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Corona rückt die mechanische Lüftung in den Fokus

Publiziert am 25.02.2021 von Remo Bürgi, Fachjournalist Faktor Journalisten
Raumluftqualität in Zeiten von Corona
Swissbau Dass die Luftqualität in vielen Schweizer Gebäuden nicht den Anforderungen genügt, ist schon länger bekannt. Die Coronapandemie führt uns nun vor Augen, wie wichtig mechanische Lüftungen insbesondere in Nutzbauten sind. (Foto: Meier Tobler Lüftungshygiene AG)



Der Effekt ist wohlbekannt: Wer einen Raum betritt, in dem sich viele Menschen aufhalten, läuft nicht selten gegen eine «Wand». Die als schlecht wahrgenommene Luft entsteht durch Schadstoffe aus diversen Quellen im Raum, hauptsächlich aber durch jene, die der Mensch abgibt. Werden diese Schadstoffe nicht entfernt und durch Frischluft ersetzt, bildet sich buchstäblich «dicke Luft». Das Problem ist, dass wir sie meist nur beim Betreten eines Raums wahrnehmen. Danach gewöhnen sich unsere Sinne rasch daran – wir merken nur bedingt, dass uns die schlechte Luft negativ beeinflusst.

Gebäude können krank machen

Die gesundheitlichen Auswirkungen eines schlechten Innenraumklimas, zu dem neben der Luftqualität auch die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit zählen, sind durch wissenschaftliche Studien belegt. Untersuchungen zeigen, dass beispielsweise Asthmatikerinnen und Allergiker bei schlechter Luft mehr Krankheitssymptome zeigen. Nutzende beklagen sich zudem öfter über Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schleimhautreizungen, wenn die Luftqualität nicht den Anforderungen genügt. Eine mögliche Folge ist das sogenannte Sick-Building-Syndrom: Menschen bekommen verschiedene gesundheitliche Beschwerden, wenn sie sich in einem bestimmten Gebäude befinden. Nach dem Verlassen des Gebäudes klingen die Beschwerden wieder ab.

CO2 als Richtwert

Doch wie lässt sich eine gute Raumluftqualität überhaupt definieren? Dazu dient in der Regel die CO2-Konzentration, weil sich diese mit einem entsprechenden Messgerät einfach feststellen lässt und weil sie mit der Konzentration anderer vom Menschen abgegebener Schadstoffe korreliert. Sie wird in «parts per million» (ppm) angegeben, also in «Teilchen pro Million». Die CO2-Konzentration in der Aussenluft beträgt heute rund 400 ppm, also 400 CO2-Moleküle pro Million Moleküle in der Luft. In Innenräumen gilt normalerweise ein Wert von unter 1400 ppm noch als tolerierbar. Bei mehr als 2000 ppm nehmen die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit stark ab und die gesundheitlichen Belastungen steigen.

Schulzimmer oft ungenügend

Vor allem in Innenräumen, in denen sich viele Menschen aufhalten, nimmt die CO2-Konzentration ohne ausreichende Belüftung rasch zu. Ein Beispiel dafür sind Schulzimmer. Das Bundesamt für Gesundheit BAG hat in einer 2019 publizierten Studie festgestellt, dass zwei Drittel der 100 untersuchten Schulzimmer während des Unterrichts eine teilweise deutlich ungenügende Luftqualität aufwiesen. Auch in grossen Büros mit einer hohen Belegung auf kleinem Raum dürfte die Luftqualität oft ungenügend sein. 

Raumluftqualität in Zeiten von Corona
Wie in Schulzimmern befinden sich auch in Grossraumbüros oft viele Menschen auf engem Raum. Ohne entsprechende mechanische Lüftung ist eine ungenügende Raumluftqualität fast unvermeidlich. (Foto: Pixabay)

Aerosole übertragen das Virus

Die Coronakrise hat das Bewusstsein für die Problematik der schlecht gelüfteten Räume in den Fokus gerückt. Im Verlauf der Pandemie wurde klar, dass das Virus nicht nur durch Tröpfchen übertragen wird, sondern auch durch Aerosole, die ebenfalls vom Menschen abgegeben werden. Aerosole sind Flüssigkeits- oder Feststoffpartikel, die so klein und leicht sind, dass sie im Gegensatz zu den Tröpfchen nicht oder nur sehr langsam sinken. Deshalb schweben sie teilweise über längere Zeit in der Luft. Je höher die Konzentration von mit dem Virus kontaminierten Aerosolen in einem Raum, desto grösser ist die Gefahr einer Infektion für die Anwesenden.

