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Sorgsamer Umgang mit Farbe in der Architektur

Publiziert am
15.01.2021
von
News  Farbe ist ein wichtiges Element in der Architektur. Doch vor allem im Aussenraum gilt es, die Farbwahl sorgfältig anzugehen. Eine Analyse des Kontextes ist ratsam, will man als Hauseigentümerin oder -eigentümer nicht Gefahr laufen, den Unmut der Nachbarschaft auf sich zu ziehen.


«Die Farbe ist in der Architektur ein ebenso kräftiges Mittel wie der Grundriss und der Schnitt.» Mit diesem Satz hat der Schweizer Architekt Le Corbusier die Bedeutung von Farbe in der Architektur auf den Punkt gebracht. Doch nicht nur Le Corbusier war ein Meister im Umgang mit Farbe. Auch der mexikanische Architekt Luis Barragàn schuf Bauten, die mit ihren Farbkompositionen ihre Betrachter in den Bann zogen. Seit jeher ist Farbe essentieller Teil der Architektur. Sie kann verschiedene Wirkungen und Stimmungen erzeugen, bauliche Qualitäten hervorheben oder Bezüge nach innen und aussen herstellen.

Fassade ist visuelles Allgemeingut

Doch am Gebrauch von Farben scheiden sich oft die Geister. Denn das Farbempfinden ist subjektiv. Was der eine als stimmungsvolle Komposition wahrnimmt, ist für den anderen zu viel des Guten. Besonders im Aussenraum kann ein Farbanstrich zu heftigen Reaktionen führen. Häuser, egal wo sie stehen, sind immer Teil eines Kontextes. Es ist wichtig, dass sich Hausbesitzerinnen und -besitzer dessen bewusst sind, denn ihr Haus ist visuelles Allgemeingut. «Auch freistehende Objekte sind Teil eines Ganzen – einer Siedlungsstruktur, einer Häuserzeile oder einer landschaftlichen Topografie. Privat sind nur die Innenräume von Wohnbauten», sagt Marcella Wenger-Di Gabriele, Farbgestalterin und Co-Leiterin des Instituts Haus der Farbe in Zürich.

Bevor man sich für eine neue Fassadenfarbe entscheidet, sollte man den Blick über die eigene Grundstückgrenze hinausschweifen lassen. Marcella Wenger-Di Gabriele rät zu einer sachlichen Analyse der Situation. «Ob Stadt, Dorf oder kleiner Weiler – jeder Ort hat seine eigene Farbgebung, die oft über Jahrzehnte oder im Falle von historischen Stadtkernen gar über Jahrhunderte gewachsen ist.» Viele der verwendeten Farben haben eine lange Tradition und sind von lokal verfügbaren Materialien und Farbtönen geprägt. Steht das Gebäude allein auf weiter Flur, kann der Ausgangspunkt für die Farbgebung auch die Natur sein. Als Hausbesitzer tut man gut daran, die eigenen Vorlieben hintenanzustellen, denn die Lieblingsfarbe mag zwar bei einem Kleid toll aussehen, an die Fassade gehört sie nicht.

Besondere Sorgfalt ist angesagt, wenn sich ein Gebäude in einem historischen Kontext befindet. In den vergangenen Jahren hat die Fachstelle «Farbe und öffentlicher Raum» vom Haus der Farbe im Auftrag von Städten, Kantonen oder Gemeinden eine Reihe von praktischen Instrumenten entwickelt, um Architektinnen und Architekten bei der Beratung von Bauherrschaften zu unterstützen. Das Standardwerk «Farbraum Stadt – Zürich» beinhaltet beispielsweise ein flächendeckendes Inventar der Fassadenfarben und -materialien innerhalb der Stadt Zürich mit quartierspezifischen Ausprägungen. Wer die Farbe seiner Hausfassade umsichtig wählt, kann sich im Gegenzug darüber freuen, einen wesentlichen Beitrag zu einer optisch gelungenen Gesamterscheinung eines Dorfes, einer Strasse oder eines Quartiers geleistet zu haben.

Farbe in der Architektur
Keine anderen Bauten in Zürich zeigen die typischen Farben der 1980er-Jahre in einem derart fein abgestimmten Farbklang wie die Mehrfamilienhäuser nahe der Stadtgrenze zu Zollikon. Den Schlüssel zum Farbkonzept von Liby Raynham und René Haubensack bildet das lebendige Grau, das die Farben der Umgebung in sich aufnimmt. (Foto: Haus der Farbe)

Gestaltungsfreiheit im Innenraum

Mehr Freiraum bei der Farbwahl gibt es im Innenraum. Doch kommen Laien schnell an ihre Grenzen, wenn es darum geht, ein Farbkonzept für ein ganzes Haus oder eine Wohnung mit Küche, Bad, Wohn- und Schlafräumen zu entwickeln. Wahrlich keine einfache Aufgabe, denn am Ende soll ein stimmungsvolles Ganzes entstehen. Wer in seinem Haus ein Farbkonzept wünscht, tut gut daran, eine Farbgestalterin für fachkundige Unterstützung beizuziehen. Denn auch für die Farbgebung im Innern gibt es keine Patentrezepte. Viel mehr gilt es, die Bedürfnisse der Bewohnenden sowie die baulichen Gegebenheiten zu analysieren. Sollen bestimmte Zonen durch Farbe akzentuiert werden? Oder sollen die Räume eher in naturnahen Farbtönen gehalten werden, die eine Verbindung zu aussen herstellen? Kräftige Farben können die Architektur in den Hintergrund rücken lassen. Gekonnt eingesetzt, kann eine Wandfarbe aber auch ein Objekt in den Fokus rücken. Doch Farbe ist wesentlich mehr als nur ein Anstrich. Auch die Lichtverhältnisse und die Oberflächen der Wände gilt es genau zu erfassen, denn diese können Farben ganz unterschiedlich wirken lassen.

Bei Altbauten gleicht die Arbeit einer Farbexpertin oft jener einer Archäologin. Schicht um Schicht trägt sie die Oberflächen an den Wänden ab, um einen Blick in die Vergangenheit des Gebäudes zu werfen. Oft mit erstaunlichem Ergebnis, denn nicht selten kommen unter unzähligen Farbanstrichen kunstvolle Tapeten zum Vorschein. Weshalb nicht deren Farbigkeit als Ausgangspunkt für Neues nehmen? Ob gekonnt farbig oder zurückhaltend in Weisstönen – das Ziel einer guten Farbwahl ist immer dasselbe: Eine Umgebung kreieren, in der sich die Bewohnerinnen und Bewohner wohl fühlen und die ihnen genug individuellen Gestaltungsspielraum lässt.

Farbe in der Architektur
Ein fein abgestimmtes Farbkonzept von Marcella Wenger macht aus einem Treppenhaus einen stimmigen Ort. (Foto: Marcella Wenger)

Farbe in der Architektur
Die Farbgestaltung einer Altbauwohnung wird der Bausubstanz gerecht und setzt einzelne Akzente. (Farbgestaltung: Marcella Wenger, Foto: Thimotée Zurbuchen)

Weitere Informationen

Haus der Farbe, Zürich hausderfarbe.ch
Bund Schweizer Farbgestalter/innen in der Architektur bsfa.ch

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