Blog
Zurück zur Übersicht

Raumplanung in den Alpen beginnt bei deren Menschen

Publiziert am 20.09.2017 von Hans-Georg Bächtold, Raumplaner ETH/SIA und Generalsekretär SIA
Raumplanung in den Alpen beginnt bei deren Menschen

Meinung Knapp die Hälfte der Schweizer Landfläche ist alpin, weitere 12 Prozent sind voralpin. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Alpenraum und die Annäherung an dessen Menschen und deren Kultur sind für den SIA deshalb unerlässlich auf dem Weg zu einem hochwertig gestalteten Lebensraum Schweiz.

Der SIA tauscht sich regelmässig mit Vertreterinnen und Vertretern der Alpenregionen aus, zuletzt mit solchen aus den Kantonen Tessin und Uri. In beiden Regionen findet seit Jahren eine demografische Konzentration statt. Der Klimawandel beeinträchtigt den Wintertourismus und die Landwirtschaft, dem Kleingewerbe bleiben die Kunden aus. Die wirtschaftliche Perspektivlosigkeit führt zur Abwanderung aus den Seitentälern in die «Regiopolen» der Kantone. So ist beispielsweise die Bevölkerung der drei Stadtregionen Bellinzona, Locarno und Lugano um rund 15 Prozent gewachsen. Dort leben heute rund 100’000 Personen oder annähernd ein Drittel der Gesamtbevölkerung des Kantons. Im Ergebnis fehlt es in den Seitentälern zunehmend an Menschen und Steuergeldern für die Pflege der Kulturlandschaft sowie für den Unterhalt der Infrastruktur und der gemeinnützigen Bauten.

Was soll oder kann man tun?

Als in Zürich lebender Städter und mit der Kultur der Alpen nicht wirklich vertraut gebe ich lieber die, wie ich finde, anregenden Gedanken von zwei Frauen weiter, die ich im Rahmen des bereits erwähnten Austausches kennen und schätzen lernen durfte: die Urner Regierungsrätin Heidi Z’graggen sowie die aus Airolo stammende und dort ansässige Architektin Francesca Pedrina.

Heidi Z’graggen will sich grundsätzlich vom Paradigma «Alpenregion schwierig, Metropolitanraum gut» befreien. Sie will die sich aus dem Topos ihres Kantons ergebenden Eigenheiten selbstbewusst als Chance sehen oder sogar als Trumpf ausspielen. Sie wünscht sich mehr Mut zu regional differenzierten Lösungen. Das Ziel sei, um es mit ihren Worten zu beschreiben, «nicht noch mehr vom Gleichen, sondern mehr Eigenständigkeit, mehr Andersartigkeit». Auch will sie mehr Solidarität zwischen den Regiopolen und den entlegenen Gebieten und insbesondere mit partizipativen Prozessen neue Anreize für das Leben in diesen Orten schaffen.

Auch Francesca Pedrina betont, wie wichtig es sei, die Menschen, in deren Lebensraum man hineinwirkt, auf die Um- und Neugestaltungsreise mitzunehmen. Ja, nicht nur das: Bei der Umsetzung ihrer konkreten Interventionen als Architektin und Raumplanerin habe sie gelernt, dass es nicht nur darum gehe, den Einwohnerinnen und Einwohnern neue Ideen vorzustellen und sie dafür zu gewinnen.

Vielmehr gelte es, die Innovation aus den Menschen vor Ort heraus erwachsen zu lassen. Nur dann erziele man die echte Akzeptanz und Motivation für Veränderung. Dabei muss Qualität vor Quantität stehen – mit grösster Aufmerksamkeit für die spezifischen geografischen und kulturellen Aspekte.

Für den SIA als Berufsverband von Ingenieuren, Architekten und Umweltfachleuten gilt es hier anzusetzen und weiterzufragen: Was charakterisiert die Landschaft, das Bauwerk und das Leben in den Alpen? Wo sind die Siedlungsschwerpunkte, wo kommt es zum «geordneten» Zusammenzug? Wie gestaltet sich die Mobilität? Wie kann die Wirtschaft gefördert werden? Was ist zu tun für die qualitative Erhaltung und die hochwertige Weiterentwicklung des alpinen Lebensraumes? Welche Infrastruktur ist dafür notwendig? Die Swissbau 2018 bietet die Gelegenheit zum weiterführenden, regionen- und kulturübergreifenden Dialog – alle zusammen und nicht jeder für sich.

Die Veranstaltung «Focus: Neue Perspektiven für den alpinen Raum» im Swissbau Focus setzt sich mit diesem aktuellen Thema auseinander. Reservieren Sie sich bereits heute den Termin.

Bild: Die Sanierung und Umnutzung des alten Schulhauses in Valendas zum «faszinaturRaum» des Naturparks Beverin als Beispiel für die Kraft interkommunaler Zusammenarbeit, von Ralph Feiner
Hans-Georg Bächtold

Hans-Georg Bächtold

Hans-Georg Bächtold ist Forstingenieur und Raumplaner ETH/SIA. Nachdem er in Forschung und Lehre – unter anderem an der ETH – tätig war, leitete er erfolgreich das Ingenieurbüro Oekogeo AG in Schaffhausen. Seit 1998 stand er als Kantonsplaner Basel-Landschaft dem dortigen Amt für Raumplanung vor. Seit 2009 amtet er als Generalsekretär des SIA.

Veröffentlicht unter:

Kommentar verfassen

 
 

 
Captcha