18. – 21. Januar 2022

Swissbau Blog

Zurück zur Übersicht

Kreislaufwirtschaft am Bau: «Stellen wir jetzt die Weichen richtig.»

Um den Gebäudepark der Schweiz klimaneutral zu gestalten, müssen wir konsequent kreislauffähig bauen. Was es dazu braucht – und was heute bereits möglich ist – weiss Dr. Peter Richner, stellvertretender Direktor der Empa.

Titelbild: Der Erweiterungsbau des Kunsthaus Zürich wurde grösstenteils aus Recyclingbeton und mit CO2-reduziertem Zement erstellt. (Bild: © Juliet Haller, Amt für Städtebau, Zürich)

Die Schattenseiten der Bauwirtschaft sind bekannt: Bauen benötigt viel Energie, verantwortet einen hohen Ausstoss von Treibhausgasen und verbraucht grosse Mengen an Material. Trotzdem werden Gebäude vor dem Ende ihrer Lebensdauer abgebrochen – auf rund 17 Mio. Tonnen summiert sich das Abbruch- respektive Rückbaumaterial laut Bundesamt für Umwelt (Bafu) jährlich. Das sind 19 Prozent des gesamten Abfallaufkommens in der Schweiz.

Kein Abfall, sondern Rohstoffe
Wobei der Ausdruck Abfall irreführend ist: Schon lange werden Gebäude nicht mehr einfach abgebrochen, sondern selektiv rückgebaut und die Materialien dabei getrennt. Stolze 70 Prozent der Rückbaumaterialien werden im Schnitt wiederverwertet, aufbereiteter Bauschutt beispielsweise als Bestandteil von Recyclingbeton. Metalle werden sogar zu 98 Prozent rezykliert. Dennoch landen rund 5 Mio. Tonnen Rückbaumaterial auf der Deponie oder werden verbrannt. Weil die Materialien sich nicht sortenrein trennen lassen, weil sie Schadstoffe enthalten, oder weil es für die Verwertung weder Anwendungen noch Nachfrage gibt.

Ressourcen im Kreislauf halten
Insgesamt ist das Recycling im Schweizer Bauwesen auf einem guten Weg, doch es gibt noch Luft nach oben. Recycling schont die natürlichen Ressourcen und verkleinert den Abfallberg. Allerdings benötigen Rückbau und Verwertung von Baumaterialien viel Energie und verursachen Treibhausgasemissionen – zusätzlich zur grauen Energie und zu den Emissionen, die bei der Erstellung des Gebäudes angefallen sind. Es gilt also nicht nur das Recycling weiterzuentwickeln, sondern das ganze System anzupassen, um nachhaltiger zu bauen und um das vom Bundesrat gesteckte Netto-Null-Ziel für Treibhausgasemissionen bis 2050 zu erreichen.

Hier kommt die Kreislaufwirtschaft ins Spiel, bei der im Idealfall kein Abfall anfällt, sondern Ressourcen dauerhaft im Kreislauf gehalten werden. Dies kann die Rückführung in einen biologischen Kreislauf sein, etwa durch Kompostieren, oder ein technischer Kreislauf, der bedingt, dass Bauteile repariert, wiederverwendet oder rezykliert werden.

Erhalten, wiederverwenden, rezyklieren
Die naheliegende Lösung ist, Gebäude möglichst lange zu erhalten. Um Gebäude ohne tiefe – und damit energie- und ressourcenintensive – bauliche Eingriffe für neue Nutzungen und geänderte Anforderungen zu adaptieren, müssen die baulichen Strukturen allerdings flexibel genug sein. Auch ein sehr schlechter baulicher Zustand oder die Ökobilanz können gegen einen Erhalt sprechen.

Können Bauten wirklich nicht mehr weitergenutzt werden, lassen sich einzelne Bauteile wie Türen, Heizkörper oder Fassadenelemente wiederverwenden – in einem Neubau am gleichen Ort oder in Neu- oder Umbauten in der Nähe. Was nicht weiter- oder wiederverwendet werden kann, wird idealerweise stofflich verwertet.

Gebäude als Materiallager
Kreislauffähige Gebäude müssen nicht nur ressourcen- und materialeffizient, sondern auch sortenrein rückbaubar geplant werden. «So wird die Wiederverwendung in Zukunft einfacher», sagt Dr. Peter Richner, stellvertretender Direktor der Empa, «Re-Use ist heute schon technisch machbar, die Beschaffung der Materialien und Komponenten aber sehr zeitaufwändig und damit teuer. Stellen wir jetzt die Weichen richtig, ist die Kreislaufwirtschaft in der Baubranche realisierbar.» Das sei unabdingbar, um die gebaute Umwelt in der Schweiz bis 2050 klimaneutral zu gestalten.

