18. – 21. Januar 2022

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Liebe deine Landschaft wie dich selbst – vier Pflichtpunkte für eine zukunftsfähige Raumentwicklung

«Altstadt», «Zwischenstadt» oder «City» – das sind Ausdrücke für Stadtlandschaften, die sich, genauso wie Siedlungslandschaften, historisch und geografisch verändern. Die Geschichte des Städtebaus ist aber nicht mit der tatsächlichen Evolution von Siedlungslandschaften zu verwechseln, da es sich bei Stadtlandschaften um Systeme mit einer technischen, politischen und sozialen Ebene handelt. Ich finde es wichtig, dass dieses Verständnis zur Basis für die Steuerung räumlicher Prozesse wird. 

Die historische Herausbildung von Stadtlandschaften ist in der Raumentwicklung das bedeutendste Phänomen seit dem Zweiten Weltkrieg. Ihr faszinierendes Wesensmerkmal ist die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Zustände und Aspekte: Während einerseits ehemals ländliche Gemeinden über ihre Gewerbezonen zu Kleinstädten zusammenwachsen, werden andererseits die Stadtzentren von auf Zentralität bedachten Nachfragegruppen suburbanisiert. Damit manifestiert sich hier pragmatische Infrastrukturnotwendigkeit, dort gelebte Heimat.

Um diesen Trend auf den Punkt zu bringen: Die Trugbilder einer typologisch und allgemeingültig geordneten, fassbaren Stadteinheit weichen heute dem Streben nach Spielregeln für das Weiterbauen an einer Welt, die schon besteht.

Wie gelingt uns eine für alle Akteure erfolgreiche Raumentwicklung? Meiner Meinung nach sind dabei folgende vier Punkte unbedingt zu beachten:

  1. Partizipation – vom Kopf auf die Füsse
    Der Begriff der Partizipation impliziert patriarchalische Strukturen: Fachleute machen die Welt und erklären sich bereit, die Laien – zeitweise – partizipieren zu lassen. Die Frage muss in Wirklichkeit andersherum lauten: In welchem Ausmass können der Planer und die Urbanistin an einer bestehenden Umwelt partizipieren, indem sie ihre Arbeit einbringen?
  2. In medias res
    Beim Primat der Innenentwicklung, wie durch die RPG-Revision und die Zürcher Kulturlandinitiative gefordert, findet die Planung «inmitten der Dinge» statt: kleinteilige Eigentümerstrukturen, divergierende Narrative und Erinnerungsspuren über den Ort und Sunk Costs getätigter öffentlicher und privater Investitionen aus mannigfachen Perioden prägen die Ausgangslagen.
  3. Gemeinsame Ressourcen als Ausgangslage
    Ein gegenseitiges Verständnis für die Handlungssituationen unterschiedlicher Anspruchsgruppen ist daher keine Frage der Ethik. Es bildet vielmehr die Grundlage für die Mobilisierbarkeit jener Ressourcen, die eine «Siedlungsentwicklung nach innen» erfordert.
  4. Strategische Navigation
    Räumliche Ziele bedürfen zu ihrer Umsetzung konkreter Vehikel. Als solche eignen sich Bauprojekte, die in vielen Fällen von privaten Bauherren geplant und realisiert werden. Planung als «strategische Navigation» – in Anlehnung an den Strategieexperten Hames – unterscheidet eine strategische Ebene mit Entwicklungslinien und eine zweite, taktische Ebene mit gegebenen Machtverhältnissen, Regulativen, wie etwa der Zonenplan in Gemeinden, und konkreten Projekten. Die beiden Ebenen existieren in jedem Fall nebeneinander und sind ineinander verflochten. Strategische Navigation bedingt, dass Gemeindebehörden ihre «Hausaufgaben» erledigen, sich im politischen Prozess beispielsweise Fragen der Identität stellen und zu einer breiten Debatte zur Zukunft von Altstadt, Zwischenstadt oder City animieren. Damit können Gemeinden opportunistisch handeln, ohne ihre Ziele zu verleugnen, und private Vorhaben gewinnen gleichzeitig höhere Grade an Planungs- und Rechtssicherheit. Die Chancen für Win-win-Situationen zwischen öffentlichen und privaten Interessen steigen. Und das ist gut so!

Prof. Dr. Joris Van Wezemael ist Wirtschaftsgeograph und Architektursoziologe. Er ist Privatdozent am Departement Architektur der ETH Zürich und Portfoliomanager bei der Pensimo Management AG in Zürich. Davor war er Professor für Humangeographie an der Universität Freiburg, Leiter des ETH Wohnforum sowie Forscher und Dozent an Universitäten im In- und Ausland.
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