Blog
Zurück zur Übersicht

Nachgefragt bei Markus Weber, Präsident Bauen digital Schweiz

Publiziert am 05.12.2017 von Redaktion Swissbau
Markus Weber
Nachgefragt In unserer Serie «Nachgefragt» erklärt Markus Weber, Präsident Bauen digital Schweiz, warum die Baubranche nicht länger als „Offline-Kultur“ funktionieren kann. Um wettbewerbsfähig zu sein, brauche es Offenheit, vernetztes Denken und eine Datengrundlage, die zu einer abnehmenden Fehlerquote führe.

Was heisst für Sie Teamwork? Im Unternehmen und mit Geschäftspartnern?
Teamwork im Unternehmen und mit Geschäftspartnern wird im Zuge der Digitalisierung zum entscheidenden Faktor. Das Gebäude der Zukunft wird durch die beteiligten Mitarbeiter Firmen- und Standort-übergreifend kollaborativ in der Cloud entwickelt. Vernetztes Arbeiten ermöglicht örtlich getrennte oder zeitlich asynchron arbeitende Teammitglieder oder Projektmitarbeiter zu koordinieren. Wissen wird explizit und sichtbar, Komplexität vereinfacht, Raum und Zeit können überbrückt werden. Arbeitskräfte, Material oder Infrastruktur können besser und effizienter ausgelastet werden. Es liegt auf der Hand, dass es bei diesen Veränderungen nicht nur um die rein technischen Fragen geht, es handelt sich auch um eine soziale und kulturelle Entwicklung des Kommunikationsverhaltens und der Arbeitsweise der beteiligten Menschen.

Wo sollten die Akteure der Baubranche mehr kooperieren?
Planen und bauen ist von einem starken Disziplinen Denken geprägt, was heute vielfach dazu führt, dass die Einzelbetrachtung über die Gesamtbetrachtung gestellt wird. Die Digitalisierung und Vernetzung wird das Verständnis der verschiedenen Disziplinen und die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Beteiligten grundlegend verändern. Die Digitalisierung verbindet, eliminiert etablierte Schnittstellen und schafft neue Verbindungstellen. Der Gesamtprozess bzw. die integrale Wertschöpfung rückt in den Vordergrund, was Lösungen ermöglicht, die im Sinne des Ganzen optimiert sind.

Mit welchen Branchen, die heute noch nicht relevant für Ihr Unternehmen sind, sehen Sie in den nächsten 10 Jahren eine vermehrte Zusammenarbeit?
Heute münden die Anforderungen und Bedürfnisse des Bauherrn in der Regel in einer Planung, die auf mehr oder weniger neutralen Lösungen basiert. Erst danach werden die dazu passenden Bauprodukte ausgewählt. Im Zuge der Digitalisierung werden auch die Bauprodukte digitalisiert: Sie stehen künftig als standardisierte BIM-Daten zur Verfügung und können für die geometrische und technische Planung in den Gebäudemodellen berücksichtigt werden. Die virtuellen Duplikate kommen damit viel näher an die spätere Realität heran, dadurch steigt die Planungssicherheit. Der Prozess ändert sich damit grundlegend. Die Bauindustrie war bis anhin eher «offline» am Planungsprozess beteiligt. Sie wird mit diesem Schritt «online» in die Strukturen und Prozessabläufe quasi «implementiert». Die digitalen Daten können mehrfach eingesetzt werden: In unterschiedlichen Prozessen, durch mehrere Beteiligte und an verschiedenen Orten. Die digitale Transformation verändert die Art und Weise der Informationsbeschaffung und greift in die fundierten Planungs- und Entscheidungsprozesse ein.

