16. – 19. Januar 2024

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Virtual Reality am Bau bringt handfeste Vorteile

Nachgefragt

Wie geht Virtual Reality in der Baubranche? Ganz einfach, sagt Patrik Marty, Mitgründer und CEO von Hegias. Die junge Schweizer Firma bietet mit ihrer einzigartigen VR-Plattform ein Tool, das Architektinnen, Planende und Bauherrschaften in geplante Areale und Bauten eintauchen lässt und ihnen nebst einer virtuellen Zeitreise eine ganze Palette an Vorteilen bringt. 

 

Titelbild: Patrik Marty ist CEO und einer der drei Gründer von Hegias. (Foto: Hegias)

Patrik Marty, wo kann man Virtual Reality (VR) am Bau anwenden?
Grundsätzlich kann man VR über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes anwenden, von der Arealentwicklung über die Planung, den Bau und die Vermarktung bis hin zum Facility Management. Die Akzeptanz ist heute im Planungsprozess und in der Kollaboration am höchsten. Was wir beitragen ist eigentlich ein Content Management System für VR. Mit unserer Plattform kann jeder, egal ob Bauherr, Planer, Bauunternehmer oder Laie, ganz einfach seine eigene virtuelle Welt gestalten und verändern. Voraussetzung ist lediglich eine Planung in 3D. Das Ganze ist also sehr offen und einfach zugänglich. 

 

VR am Bau macht noch nicht gebaute Räume erlebbar – mit wenigen Klicks können Interieurs zusammengestellt und verändert werden. (Screenshot: Hegias)
VR am Bau macht noch nicht gebaute Räume erlebbar – mit wenigen Klicks können Interieurs zusammengestellt und verändert werden. (Screenshot: Hegias)


 

Welche Vorteile bringt das für Architektinnen, Städtebauende, Planende, Bauherrschaften oder Facility Manager?
Insgesamt erlaubt VR sehr viel effizienter zu planen, zu bauen und zusammenzuarbeiten. Das spart Zeit und Geld. Für die Städteplanung, die Arealentwicklung und die Architektur lassen sich ganze Quartiere oder einzelne Gebäude virtuell begehen. Man kann Schattenwürfe oder Aussichten simulieren, Dimensionen skalieren und es braucht keine aufwendigen Modelle oder Mock-ups. Statt lange hin und her zu diskutieren, kann man auf Basis von Visualisierungen einfacher Entscheide fällen. Bei Architekturwettbewerben können beispielsweise die Jurymitglieder von überall auf der Welt remote zusammenarbeiten. Die Kommunikation – egal ob zwischen Jurymitgliedern eines Architekturwettbewerbs, zwischen Fachleuten am Bau oder zwischen Architekten und Bauherrschaften – vereinfacht sich, da alle immer das Gleiche sehen und gemeinsam begehen. Auch Fehler lassen sich vermeiden, da die Fachplanung über alle Gewerke visualisiert werden kann. Selbst das Facility Management profitiert, etwa indem es Offerten auf Basis einer virtuellen Gebäudebegehung erstellt. Bauherrschaften, Immobilienkäuferinnen sowie Interior Designer können verschiedene Materialisierungen ausprobieren und ihr neues Zuhause oder ein Interieur per Drag and Drop gestalten.

 

Nicht nur einzelne Gebäude, sondern ganze Areale lassen sich mit VR visualisieren – bis hin zur Aussicht und dem Schattenwurf. (Screenshot: Hegias)
Nicht nur einzelne Gebäude, sondern ganze Areale lassen sich mit VR visualisieren – bis hin zur Aussicht und dem Schattenwurf. (Screenshot: Hegias)



Wirkt sich das auch ökologisch vorteilhaft aus?
Ja, durch die präzise Planung und die genauere Abstimmung zwischen den am Bau beteiligten Partnern gibt es weniger Kollisionen und Fehlplanungen. Man merkt schneller, ob etwas funktioniert oder nicht. Dadurch braucht es weniger Musterbauten und so spart man Material und letztlich CO2. Auch kann man sich für Besprechungen sehr gut im virtuellen Raum treffen und braucht nicht so viele Sitzungen vor Ort, wodurch lange Anfahrtswege wegfallen. 

Die Begriffe Mixed Reality und Metaverse sind derzeit in aller Munde. Was muss man sich darunter vorstellen?
Mit Metaverse ist eigentlich das Web 3.0 gemeint. Anstatt eine Website auf einem 2D-Bildschirm anzuschauen, taucht man künftig mit einer VR-Brille immersiv in 3D-Welten ein. Als User oder Userin werde ich Teil dieser Welt. Von VR im Bau sprechen wir dann, wenn ein Gebäude nur virtuell und noch nicht physisch existiert. Mit Mixed Reality oder Augmented Reality kann ich virtuelle Elemente in die Realität, etwa ein bereits existierendes Gebäude, reinbringen. 

