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Ist der Gebäudefokus bei Energievorschriften und Labels noch zeitgemäss?

Publiziert am 15.11.2017 von Heinrich Gugerli, Projektleitung «2000-Watt-Areale», Gründer der Gugerli Dolder Umwelt & Nachhaltigkeit GmbH
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Meinung Das Zertifikat für 2000-Watt-Areale dient als ideales Instrument für die Umsetzung der Energiestrategie 2050 in grösseren Siedlungsgebieten. Es bietet gegenüber heutigen Gebäudelabel und Energievorschriften einen Qualitätssprung und ist bei langfristig ausgerichteten Investoren und institutionellen Anlegern gefragt. Dafür gibt es mehrere Gründe.   

Nach dem deutlichen Ja der Stimmbürger zur Energiestrategie 2050 ist in der Schweiz so etwas wie eine Aufbruchsstimmung spürbar. Die Effizienz- und Emissionsziele des Bundes entsprechen dabei weitgehend dem Absenkpfad der Vision «2000-Watt-Gesellschaft». Dieser Vision hat sich bereits eine Vielzahl von Gemeinden, Städten und Kantonen in ganz unterschiedlichen Formen verpflichtet. Sie eignet sich als «Übersetzung» der nationalen Strategie-Ziele auf die kommunale, Quartier- und Gebäudeebene sowie Haushalte und Einzelpersonen.

Das Zertifikat für 2000-Watt-Areale – eine Zusammenarbeit des Bundesamtes für Energie und des Trägervereins Energiestadt – ist das Instrument zur Umsetzung der 2000-Watt-Ziele für grössere Siedlungsgebiete. Neben einem grösseren Massstab ermöglicht es einen Qualitätssprung gegenüber heutigen Gebäudelabel und Energievorschriften. Und zwar aus drei Gründen:
 
  1. Ein 2000-Watt-Areal ist mehr als die Summe seiner Häuser: Energetisch vorbildliche Gebäude, geplant und realisiert nach SNBS, Minergie oder GEAK, situieren sich in einem funktionierenden städtebaulichen Kontext und sind über eine nachhaltige Energieversorgung und Mobilitätskonzepte erschlossen.
  2. Der Gesamtenergieansatz gemäss SIA-Effizienzpfad Energie ist wesentlich umfassender: Neben der Betriebsenergie sind die Energie für die Erstellung der Bauten und der Infrastruktur sowie für die Alltagsmobilität integraler Teil.
  3. Der gesamte Lebenszyklus ist im Fokus: Die Betrachtung endet nicht bei der Baufertigstellung. So wurden dieses Jahr – erstmalig für ein Label – fünf 2000-Watt-Areale im «Betrieb» ausgezeichnet. Das Monitoring der Betriebsenergie und des Mobilitätsverhaltens zeigte keinen «Performance Gap»; diese Areale halten, was in der Planung versprochen wurde.

Ein Zusammenspiel sämtlicher Parteien entlang der Wertschöpfungskette


Doch wie schaffen wir es, das Label «2000-Watt-Areal» in der ganzen Schweiz zu etablieren? Die Gemeinden spielen mit der Festlegung der Rahmenbedingungen am Anfang des Prozesses zur Initiierung von 2000-Watt-Arealen eine Schlüsselrolle. Gegenüber der Standortgemeinde wird mit dem Zertifikat der Nachweis erbracht, dass eine vorbildliche Entwicklung geplant oder bereits in Betrieb ist.

Bei langfristig ausgerichteten Investoren und institutionellen Anlegern ist die Auszeichnung von werthaltigen Immobilien gefragt. Das «2000-Watt-Areal» ist zwar anspruchsvoll, bietet aber viel mehr wirtschaftlichen Spielraum für Investoren und Planer bei der Wahl von gestalterischen und technischen Lösungen. In der Planung und Realisierung erhalten die Bauherren und Planer ein QS-System für die Umsetzung einer qualitätsvollen Siedlungsentwicklung mit hohen Energie- und Klimaschutzzielen. Schliesslich in der Betriebsphase kommen die Nutzenden ins Spiel und können durch ihr persönliches Verhalten einen weiteren wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung und zum Klimaschutz leisten.

Meiner Meinung nach ist die Energiewende im Gebäudebestand mit den heutigen rigiden Umbauvorschriften nicht zu schaffen. Vor diesem Hintergrund wurde für die 2000-Watt-Areale ein Pilotprojekt zur Transformation von Bestandsgebieten konzipiert, welches bei Gemeinden und Investoren auf grosses Interesse stösst. Damit leisten 2000-Watt-Areale in Zukunft auch einen Beitrag zur qualitätsvollen Innenverdichtung. Eine Flexibilisierung und Erweiterung der heutigen Energievorschriften und Gebäudelabel eröffnet neue Wege. So können in Sondernutzungsplänen für 2000-Watt-Areale neue Formen von Energievorschriften erprobt werden.

Der erweiterte Blickwinkel auf Areale und Quartiere lohnt sich also. Die 2000-Watt-Areale sind ein starker Beitrag mit einer lang andauernden Wirkung zur Energiestrategie 2050.
Heinrich Gugerli

Heinrich Gugerli

Heinrich Gugerli leitet gegenwärtig das Projekt 2000-Watt-Areale im Auftrag des Bundesamtes für Energie. Er sieht die Vision der 2000-Watt-Gesellschaft als Chance, welche die zur Umsetzung der Energiestrategie 2050 unabdingbare Transformation des Gebäudeparks Schweiz unterstützt. Im Hinblick auf seine nachberufliche Tätigkeit hat er 2014 die «Gugerli Dolder Umwelt & Nachhaltigkeit GmbH» gegründet. Bis zur Pensionierung leitete Heinrich Gugerli die Fachstelle nachhaltiges Bauen im Amt für Hochbauten der Stadt Zürich und war dort u.a. zuständig für die Umsetzung der 2000-Watt-Ziele im städtischen Gebäudepark. Er wirkt in den Kommissionen SIA 2040 SIA-Effizienzpfad Energie sowie SIA 2047 Energetische Gebäudeerneuerung mit und hält regelmässig Fachvorträge zu diesen Themen.

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