18. – 21. Januar 2022

Swissbau Blog

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«Jede und jeder kann die Transformation mittragen»

Wenn es darum geht, klimaschonender und nachhaltiger zu bauen, sind alle gefragt, sagt Prof. Barbara Sintzel. Die Leiterin des Instituts «Nachhaltigkeit und Energie am Bau» der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW erklärt, welchen Beitrag die Forschung leisten kann und wo der Hebel angesetzt werden muss.

Barbara Sintzel, wie soll es nach der Ablehnung des CO2-Gesetzes weitergehen bei Klima und Energie?

Die Vorlage ist nur knapp abgelehnt worden – zu einem anderen Zeitpunkt wäre das Resultat womöglich anders ausgefallen. Die Unwetter und der viele Regen im vergangenen Sommer haben zudem nochmals vor Augen geführt, dass die Schweiz von den klimatischen Veränderungen direkt betroffen ist. Es braucht nun eine politisch breit abgestützte Lösung, um unsere Wirtschaft rasch zu dekarbonisieren. Subventionen dürften einfacher umsetzbar sein als Verbote oder Zusatzabgaben. Man sollte aber auch prüfen, wie sich externe Kosten internalisieren lassen, um ökologisch sinnvolle Konzepte zu unterstützen.

Welchen Beitrag kann die Bildungslandschaft Schweiz leisten?

Die Bildungsinstitutionen sind daran, die Themen der Energie- und Klimawende und der Transformation noch stärker in die Studiengänge zu integrieren. So gibt es an verschiedenen Hochschulen Symposien zu «Netto Null» oder «Energie und Material». Auch die Kreislaufwirtschaft wird stark thematisiert. Gleichzeitig gibt es auch schon eine breite Palette an Weiterbildungslehrgängen zu Energie und Nachhaltigkeitsthemen im Bauwesen an einigen Fachhochschulen und ein MAS in nachhaltigem Bauen (EN Bau), in dem fünf Fachhochschulen zusammengeschlossen sind.

Daneben haben Hochschulen die Möglichkeit, den Weg in eine nachhaltigere Zukunft mit Forschung und technischen Innovationen zu weisen. Das ist wichtig, denn dabei sind noch einige Fragen offen. An der FHNW haben wir beispielsweise das Programm «greenBIM» entwickelt. Es ermöglicht Architektinnen und Planern, schon früh im Entwurf die graue Energie und die Treibhausgasemissionen eines Projekts zu berechnen und zu optimieren. Wir werden «greenBIM» an der Swissbau 22 vorstellen – Interessierte dürfen gerne vorbeischauen und mit uns den Austausch suchen.

Welche Akteure sind sonst noch gefordert, damit künftig nachhaltigere Gebäude gebaut werden?

Gefordert ist sicher die Politik, denn bei gewissen Regularien und Baugesetzen sind Anpassungen nötig. Der Wert des Bestehenden und auch die graue Energie sollten in den Baugesetzen generell höher gewichtet und der Rückbau von noch funktionsfähigen Gebäuden vermieden werden. Verdichtungskonzepte sollten die Erweiterungsmöglichkeit des Bestands berücksichtigen.

Selbstverständlich ist es auch Aufgabe der Besteller und Baufachleute, auf Nachhaltigkeit zu achten und diese einzufordern. Statt Ersatzneubauten sind heute vielmehr Konzepte gefragt, die den Bestand in die Planung integrieren und diesen weiterentwickeln. Ein wichtiger Aspekt ist zudem die Begrünung der Umgebung, die bei Verdichtungsprojekten oft unter Duck gerät. Dabei gilt es den Baumschutz zu stärken und Restflächen ökologisch hochwertig zu bauen. Auch Mini-Oasen können die Biodiversität fördern und zu einem verbesserten Stadtklima beitragen.

Auch die Medien können einen Beitrag leisten. Die mediale Resonanz auf den kürzlich publizierten neuen Report des Intergovernmental Panel on Climate Change IPCC zum Beispiel war aus meiner Sicht noch ungenügend. Die Medien müssen vermehrt aufzeigen, welche Auswirkungen der Klimawandel konkret hat – heruntergebrochen auf Länder und Regionen.