 

Dr. Peter Richner, stellvertretender Direktor der Empa
Dr. Peter Richner, stellvertretender Direktor der Empa

 

Konkret sei in der Planung auf die konsequente Trennung der Gewerke zu achten, und die Art und Qualität der verwendeten Materialien und Komponenten sei sauber zu dokumentieren. Plattformen dafür existieren bereits, beispielsweise Madaster. Gebäude würden also von vornherein als Materiallager für zukünftige Bauten konzipiert.

Die Mentalität entscheidet – und der Preis
Digitalisierung, BIM und Vorfabrikation sind Konzepte, die laut Peter Richner das Bauen in geschlossenen Kreisläufen stark vereinfachen. Die grössten Hürden seien aber nicht technischer Art, sondern in den Köpfen – es brauche eine Änderung der Mentalität. Auch Normen und Garantieregelungen für die Wiederverwendung fehlen heute noch. «Und natürlich würde es helfen, wenn nicht erneuerbare Ressourcen einen angemessenen Preis erhielten und somit eine Fairness im Wettbewerb der verschiedenen Konzepte hergestellt würde», meint Peter Richner.

Potenzial schon heute nutzen
Doch können wir nicht noch Jahrzehnte zuwarten und weiter Ressourcen verschwenden wie bisher. Der Markt für Re-Use stecke zwar bestenfalls in den Kinderschuhen, trotzdem sei heute schon viel möglich: «Wir konnten das zusammen mit dem Baubüro in situ exemplarisch in der NEST Unit Sprint aufzeigen, einer Büroeinheit, die zu mehr als 70 Prozent mit Materialien und Komponenten aus Rückbauprojekten realisiert worden ist», erläutert Peter Richner.

Ob es sich um Elektronik, Batterien oder Baustoffe handelt – das Schliessen von Kreisläufen ist laut Richner ein zentrales Thema an der Empa. Darüber hinaus werden auch CO2-negative Technologien benötigt. Einerseits, weil es nicht gelingen wird, alle Prozesse CO2-neutral zu gestalten, andererseits, weil wir die für eine Stabilisierung des globalen Temperaturanstiegs verträglichen Emissionen überschreiten werden. Deshalb sucht die Empa auch nach Wegen der Wiederverwendung von CO2 im Bau, da hier die grössten Materialströme anfallen und dementsprechend ein grosses Potenzial vorhanden ist.

Wie sich Stoffkreisläufe schliessen lassen und wie das Bauen der Zukunft aussieht, wird Dr. Peter Richner an der Eröffnungsfeier der Swissbau am 18. Januar 2022 näher erläutern.

Die Trennwände im Innern der Sprint-Unit können bei Bedarf wieder abgebaut werden. Sie bestehen aus verschiedenen gebrauchten Materialien wie Teppichfliesen. Auch die Parkettböden sind wiederverwendet.  (Bild: Martin Zeller)
Die Trennwände im Innern der Sprint-Unit können bei Bedarf wieder abgebaut werden. Sie bestehen aus verschiedenen gebrauchten Materialien wie Teppichfliesen. Auch die Parkettböden sind wiederverwendet. 
(Bild: Martin Zeller)


 

Für die Fassade der Sprint-Unit wurden am NEST-Gebäude abmontierte Holzlatten wiederverwendet. Die PV-Module stammen von vergangenen Projekten.  (Bild: Martin Zeller)
Für die Fassade der Sprint-Unit wurden am NEST-Gebäude abmontierte Holzlatten wiederverwendet. Die PV-Module stammen von vergangenen Projekten. 
(Bild: Martin Zeller)
 

Katharina Köppen, dipl. Ing. Architektur, ist Fachjournalistin bei Faktor Journalisten. Sie verfasst Beiträge für die Publikationen des Faktor Verlags sowie für Fachzeitschriften und Blogs. Dabei beschäftigt sie sich vor allem mit den Themenfeldern Architektur, Bauen, Energie und Nachhaltigkeit.

Alle Beiträge des Autors anzeigen
Kommentar verfassen
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.

Themen

Rubriken

Aktuelle Kommentare

Archive