CO2-Messgeräte nutzen

Gemäss einer Dokumentation der REHVA (Federation of European Heating, Ventilation and Air Conditioning Associations) korreliert die Aerosol-Konzentration in einem Raum mit der CO2-Konzentration. Anhand eines CO2-Messgeräts lässt sich also ablesen, ob sich die möglicherweise kontaminierte Aerosol-Konzentration in einem gefährlichen Bereich bewegt. Die Lüftungsfachleute der REHVA empfehlen, die CO2-Konzentration unter dem Wert von 800 bis 1000 ppm zu halten. Damit sollte sich das Risiko einer Infektion über Aerosole minimieren (wenn auch nicht ganz ausschliessen) lassen.

Raumluftqualität in Zeiten von Corona
In der aktuellen Corona-Situation sollte die CO2-Konzentration in Innenräumen wie Büros oder Schulzimmern unter 800 bis 1000 ppm liegen. (Foto: Faktor Journalisten)

Lüften über die Fenster

Um die CO2-Konzentration im definierten Bereich zu halten, ist ein regelmässiger Luftaustausch nötig. Mit manuellem Lüften lässt sich die Konzentration senken, doch nach dem Schliessen der Fenster steigt sie rasch wieder an. Zudem ist es vor allem im Winter und im Sommer wegen der Aussentemperaturen nicht sehr angenehm, wenn die Fenster andauernd geöffnet werden müssen. Während der aktuellen Pandemie ist es allerdings ratsam, die Gesundheit höher zu gewichten als den Komfort und daher regelmässig zu lüften. Dabei kann ein CO2-Messgerät helfen: Es zeigt (manchmal auch mit einem Farbcode) an, wann die Konzentration zu hoch wird und die Fenster geöffnet werden müssen.

Konstanz dank mechanischer Lüftung

Wesentlich zuverlässiger als das Lüften von Hand ist eine mechanische Lüftungsanlage. «Der Hauptvorteil liegt vor allem im konstanten Luftwechsel», erklärt Thomas Marthaler, Geschäftsleiter der Meier Tobler Lüftungshygiene AG. «So kann garantiert werden, dass die belüfteten Räume laufend mit gefilterter Frischluft versorgt werden und verbrauchte, belastete Luft abgeführt wird.» 

Raumluftqualität in Zeiten von Corona Raumluftqualität in Zeiten von Corona
Die Grafik zeigt anschaulich, wie sich die Aerosolkonzentration (rote Punkte) in einem Raum ohne (1. Grafik) und mit mechanischer Lüftung (2. Grafik) entwickelt. (Grafik: REHVA)

Je nach Gebäude- und Raumtyp bieten sich dezentrale oder zentrale Lüftungsanlagen an. In der aktuellen Corona-Situation zu vermeiden sind gemäss Marthaler sämtliche zentralen Umluftanlagen. Sie können kontaminierte Aerosole im Gebäude verteilen und sollten abgeschaltet werden. Ist dies nicht möglich, empfehlen Fachleute, zumindest einen passenden Filter zu installieren, der Aerosole abscheiden kann (sogenannte Feinstaub- oder HEPA-Filter). «Alle anderen Lüftungssysteme aber tragen bei richtigem Betrieb immer zur Reduktion der Infektionsgefahr bei», sagt Marthaler.

Bei Neubauten und Sanierungen einplanen

Ein bestehendes Gebäude für die aktuelle Bedrohungslage rasch nachzurüsten, ist dem Lüftungsexperten zufolge allerdings aufwendig und kostspielig und daher auf die Schnelle kaum sinnvoll. Er empfiehlt aber, bei Neubauten und umfassenden Sanierungen dem Lüftungsaspekt einen höheren Stellenwert einzuräumen und die Installation einer mechanischen Lüftung zu prüfen. Dies gelte für Nutzbauten, in denen sich viele Menschen aufhalten, aber auch für den Wohnungsbereich. Dabei darf man nicht vergessen, dass mechanische Lüftungen nicht nur in Pandemiezeiten die Gesundheit schützen, sondern auch in «normalen» Zeiten für eine hohe Raumluftqualität sorgen. So lässt sich der anfangs beschriebene Mief vermeiden und eine gesunde Umgebung für Bewohnerinnen und/oder Nutzer sicherstellen.

Remo Bürgi

Remo Bürgi

Remo Bürgi ist Kommunikator ZFH und arbeitet als Fachjournalist bei Faktor Journalisten. Er verfasst Beiträge für Publikationen des Faktor Verlags ebenso wie für verschiedene Fachzeitschriften und Blogs. Sein Schwerpunkt liegt auf den Themen Energie, Nachhaltigkeit und Mobilität.

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