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Re-use – Abbruchobjekte werden zu Goldgruben

Publiziert am 08.10.2020 von Redaktion Swissbau
Barbara Buser und Eric Honegger

Meinung Wiederverwenden statt wegwerfen – nach diesem Prinzip baut Barbara Buser vom Baubüro in situ mittlerweile auch im Auftrag grosser Bauherrschaften. Die Auszeichnung mit dem Prix Meret Oppenheim 2020 zeigt: Re-use beim Bauen kommt langsam, aber sicher aus der Nische heraus. Hochwertige, oftmals in Handarbeit gefertigte Baumaterialien erhalten so ein zweites Leben.


Redaktion Swissbau: Barbara Buser, Sie sind soeben gemeinsam mit Eric Honegger mit dem Prix Meret Oppenheim geehrt worden. Was bedeutet dieser Preis für Sie?

Wir freuen uns sehr über den Preis, den wir als Anerkennung der vernakulären Architektur verstehen, also der Architektur, die mit den vor Ort verfügbaren Materialien baut und immer im Schatten der «Starchitecture» steht. Unsere Arbeit unter dem Motto «Bauen im Bestand» und «Wiederverwendung» war immer eher ein Nischenprodukt. Nun wird diese Nische immer wichtiger, bekannter und auch trendiger, und das freut uns sehr.

Bereits vor mehr als 20 Jahren haben Sie sich mit der Wiederverwendung von Bauteilen auseinandergesetzt. Welche Beweggründe haben dazu geführt?

Ich hatte bei meiner Arbeit in der Entwicklungshilfe in Afrika realisiert, dass das, was für die einen Abfall ist, für andere ein wertvoller Rohstoff sein kann. Zurück in der Schweiz konnte ich nicht mehr tatenlos zusehen, wie viele wertvolle Rohstoffe auf der Deponie landen, nur weil Angebot und Nachfrage nicht bekannt sind. Mit der Plattform www.bauteilclick.ch haben wir vor über 20 Jahren begonnen, Angebot und Nachfrage zusammenzuführen, im Sinne eines eBay oder Ricardo der Bauwirtschaft.

Ist die Idee des Wiederverwendens mittlerweile auch bei grossen Bauherrschaften angekommen?

Die Idee nistet sich langsam in den Köpfen ein, aber es ist noch ein langer Weg. Die Stiftung Abendrot spielt mit ihrem Projekt Atelierhaus K118 in Winterthur eine Pionierrolle und auch Immobilien Basel Stadt hat mit 1000 Quadratmeter Fassade aus gebrauchten Bauteilen im Lysbüchel TP 215 ein Pilotprojekt ermöglicht. Sogar der Generalunternehmer Losinger Marazzi realisiert mit dem AXA Haus in Winterthur eine Sanierung mit Wiederverwendung. Trotzdem sind wir erst ganz am Anfang. Unsere Aufgabe ist es, Unternehmen zu beraten, die auf diesen Zug aufspringen wollen. 
 

Lysbüchel
Bild: Lysbüchel, Basel-Stadt / Copyright by Martin Zeller

 
Was spricht überhaupt für Re-use?

Am neutralsten und am einfachsten zu berechnen ist die CO2-Bilanz: Mit Re-use kann man im Vergleich zum Bauen mit neuen Bauteilen bis zu 50 Prozent CO2 einsparen. Es geht aber auch um nicht quantitative Gründe, die für die Wiederverwendung sprechen: die Identität, die Bewahrung der «embodied craft», des Know-hows, die (Hand-)Arbeit, die Schönheit der Spuren des Gebrauchs.
 
Hierzulande haben Bauherrschaften sehr hohe Ansprüche an Qualität und Perfektion. Hat das «Unperfekte» da überhaupt eine Chance?

Bauen mit gebrauchten Bauteilen kann so perfekt sein, wie wenn man mit neuen Materialien baut! Ein 100 Jahre alter massiver Parkettboden, der neu verlegt, geschliffen und geölt wurde, ist zudem unvergleichlich schöner als einer aus neuen, glatten und gleichmässigen Dreischichtbrettern.

Wo sehen Sie heute das grösste Potenzial für Architektur, die mit Vorhandenem baut?

Wenn wir mit der CO2-Reduktion ernst machen wollen, führt momentan kein Weg an Re-use vorbei. Am meisten Einsparung bringt natürlich die Wiederverwendung ganzer Bauten und Strukturen. Das heisst, nicht abreissen, sondern weiterbauen am Bestand, diesen wo nötig verändern und ergänzen. So, wie das beispielsweise bei der Halle 180 auf dem Lagerplatz in Winterthur der Fall ist: Hier wurde eine 1,5 Meter breite «Wintergartenschicht» vor die Fassade gesetzt, die als Klimapufferzone dient und mit ihrer Bepflanzung die Aussicht über die Bahngeleise belebt.
 

Halle 180
Bild: Halle 180, Winterthur / Copyright by Martin Zeller


Mit welchen Herausforderungen sind Architektinnen und Architekten dabei konfrontiert?

Um einen Neubau mit gebrauchten Bauteilen zu planen, müssen diese erst gefunden werden. 
Dafür werden Bauteiljägerinnen in die «urban mines», also die geplanten Abbruchbaustellen, geschickt, um das zur Verfügung stehende Material zu identifizieren, zu prüfen und aufzunehmen. Bergung, Transport, Zwischenlagerung und Lieferung sind eine logistische Herausforderung. Dafür braucht es einen neuen Beruf: den Fachplaner Wiederverwendung. Zudem muss der ganze Planungsprozess umgekehrt werden: Der Entwurf muss sich laufend an die gefundenen Bauteile anpassen und trotzdem die Bedürfnisse des Auftraggebers und das gewünschte Raumprogramm erfüllen. Ein spannendes Puzzlespiel, bei dem es die verschiedensten Bedingungen zu berücksichtigen gilt.


Barbara Buser
Barbara ist diplomierte Architektin ETH mit NDS Energie. Nach Aufenthalten im Sudan und in Tansania gründete sie 1995 den Verein Bauteilbörse Basel. 1998 entstand zusammen mit Eric Honegger das baubüro Mitte, das heute unter dem Namen baubüro in situ rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Zusammen mit Eric Honegger, Tabea Michaelis und Pascal Biedermann leitet Barbara Buser die denkstatt sàrl, die sich als Think Tank auf Projektentwicklungen im urbanen und ländlichen Kontext spezialisiert hat.
https://www.insitu.ch/
https://www.denkstatt-sarl.ch/

Redaktion Swissbau

Redaktion Swissbau

Der Swissbau Blog ist eine dialogorientierte Online-Plattform für aktuelle Beiträge zur Bauwirtschaft in der Schweiz. Neben zahlreichen Beiträgen aus dem Themenspektrum des Swissbau Focus liefert er regelmässig interessante News und Hintergründe zur Baubranche bzw. zur Swissbau selbst. Informationen zur Autorenschaft finden sich im Impressum. Bitte beachten Sie zudem die Blog Policy.

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