18. – 21. Januar 2022

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Die Gebäudehülle ist kein Dilemma

In seinem Blog-Beitrag vom 17.11.2015 stellt der Architekt Christian Hönger der Gebäudehülle eine pessimistische Diagnose. Obwohl seine ironisch überhöhte Argumentation genüsslich (grundsätzlich) nachvollziehbar ist: Resignation ist keine Option. Eine Replik. 

Christian Hönger sieht die Gebäudehülle als Patient, dem die Funktion des Tragens und damit des tektonischen Ausdrucks abhandengekommen ist. Er stellt eine verloren gegangene Kommunikation des Gebäudes mit der Stadt und eine zunehmend narzisstische Selbstdarstellung von Solitären im städtebaulichen Kontext fest. Die Angst des Architekten vor Kontrollverlust über die Fassade kann ich persönlich gut verstehen. Aber es stellt sich die Frage: Ist beim Neubau die Orientierung an der steinernen Stadt (derweil erfolgt die Auseinandersetzung mit ihr im Bestand) überhaupt noch zeitgemäss? 

In einer dystopischen Zukunftsvision befürchtet Hönger unter anderem, dass die Fassade zu einem solaren Kraftwerk verkommen könnte, eine – wie mir scheint wenigstens teilweise – nicht ganz unbegründete «Befürchtung». 

Die Herausforderung für Architekten liegt aber gerade darin, sich der (bau-)technologischen Entwicklung zu stellen und als Primus inter Pares im Team von Spezialisten die architektonisch-städtebaulichen Aspekte in ein Gesamtsystem von Architektur und Technik einzubringen und sicherzustellen. 

Die Position des Architekten war zu keiner Zeit einfach respektive unbestritten und wurde – vom klassischen Baumeister bis zum postmodernen Architekten – durch Entwicklung und Fortschritt immer wieder infrage gestellt. 

Die soeben fertiggestellte Wohnüberbauung Weidenhof Limmatfeld in Dietikon des gleichnamigen Büros giuliani.hönger zeigt eine wohltuend ruhige, gleichmässig gestaltete Fassade mit sich abwechselnden geschosshohen Öffnungen und Wandscheiben, mit französischen Balkonen und Fenstertüren zum Öffnen, die auch in ihrer reliefartigen Ausprägung von Tragen und Lasten mit Umgebung und Stadt kommuniziert. 

Es wäre aber durchaus denkbar, dass diese Wandscheiben als hinterlüftete Konstruktion aus einem andern Material bestehen, beispielsweise aus Photovoltaikmodulen, die es bereits in allen möglichen Farben und Oberflächen gibt. Das Gebäude würde dadurch nicht weniger mit der Umgebung kommunizieren, aber es wäre wohl etwas zeitgemässer: Wir befinden uns nämlich mittlerweile im 21. Jahrhundert und bewegen uns in Richtung einer globalen Zivilisation, die aktuell versucht, ihr Energie-und Klimaproblem in den Griff zu kriegen. 

Wir müssen unsere Probleme lösen – nicht die einer dystopischen oder utopischen Gesellschaft.

Guido Honegger ist dipl. Architekt ETH/SIA und Mitglied der Geschäftsleitung des Architekturbüros Vera Gloor AG in Zürich. Des Weiteren ist Guido Honegger Dozent für Architektur und Energieeffizientes Bauen am Forum Energie Zürich (FEZ). Das FEZ ist das Kompetenzzentrum für eine nachhaltige und zukunftsorientierte Energienutzung im Bau- und Siedlungsbereich.

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