnahen Umgebungsgestaltung vermittelt. Hier erfährt man etwa, dass Hecken oder Zäune so gestaltet werden sollen, dass sie die Verbindungen zu Nachbargrundstücken aufrechterhalten und nicht zu unüberwindbaren Hindernissen für Tiere werden. 

Weiter empfiehlt die Gemeinde, versiegelte Flächen auf ein notwendiges Mass zu reduzieren, damit das Wasser abfliessen kann. Dafür eignen sich beispielsweise wasserdurchlässige Materialien respektive bewuchsfähige Belagsstrukturen. Es gelte, wertvolle Lebensräume zu erhalten oder neue zu schaffen und statt Rasen Blumenwiesen zu säen sowie einheimische und standortgerechte Arten anstellen von Neophyten zu pflanzen. Ergänzt wird das Merkblatt mit einer Liste von Pflanzen, die sich für die Region Zürich gut eignen. Die Verantwortlichen sind der Meinung, dass bereits das Verwenden einheimischer Gehölze und Stauden sowie eine extensive Pflege mit einer reduzierten Schnitthäufigkeit und ein Verzicht auf Düngung viel bewirken kann. 

Natur und Architektur in Einklang bringen
«Um unsere Lebensqualität auch in Zeiten einer immer intensiveren Raumnutzung zu erhalten, braucht es kluge landschaftsarchitektonische und städteplanerische Konzepte und multifunktionale Freiräume. Diese müssen den Bedürfnissen von Menschen, Pflanzen und Tieren gerecht werden», findet Claudia Moll. Auch wenn die naturnahe Umgebungsgestaltung manchen Zielkonflikt birgt, lohnt es sich, dem Thema beim Bauen die gebührende Beachtung zu schenken. Nur so lassen sich Siedlungsräume schaffen, in denen Natur und Architektur im Einklang sind – zum Wohl von uns Menschen und der Natur. 

Schwerpunktthema im Swissbau Focus
Das Bauen in Zeiten des Klimawandels ist übrigens einer der Themenschwerpunkte im Swissbau Focus, der interdisziplinären Veranstaltungs- und Netzwerkplattform an der Swissbau 2022. Das Veranstaltungsprogramm ist ab September 2021 online

Sandra Aeberhard

Sandra Aeberhard

Sandra Aeberhard ist Journalistin und Mitinhaberin der Faktor Journalisten AG sowie des Faktor Verlags. Sie verfasst Texte über nachhaltiges Bauen, Architektur und Design. Der Faktor Verlag publiziert Bücher und Magazine mit Fokus auf die Themenbereiche Architektur, Technik, Energie und Nachhaltigkeit.

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