18. – 21. Januar 2022

Swissbau Blog

Return to overview

Geissfuss an der Bologna-Reform

Die traditionelle duale Abstimmung der Ausbildungen im Architektur- und Bauingenieurwesen ist in ein besorgniserregendes Ungleichgewicht geraten. Die konsequente Ausrichtung von FH-Studiengängen auf europäische Standards hat zu einer sukzessiven Annäherung und Angleichung der Studiengänge an Fachhochschulen und Universitäten geführt.

Auch ist zu beobachten, dass an vielen Fachhochschulen der überwiegende Teil des Lehrkörpers einen universitären Ausbildungshintergrund mitbringt und entsprechend das dort erlernte Ausbildungssystem einbringt. Damit wurde die duale Zuordnung und Abgrenzung der universitären Ausbildung über die Matura und der FH-Ausbildung über die Berufslehre mit Berufsmaturität zumindest stark aufgeweicht. Hinzu kommt, dass mit der Einführung der Kreditpunkte die Gefahr entstand, dass Studien nicht mehr nach ihren Inhalten zusammengestellt werden, sondern danach, wie man möglichst einfach die notwendigen Punkte erlangen kann.

Unter diesen Gesichtspunkten steht zu befürchten, dass insbesondere die praxisorientierten Abgänger mit fundiertem technischem Hintergrundwissen auf dem Rückzug sind. Über lang oder kurz fehlen den Büros die ausführungsorientierten Arbeitskräfte.

Der SIA fühlt sich verpflichtet, solchen Strömungen entschieden entgegenzuwirken. Zum einen haben die Bildungsgremien des Vereins ein Positionspapier «Bildung für eine nachhaltige Gestaltung des Lebensraums» ausgearbeitet, das an allen massgebenden Stellen als Forderungskatalog eingebracht wird. Zum anderen hat der SIA aktiv an der Einsetzung eines Architekturrats unter den Architekturhochschulen mitgewirkt und ist heute gleichberechtigtes Mitglied im Gremium. Hier sollen im lösungsorientierten Dialog mit allen Bildungsstätten des Landes Gegenmassnahmen gegen die Verwässerung der Werte des dualen Bildungssystems erarbeitet und umgesetzt werden. Oberstes Ziel muss sein, die Geissfüsse der Bildungsreform bestmöglichst auszumerzen und zu klären, was die Ausbildung in Abgrenzung zu anderen Ausbildungen im Geschäftsfeld Bau zu leisten hat, noch bevor die Politik über die Zukunft des fachspezifischen Ausbildungssystems bestimmt.

Stefan Cadosch ist diplomierter Architekt ETH mit Nachdiplom Betriebswirtschaft FH. Seit November 2011 ist er Präsident des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins SIA. Von 1993 bis 2011 war er bei Eternit (Schweiz) AG zuständig für architektonische Entwicklungen. Seit 1999 führt er gemeinsam mit Jürg Zimmermann das Architekturbüro Cadosch & Zimmermann GmbH, Architekten ETH/SIA in Zürich.

Show all articles by the author
Kommentar verfassen
The content of this field is kept private and will not be shown publicly.
CAPTCHA
Image CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.