Wo liegen die Grenzen einer unternehmens- und branchenübergreifenden Zusammenarbeit?
Die Vorteile einer durchgängig vernetzten Arbeitsweise liegen auf der Hand: Die Zusammenarbeit wird effizienter, Informationen werden im Idealfall nur einmal vom Verantwortlichen erfasst und bewirtschaftet, alle anderen Beteiligten können diese Informationen nutzen, da von Anfang definiert wurde, wie und wo Daten abgelegt werden. Fehlerquellen werden durch die einmalige Erfassung und Bewirtschaftung der Daten eliminiert. Der Prozess wird beschleunigt, vom sequentiellen Arbeiten zum parallelen Arbeiten, weil in geordneten Strukturen parallel gearbeitet werden kann. Die Qualität steigt, gute Informationen erlauben bessere Analysen, die Synthese von Ergebnissen wird vereinfacht und schneller zugänglich. All das scheint logisch und erstrebenswert, doch der Weg dahin ist komplex. Die Braubranche muss sich auf diese Veränderungen einlassen: Digitalisierung bedeutet «Miteinander» statt «jeder für sich».

Welche Bedeutung messen Sie der Digitalisierung in der Baubranche und in Ihrem Unternehmen bei?
Das Gebäude der Zukunft wird virtuell entwickelt, mit virtuellen Simulatoren getestet, durch die Nutzer virtuell bewohnt und mit diesen «virtuellen Ergebnissen» laufend optimiert, bevor es in der realen Welt gebaut wird. Die Digitalisierung generiert neue Geschäftsmodelle, sie verändert Berufe, verschiebt Leistungen und schafft neue Tätigkeiten, an die kurz zuvor noch niemand gedacht hat. Wir stehen am Anfang einer digitalen Transformation. Für diejenigen, die sich darauf einlassen, ist es eine natürliche Evolution. Für diejenigen, die sich nicht damit beschäftigen, kann es zu einer Revolution werden, weil es auf einmal Firmen geben wird, die keiner gesehen hat und die Geschäfte machen, die bis anhin keiner versteht. Wichtig ist, Teil dieser Veränderung zu sein, d.h. nicht abseits zu stehen und abzuwarten, sondern aktiv mitgestalten.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die Grenzen der Digitalisierung in der Baubranche?
Die gegenwärtigen Grenzen der Digitalisierung werden vor allem durch die Baukultur gesetzt. Eine Kultur, die einerseits auf einzelnen Disziplinen aufbaut, die mehr oder weniger autonom und individuell operieren und andererseits auf einem Phasenmodell, das auf einer strikten Trennung der planenden, ausführenden und betreibenden Akteure basiert. Alles Faktoren, die gegen die Grundsätze der Digitalisierung sprechen, denn Digitalisierung bedeutet «verbinden». So wird die Digitalisierung zwangsläufig zu einem Wandel der Baukultur führen müssen.

Verschärft die Digitalisierung die in- und ausländische Konkurrenz? Mit welchen Strategien begegnen Sie dieser Herausforderung?
Die Digitalisierung bzw. die damit einhergehende Steigerung der Effizienz und Qualität über die gesamte Wertschöpfungskette wird der entscheidende Wettbewerbsfaktor für die Zukunft sein. Die Schweiz neigt vielleicht dazu, Veränderungen mit der notwendigen Skepsis zu begegnen bzw. überlegt anzugehen und es mag sein, dass die Schweiz dadurch in der Digitalisierung der Bauwirtschaft gegenüber anderen Ländern etwas im Hintertreffen liegt. Doch schielen bereits einige Länder neidisch auf den föderalistischen Drive, den «Bauen digital Schweiz» in kurzer Zeit entwickelt hat: Bottom-up im Dialog mit der gesamten Wertschöpfungskette der Bauwirtschaft und den relevanten Organisationen für Regulierung (SIA), Standardisierung (CRB) und Bestellwesen (KBOB/IPB) wird gemeinsam die digitale Transformation koordiniert, effizient und zielgerichtet voran gebracht. Mit dem gemeinsamen Ziel, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Bauwirtschaft zu erhalten bzw. auszubauen.
Redaktion Swissbau

Redaktion Swissbau

Der Swissbau Blog ist eine dialogorientierte Online-Plattform für aktuelle Beiträge zur Bauwirtschaft in der Schweiz. Neben zahlreichen Beiträgen aus dem Themenspektrum des Swissbau Focus liefert er regelmässig interessante News und Hintergründe zur Baubranche bzw. zur Swissbau selbst. Informationen zur Autorenschaft finden sich im Impressum. Bitte beachten Sie zudem die Blog Policy.

Veröffentlicht unter:

Kommentar verfassen

 
 

 
Captcha