Wo sollte man ansetzen, um den Ausstoss von Treibhausgasen über den ganzen Lebenszyklus eines Gebäudes zu reduzieren?

Eine Immobilie sollte möglichst integral geplant werden, indem ihr gesamter Lebenszyklus berücksichtigt wird. Wer die graue Energie eines Gebäudes verkleinert, reduziert gleichzeitig die Treibhausgasemissionen, denn die beiden Werte korrelieren stark. Die Materialwahl spielt hierbei eine

entscheidende Rolle. Ein sorgfältiger und optimierter Einsatz ist vor allem bei Materialien wichtig, die für ihre Herstellung hohe Temperaturen benötigen, also zum Beispiel Zement, Eisen oder auch Fensterglas. Die Produzenten sind gefordert, klimafreundlichere Alternativen zu ihren Materialien zu entwickeln. Einige Branchen sind schon aktiv daran, ihre Roadmap für Netto Null umzusetzen – das stimmt mich positiv.

Gebäude werden hierzulande oft leichtfertig rückgebaut. Das sollte man vermeiden, denn dabei entsteht viel Abfall. In der Schweiz kommen so jedes Jahr rund 17 Millionen Tonnen Bauschutt zusammen, die nur zu einem Teil recycliert werden.

Wie kann sich die Kreislaufwirtschaft in der Schweizer Baubranche durchsetzen?

Ich sehe verschiedene Ansätze, die dazu beitragen können. Erste Priorität sollte stets die Wiederverwendung von Materialien haben, denn damit lässt sich am meisten graue Energie einsparen. Es gibt mittlerweile viele gute Beispiele dafür, wie das funktionieren kann. Wenn eine Wiederverwendung nicht möglich ist, bietet sich das Recycling an. Recycelte Materialien werden wirtschaftlich attraktiver, wenn man die externen Kosten bei den Primärrohstoffen einrechnet. Recyclingmaterial muss zum Standard werden. Primärbeton beispielsweise sollte man nur noch verwenden, wenn der Einsatz von Recyclingbeton nicht möglich ist. Schliesslich gilt es, erneuerbare Materialien wie Holz oder Stroh zu bevorzugen. Sie benötigen keinen aufwendigen Herstellungsprozess, sind regional verfügbar und lassen sich weiterverwenden.

Was braucht es, damit die Schweiz die Ziele der Energiestrategie 2050 erreicht?

Meiner Meinung nach nehmen die Städte und Gemeinden dabei eine Schlüsselrolle ein. Rund 400 Kommunen sind bereits im Energiestadtprogramm eingebunden – und trotzdem ist der Weg zu Netto Null noch weit. Bei der Stromversorgung konnten wir zwar einige Fortschritte machen, doch das Winterhalbjahr bleibt eine Herausforderung. Schwieriger ist es bei der Wärmeversorgung, da besteht noch eine grosse Abhängigkeit von Öl und Gas. Es braucht dringend weitere Anstrengungen, um diesen Bereich zu dekarbonisieren, beispielsweise indem Nahwärmeverbunde mit erneuerbaren Energien gefördert werden.

Auch die Mobilität verursacht nach wie vor viele Treibhausgasemissionen. Nebst der Förderung von klimaschonenden Antriebstechniken sind auch die Förderung des Langsamverkehrs sowie die Entwicklung von Mobilitätskonzepten und Sharing-Angeboten gefragt. Wichtig ist, dass wir alle den Handlungsspielraum im Alltag ausloten, um die Transformation zu erreichen und die Klima- und Energiewende zu schaffen.

 

Grafik Green BIM

GreenBIM kann als Plugin für Revit und ArchiCAD integriert werden. Damit können die graue Energie oder die Treibhausgas-Emissionen im Entwurf direkt sichtbar gemacht und optimiert werden.

Remo Bürgi ist Kommunikator ZFH und arbeitet als Fachjournalist bei Faktor Journalisten. Er verfasst Beiträge für Publikationen des Faktor Verlags ebenso wie für verschiedene Fachzeitschriften und Blogs. Sein Schwerpunkt liegt auf den Themen Energie, Nachhaltigkeit und Mobilität.
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