 

Gemeinsam mit anderen Usern können Gebäude oder Wohnungen begangen werden – egal, wo auf der Welt man sich gerade befindet. (Screenshot: Hegias)
Gemeinsam mit anderen Usern können Gebäude oder Wohnungen begangen werden – egal, wo auf der Welt man sich gerade befindet. (Screenshot: Hegias)



Wo steht die Schweiz beim Bauen mit VR oder AR?
Die Schweiz bewegt sich im internationalen Vergleich etwa im Mittelfeld. Mit Hegias gehören wir aber weltweit zu den Pionieren im Bereich VR beim Bauen. Dadurch tut sich hierzulande doch schon einiges. Die Branche birgt grosses Potenzial und die Bedürfnisse sind weltweit identisch. 

Welches sind die grössten Hürden resp. Herausforderungen? 
Die Hürden sind vor allem mental. Momentan stellen wir fest, dass viele Architektinnen und Architekten noch Berührungsängste haben, da sie einen Mehraufwand und hohe Kosten befürchten. Da kann ich sie aber beruhigen, denn das Anwenden von VR ist sehr intuitiv und auch ohne Vorkenntnisse auf Anhieb verständlich. Einzige Voraussetzung ist eine 3D-Planung in einem gängigen Dateiformat wie etwa IFC, was heute ohnehin in vielen Büros Standard ist. Dieses kann man einfach uploaden und in wenigen Minuten damit arbeiten. Auch die Kosten sind überschaubar. Eine weitere Hürde war bisher die Hardware, die noch nicht sehr weit verbreitet ist. Doch mit der neusten Generation von sogenannten «Stand-Alone VR-Headsets» wie die Oculus Quest 2 – welche von Hegias VR unterstützt werden – ist auch diese Hürde praktisch verschwunden. Es braucht aber sicher noch zwei, drei Jahre, bis das Bauen mit VR in den Köpfen der breiten Masse drin ist.

Wo sehen Sie Chancen?
VR kann künftig den Weg für eine progressivere und innovativere Architektur ebnen. Kurzfristig sehen wir sehr grosses Potenzial in der Planungsphase über alle Anspruchsgruppen, indem die verschiedenen Pläne gemeinsam begangen und besprochen werden können, zum Beispiel im Rahmen von BIM-Kollaborationsmeetings. Damit werden Missverständnisse und Planungsfehler vermieden und man spart Zeit, Geld, wertvolle Ressourcen sowie Nerven. Überdies braucht es künftig auch Architekten und Architektinnen, die den virtuellen Raum im Web 3.0 gestalten – ein komplett neues Tätigkeitsgebiet.

Bei welchen grösseren Projekten wurde Hegias VR bereits angewendet?
In Winterthur baut Implenia in den nächsten Jahren mit der Lokstadt einen neuen Stadtteil. Bei diesem Projekt waren wir bereits in einer sehr frühen Phase involviert. Hegias VR wurde bei der Arealplanung für die 1:1-Begehung anstelle eines «Gipsmodells» eingesetzt oder auch für die Präsentation einer Konzeptstudie für die denkmalgeschützte Hallen bei den Behörden.  Mit der immersiven Begehung gelang es sehr schnell, gemeinsam mit der Denkmalpflege einen Konsens für die künftige Nutzung und den Umbau zu finden. Auch konnten wir die Bauherrschaft bei der Vermarktung dieser Hallen und weiterer Bauten respektive Wohnungen unterstützen.

Sie haben an einem Prototyp für den iRoom an der Swissbau mitgearbeitet. Was muss man sich konkret darunter vorstellen? 
Bei unserem Prototyp für das Uptown Basel ging es darum, die Bedürfnisse der Mieterschaft sehr früh in das Projekt einzubeziehen. Dabei konnten wir den Mieterausbau sowie die Fachplanungen in einer frühen Phase integrieren und diese für alle Beteiligten visuell erlebbar machen. Mehr dazu unter Immersive Show iRoom.
 

Über Hegias

Das Ende 2017 gegründete Start-up beschäftigt rund 20 Mitarbeitende. Die Mission der Firmengründer ist es, die Virtual Reality für die Immobilienbranche zu demokratisieren und sie für alle möglichst einfach, schnell und kostengünstig zugänglich und nutzbar zu machen.
HEGIAS VR ist die weltweit erste automatisierte und cloud- respektive browserbasierte Lösung für die Visualisierung und Kommunikation mit Virtual Reality in der Planungs-, Bau- und Immobilienbranche. 


 

Sandra Aeberhard ist Journalistin und Mitinhaberin der Faktor Journalisten AG sowie des Faktor Verlags. Sie verfasst Texte über nachhaltiges Bauen, Architektur und Design. Der Faktor Verlag publiziert Bücher und Magazine mit Fokus auf die Themenbereiche Architektur, Technik, Energie und Nachhaltigkeit.
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