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Gebäudelabel für das nachhaltige Bauen

Publiziert am
22.02.2012
von
Label dienen der raschen, einfachen und klaren Kommunikation zwischen Fachleuten und fachlich nicht spezialisierten Personen. Der Konsument, der biologisch produziertes Gemüse wünscht, achtet beim Einkauf auf den Bio-Knospe-Kleber. Der Bauer, der die Nachfrage nach biologischem Gemüse befriedigen will, lässt seinen Betrieb zertifizieren und überwachen, um seine Produkte für den Konsumenten mit der Bio-Knospe bezeichnen zu können. Beide verständigen sich über einen einfachen Begriff beziehungsweise Aufkleber. Beim nachhaltigen Bauen ist die Sache allerdings komplexer.

Die Norm SIA 112/1 «Nachhaltiges Bauen» enthält 32 Kriterien, welche nachhaltiges Bauen ausmachen. Sie sind untergliedert in die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit: Sozialverträglichkeit, Wirtschaftsverträglichkeit und Umweltverträglichkeit. Die Umweltverträglichkeit umfasst im wesentlichen die Energieeffizienz und die Nutzung erneuerbarer Energien einerseits und die bauökologischen Eigenschaften andererseits.

Dazu lassen sich die folgenden Thesen formulieren:

1. Die Umweltverträglichkeit ist die einzige Nachhaltigkeits-Dimension, die sich relativ griffig definieren lässt und bei welcher klare Anforderungen festgelegt werden können: Mit dem Entscheid für ein MINERGIE-Haus (eventuell sogar für ein MINERGIE-P- oder MINERGIE-A-Gebäude) ist die energetische Seite abgedeckt. Mit dem Zusatz ECO (zu MINERGIE) sind auch die bauökologischen und einige Aspekte aus dem Bereich Sozialverträglichkeit (namentlich gesundheitliche Aspekte) erfasst.

2. Wegen der umfassenden Breite des Begriffs «nachhaltiges Bauen» gibt es kein umfassendes Nachhaltigkeitslabel, das diesen Anspruch auch wirklich erfüllt. Label, welche dieses Ziel anvisieren sind meist Bewertungssysteme, die bei erreichen einer gewissen Punktzahl, die Auszeichnung «nachhaltig» vergeben, möglicherweise sogar in Stufen (zum Beispiel Silber, Gold und so weiter). Die Auswahl der Kriterien ist aber immer stark wertegebunden und oft sogar willkürlich, zufällig und sehr zeitgebunden.

3. Die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit sind so unterschiedlich, dass Bewertungssysteme und allfällige Anforderungen methodisch sehr verschieden gestaltet werden müssen. Ein verschmelzen zu einem einzigen Label macht wenig Sinn. Um nochmals die Analogie zum biologischen Gemüse herzustellen: Dem Konsumenten ist besser gedient, wenn er selber entscheiden kann, ob sein Gemüse biologisch produziert sein soll (Bio-Knospe) und ob es den Grundsätzen von Fairtrade entsprechen soll. Ein gemeinsames «Überlabel» verliert an Gehalt. Der Konsument kann sich nicht mehr vorstellen, was genau alles mit dem Label sichergestellt ist und ob die einzelnen Aspekte seinen Wertungen entsprechen. Ein Überlabel für nachhaltiges Bauen müsste auch eine fast unendliche Zahl von vielfach unvergleichbaren Eigenschaften bewerten und wäre im Einzelfall kaum mehr nachvollziehbar.

Armin Binz war Diskussionsteilnehmer der Swissbau Focus Arena «Bildung für die Bau- und Immobilienwirtschaft – Fachleute von morgen». Sehen Sie im Rahmen des Eventreports die Sendung nach und erfahren Sie, welche Erwartungen Armin Binz an die Ausbildung von Baufachleuten hat.

Armin Binz ist diplomierter Architekt ETH und leitet das Institut Energie am Bau (IEBau) der Fachhochschule Nordwestschweiz. Das IEBau forscht im Bereich des energieeffizienten Bauens und der Nutzung erneuerbarer Energien und bietet einen Master in nachhaltigem Bauen (MAS EN Bau) mit unterschiedlichen einzelnen Zertifikatskursen an. Am IEBau ist ausserdem die Betriebszentale des Gebäudeenergieausweises der Kantone (GEAK) sowie die technische Fachstelle von MINERGIE, die MINERGIE Agentur Bau domiziliert, deren Leiter Armin Binz ebenfalls ist.

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