18. – 21. Januar 2022

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Le Corbusier hat sich geirrt

Helle und offene Wohnungen finden auf dem Immobilienmarkt mehr Anklang als andere. Dabei ist die Grösse der Fenster aber nicht einziges Kriterium. Wie die aktuelle Forschung zeigt, sind Position, Form und Materialität genauso wichtig und beeinflussen unser Raumempfinden wesentlich. Das sollte man sich vermehrt zunutze machen! 

In der spezifischen Gestaltung der Innenraumwirkung liegt ein enormes Potential verborgen. Die Baumeister des 19. Jahrhunderts wussten es bereits: Das hochformatige Fenster ist bezüglich Lichtwirkung effizienter als das in der Moderne angepriesene Bandfenster. Eine aktuelle Studie der Abteilung Innenarchitektur an der Hochschule Luzern zeigt, dass Bandfenster bezüglich Helligkeits- und Freiheitsempfinden im Innenraum klar schlechter abschneiden als aufrechte Fenster mit gleicher Glasfläche. Dies, weil im Verhältnis zur hellen Fensterfläche mehr dunkle Raumzonen entstehen. Brüstung und Sturz verschatten zusätzlich die Boden- und Deckenfläche zwischen Öffnung und Betrachter. Interessanterweise wirkt sich beim Hochfenster die grössere Verschattung der Wände weniger stark auf das Helligkeitsempfinden aus. Hochformatige Fenster suggerieren zudem einen Raumausgang und ermöglichen damit ein freieres Raumempfinden. 

Betrachtet man Le Corbusiers Bandfenster-Skizze in den 5 Prinzipien der Architektur, so wird die Lichtwirkung übertrieben positiv dargestellt: Die für das Raumempfinden essentielle Verschattung der Brüstung und des Sturzes hat er dazu geflissentlich ignoriert. Offensichtlich wollte Corbusier mit seiner wenig realistischen Lichtdarstellung nur die formale Neuheit seines Fensters anpreisen. Die präzise Untersuchung der Raumwirkung zeigt uns aber einen klaren Vorteil des französischen Fensters. 

Aus einer heutigen Perspektive betrachtet, bringen grössere Helligkeits- und Freiheitswirkung im Innenraum bei gleicher Fensterfläche sowohl energetisches als auch ökonomisches Potential mit sich: Wohnungen mit aufrechten Fenstern lassen sich über das hellere und freiere Raumempfinden besser verkaufen, ohne dass sie mehr Energie verbrauchen. 

Dadurch wird offensichtlich, dass das grosse Potential der spezifisch gestalteten Innenraumwirkung stärker genutzt werden sollte. Der Planer erhält damit ein konkretes Werkzeug in die Hand, um nicht nur nutzergerechtere Räume gestalten zu können, sondern um zukünftig auch die wahrnehmungsbezogene Dimension der Nachhaltigkeit besser zu nutzen.

Prof. Dominic Haag-Walthert lehrt und forscht an der Abteilung Innenarchitektur der Hochschule Luzern und ist Inhaber des Planungsbüros HAAGWAGNER in Zürich.
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