16. – 19. Januar 2024

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In Daten stecken viele unterschätzte Möglichkeiten

Nachgefragt

Vor fünfzig Jahren hätte sich wohl kaum jemand vorstellen können, welches Potenzial digitale Daten bergen. Doch nur, wer sie richtig zu nutzen und zu verknüpfen weiss, macht ihren Wert sichtbar. So lassen sich neue Erkenntnisse aus bereits vorhandenen Daten ziehen und überdies kann abgewogen werden, mit welchen zusätzlichen Daten der Mehrwert nochmals gesteigert werden kann.

Die in Daten steckenden Möglichkeiten werden oft unterschätzt, denn der Wert von Daten wird erst sichtbar, wenn diese digital vorliegen. Den Google-Gründern fehlte am Anfang ein erfolgreiches Geschäftsmodell. So habe ihnen erst «Overture», die Suchmaschine der Konkurrenz, vorgezeigt, dass die erhobenen Daten zu Marketingzwecken nutzbar gemacht werden können, wie Shoshana Zuboff, emeritierte Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Harvard Business School, recherchiert hat. Die Google-Gründer wollten zuerst nicht oder nur zögerlich ins Werbegeschäft einstiegen, doch haben sie ihre Haltung rasch geändert.

Lebenslängliche Datenspur

Auf Daten basieren viele unserer Entscheide. Und dieselben Daten können je nach Beobachterstandpunkt als gut oder als schlecht taxiert werden. Leider war die Gesellschaft in den letzten fünfzig Jahren, als die «Welt in den Computer kam», um einen Buchtitel von David Gugerli, Professor für Technikgeschichte an der ETH zu verwenden, komplett überfordert, mit den neuen Möglichkeiten umzugehen, sie einzuordnen, zu beurteilen und zu kontrollieren. Erst im Gutachten der deutschen Datenethikkommission von 2019 wurden mögliche Regeln dazu diskutiert. Da einen die gelegte Datenspur lebenslänglich verfolgen kann, ist es von grosser Bedeutung, sich dieser Tatsache bewusst zu sein und entsprechend zu handeln.

IBM-Lochkarte aus den 1960er-Jahren (Archiv Urs Wiederkehr)
IBM-Lochkarte aus den 1960er-Jahren (Archiv Urs Wiederkehr)

 

Ob Sorge, also ein bedrückendes Gefühl von Angst, angebracht ist, lässt sich nur im individuellen Anwendungsfall beurteilen. Doch leider hängt wegen vieler negativer Erfahrungen ein Damoklesschwert über jeder Datenanwendung: Der Datenschutz, also der Schutz vor Missbrauch von personenbezogenen Daten, hat unbestritten seine Bedeutung. Er darf aber nicht dazu führen, jede neue Anwendungsidee von Beginn an zu ersticken. Bei den verschiedenen Programmen, die im Umfeld der Bau- und Immobilienbranche angewendet werden, ist der Personenbezug gering. Dafür spielen Verfahren des Urheberrechtschutzes und datenethische Anliegen eine Rolle. Ein verantwortungsbewusster Umgang ist unumgänglich. Vor allem darf das in der analogen Welt Störende nicht in die digitale Welt mitgenommen werden.

Daten als Mit-Eigentum

Die Macht der Daten besteht gerade darin, dass sie beliebig zu Neuem kombiniert werden können. Der deutsche Soziologe Armin Nassehi stellt aber auch klar, dass, wenn alles vollständig miteinander verknüpft wäre, Daten keine Inhalte liefern könnten: Eine Unterscheidung wäre nicht mehr feststellbar. Zudem lassen sich Daten teilen, ohne dass ein Verbrauch bemerkbar wird. Diese moderne Form des Mit-Eigentums übers Teilen wird also nicht nur in der Sharing Economy angewendet. Abgeltungsregeln für die Nutzung drängen sich auf.

Für viele Vergleiche müssen Daten nicht perfekt sein. Schon einfache qualitative Merkmale wie Gradienten, also Gefälle oder Steigungen von Zahlenreihen, oder gegenseitige Abhängigkeiten, wie grösser oder kleiner, sind besser als nichts, um praxisgerechte Voraussagen machen zu können. Massgeblich sind die Datenmenge und der Anwendungszweck. Dass jedes Berechnungsmodell regelmässig evaluiert werden muss, was einem Abgleich der gerechneten Werte mit der Wirklichkeit entspricht, ist selbstverständlich.

Verknüpfungen führen zu Innovationen

Daten sind sehr flexibel, besonders bei der Nutzung für gezielte Auswertungen. Ein Vorgehen in kleinen Schritten drängt sich auf, so dass neue Möglichkeiten entdeckt werden. Hier gibt es einige Analogien zu Erkenntnissen von Wissenschaftern wie W. Brian Arthur oder Paul Romer bezüglich Erfindergeistes und Wertschöpfung. So meint Arthur, dass «etwas erfinden heisst, es in etwas bereits Bestehendem zu entdecken.» Genauso verhält es sich mit Daten. Romer hält in seiner neuen Wachstumstheorie fest, dass jede Generation nicht nur die Grenzen des Wachstums erfahren, sondern ebenso das Potenzial der Generierung neuer Ideen unterschätzt hat. Romer hat 2018 den Nobelpreisträger für Wirtschaft erhalten. Es sind also die Verknüpfungen, welche die Innovationen aufrechterhalten.

Unbearbeitete Daten haben geringen Wert

Nicht zu vernachlässigen ist die Verfügbarkeit der Daten. Daten müssen vorhanden und zum Zweck der Nutzung aufbereitet sein. Unbearbeitet haben sie einen geringen Wert. Das muss ich oft feststellen, wenn ich nicht durchsuchbare PDF-Dateien erhalte. Sie stellen keinen Mehrwert dar. Lange Zeit behinderten zudem die Ausmasse der Speichermedien die Verfügbarkeit von Daten. So wären vor 50 Jahren für den 64-Gigabyte-Speicher meines Smartphones mehr als dreissig 40-Fuss-ISO-Container voll von Lochkarten notwendig gewesen. Das entspricht einem Zug von über 420 Metern, der Länge von Halle 1 der Swissbau. Nur mit grossem logistischem Aufwand für das zeitgerechte Vorhalten der Lochkarten über unhandliche Lesegeräte wäre eine Nutzung möglich gewesen. Heute ist das Finden der Anschlussfähigkeit fremder Daten an die eigenen bestehenden Projekte zum Glück keine logistische Herausforderung mehr.

In der Fortsetzung dieses Blogs soll anhand einer Datenbank-Anwendung, die an der Swissbau unter fachkundiger Beratung genutzt werden kann, das Potential von Daten und ihrer zielgerichteten Nutzung aufgezeigt werden. Es könnte sich lohnen, das Zeitfenster vom 3. bis 6. Mai 2022 für den Swissbau-Besuch zu reservieren.

Ein 40-Fuss-ISO-Container am Bahnhof Wohlen AG (Foto: Urs Wiederkehr)
Ein 40-Fuss-ISO-Container am Bahnhof Wohlen AG (Foto: Urs Wiederkehr)

Dr. Urs Wiederkehr ist Bauingenieur und Leiter des Fachbereichs «Digitale Prozesse» auf der Geschäftsstelle des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins SIA. Er ist Mitglied des Steering Boards des Swissbau Innovation Labs 2022.

www.sia.ch/swissbau

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