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Labeling dominiert die Neubauten und beeinflusst doch kaum den Energiebedarf des Gebäudeparks

Publiziert am 24.10.2011 von Urs Rieder, Vizedirektor Hochschule Luzern, Vorstandsmitglied SIA
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Meinung Die Schweiz hat dank dem Label MINERGIE den weltweit mit Abstand höchsten Anteil von zertifizierten Bauten. Bei Neubauten beträgt der Zertifizierungsanteil heute über 20%. Das Label hat sich in den letzten Jahren auch kontinuierlich weiterentwickelt und hat jetzt mit MINERGIE-A ein Label lanciert, welches bezüglich ganzheitlicher Optimierung mehr Handlungsspielraum offenlässt. Zudem werden die Gesetzlichen Vorschriften der Kantone kontinuierlich verschärft. Ist also bei den Bauten alles im grünen Bereich? Beileibe nicht!

Der Fokus der energieeffizienten und gelabelten Bauten liegt heute fast ausschliesslich auf Neubauten. Die Problematik bezüglich Energieverbrauch und CO2-Emmissionen liegt aber eindeutig beim Gebäudebestand.

75% der in der Schweiz existierenden Gebäudeflächen wurden zwischen 1900 und 1980 erstellt. Der durchschnittliche Energieverbrauch dieser Bauten liegt im Bereich von 200 kWh/m2 oder rund 6mal höher als der eines durchschnittlichen Neubaus. Die Transformation des Gebäudebestandes hin zu einem exergiearmen und CO2-freien Betrieb ist eine enorme Herausforderung. Um die beschlossenen (und dringend notwendigen) Klimaziele zu erreichen, müssen alle Bauten in der Schweiz, welche in 50 Jahren noch stehen werden, in einen CO2-freien Betrieb überführt werden. Keines der heute bestehenden und angewandten Labels gibt uns eine adäquate Hilfestellung, wie dies erreicht werden soll.

Bei der Herkulesaufgabe Transformation sind neue Ansätze gefragt: Insbesondere was den CO2-Ausstoss betrifft soll es ambitioöse Zielsetzungen, jedoch keine Einschränkungen betreffend des Zielpfades geben. Zudem muss eine explizite Öffnung der Systemgrenzen erfolgen: Jedes Gebäude soll seine Energie zwar eigenständig produzieren müssen, dies jedoch nicht zwingend auf dem eigenen Grundstück. Als dritte Massnahme sollen Zwischenziele festgelegt werden, welche eine kontinuierliche, schrittweise Erneuerung ermöglichen.

Der Gebäudeeigentümer muss die Wahlfreiheit haben und nach gesamtheitlichen Kriterien entscheiden können, ob er das Geld in Energieeffizienzmassnahmen oder in die Produktion erneuerbarer Energien setzt, genauso wie die Produktion der erneuerbaren Energie an verschiedenen Standorten möglich sein muss. Es gilt nun, die richtigen Anreize und Werkzeuge zur Verfügung zu stellen, damit die Entwicklung in diese Richtung gehen kann. Mit den bestehenden Labels kommen wir nicht weiter.

Urs Rieder

Urs Rieder

Urs Rieder, dipl. HLK-Ing. FH SIA, war vor seiner Berufung an die Hochschule Luzern rund 15 Jahre in führenden Unternehmungen in Planung und Projektierung von Gebäudetechnikanlagen tätig. Seit Frühjahr 2000 ist er hauptamtlicher Dozent für Gebäudetechnik an der Hochschule Luzern – Technik & Architektur. Von 2005 bis 2015 leitete er die Abteilung und den Studiengang Gebäudetechnik. Seit 2015 leitet er als Vizedirektor die Ausbildung, welche die neun Bachelor- und zwei Masterstudiengänge des Departements Technik & Architektur umfasst. Urs Rieder ist Vorstandsmitglied des SIA, Mitglied des SIA-Fachrats Energie und Präsident des SIA-Fachrats Bildung.

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