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Pioniere sind gefragt

Publiziert am 28.10.2017 von Redaktion Swissbau
Baumatrialien
Trends In den letzten Jahren entstanden viele Ideen für neue, nachhaltige Baumaterialien. Was oft noch fehlt, ist ein mutiger Investor, der die Innovationen im grossen Stile in reale Projekte einfliessen lässt. Die nachwachsenden Alternativen zu traditionellen Baustoffen hören sich auf jeden Fall spannend an: Pilzsteine, Bambusstahl und Agrarreste.

In der Schweiz wird kräftig gebaut. Auch wenn der Höhepunkt des Baubooms überschritten ist, sind noch immer vielerorts grosse Projekte zu bestaunen. Zum Beispiel das "Circle" beim Flughafen Zürich, wo 14 Baukräne in den Himmel ragen und 180'000 m² Büro- und Ladenfläche entstehen. Entsprechend beeindruckend sind die Mengen an Material, die bei uns jedes Jahr verbaut werden. So stellt die Zürcher Baudirektion fest, dass im Kanton jährlich 5 bis 6 Millionen Tonnen Sand verbaut werden. Tatsächlich besteht die Neubaumasse, die in das heutige Bauwerk gelangt, zur Hälfte aus Beton und zu einem Drittel aus nicht gebundenem Sand oder Kies. Insgesamt beträgt der mineralische Anteil über 90 Pro-zent.

Auch wenn die Wiederverwertung von Rückbaumaterial Fortschritte macht: Diese Bauweise, die auf in der Erdkruste gelagerte Rohstoffe zurückgreift, auf lange Sicht nicht nachhaltig. Schon heute führt zum Beispiel beim Sand die Verknappung der Ressourcen dazu, dass der umweltschädigende Abbau zunimmt. Allein vor der Küste Australiens sind zurzeit geschätzte 300 illegale Saugschiffe im Einsatz. Dazu füllen die nicht wiederverwertbaren Bauabfälle unsere Deponien, deren Kapazität ebenfalls endlich ist.

Gefragt sind also nachwachsende und möglichst lokale Baumaterialien für Rohbau, Fassade und Innenausbau. Wobei hier ausdrücklich nicht nur Holz gemeint ist: Dieses wird in der Schweiz bereits in zunehmendem Masse und immer eindrücklicheren baulichen Lösungen eingesetzt: Derzeit entsteht auf dem Suurstoffi-Areal in Rotkreuz das erste Schweizer Hochhaus, dessen 60 Meter hohe Tragstruktur aus verleimter Baubuche besteht. Dennoch kann Holz allein die mineralischen Baustoffe nicht ersetzen.

Lösungen bieten neue, mitunter exotisch anmutende Ideen wie Bausteine aus Pilzgeflecht, die vor Ort innert wenigen Wochen herangezüchtet werden und kompostierbar sind. Kombiniert wird der Pilzstein, der nur Druck aufnehmen kann, mit einem Geflecht aus Bambus-Stahl, das die Zugkräfte ableitet. Beides sind Baustoffe aus natürlichen und nachwachsenden Materialien, und an beider Entwicklung war die ETH namhaft beteiligt.

In der Schweiz wächst zwar kaum Bambus, dafür aber viel Getreide, bei dessen Ernte Stroh anfällt. Aus diesem scheinbaren Abfall besteht die Dämmung des vorgefertigten Fassadenelements "Zoë", das von einheimischen Architekten entwickelt wurde. Das Element, das neben der Dämmung auch statische Aufgaben übernehmen kann, besteht aus einem Holzrahmen, worin das Stroh dicht gepresst wird, bevor man das Ganze mit einem Lehmputz abschliesst. Eine Bauweise mit geschlossenen Stoffkreisläufen, die sich auch für die Sanierung von Mehrfamilienhäusern eignet. Da die Element zudem lokal produziert werden, ist auch das wirtschaftliche Element der Nachhaltigkeit hier gegeben.

Auch allein mit Strohballen lassen sich Häusern bauen: Die Stadt Lausanne errichtete vor ein paar Jahren mit dieser Bauweise das Verwaltungsgebäude «Eco46», wobei die Strohballen von den stadteigenen Landflächen stammen. In Genf steht der neue sechsgeschossige genossenschaftliche Wohnbau «Soubeyran», der ausschliesslich mit lokalem Stroh gedämmt ist. Einen anderen Vorschlag machte 2014 der Holzforscher Frédéric Pichelin im Swissbau-Blog: Er schlug vor, den Holzmarkt zu entlasten und die in der Schweiz pro Jahr anfallenden 100'000 Tonnen Agrarreste zu Pressspanplatten zu verarbeiten. So könnten bis 20 Prozent des Plattenmarkts abgedeckt werden, was vor allem beim Innenausbau zum Tragen käme.

In Sempach steht seit zwei Jahren das neue Forschungsgebäude der Vogelwarte, dessen Wände komplett aus gestampftem Lehm bestehen. Die grossen Lehmbausteine wurden in einer Ziegelei im Baselland mit lokal abgebautem Material hergestellt und den kurzen Weg an den Bielersee transportiert. Auch diese Bauweise sorgt für einen geschlossenen Materialkreislauf, sprich für kein Deponiematerial bei einem Rückbau.

Hinter den Pilzsteinen, dem Bambusstahl und dem strohgedämmten Häusern steht eine Menge einheimische Innovation: An den Schweizer Hochschulen wird intensiv an der Erforschung neuer Materialien gearbeitet, und es werden konstruktive Lösungen für diese neuen Baustoffe entwickelt. Was noch fehlt, sind grosse Bauprojekte, bei denen die neuen Materialien und Methoden umgesetzt werden  ̶  und damit ihre Skalierbarkeit beweisen können. Ideen für eine nachhaltige Bauwirtschaft sind vorhanden. Dass sie für den Alltag taugen, kann nur mit Hilfe der grossen Investoren und Bauherren gezeigt werden.

Neben Bewährtem zeigt die Swissbau 2018 die neuesten Baumaterialien in der Halle 1 Nord: Rohbau + Gebäudehülle

Redaktion Swissbau

Redaktion Swissbau

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