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Dirk Hoffmann

Nachgefragt
Herr Dr. Hoffmann, was bedeutet Ihnen der Begriff Nachhaltigkeit?
Für mich ist es ein mehrdimensionaler Begriff: Ich rede gerne von der „triple bottom line“. Das bedeutet: Man versucht, drei vermeintlich konfliktäre Ziele miteinander zu verbinden. Es geht um den ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekt. Ich denke, Nachhaltigkeit ist auch ein ökonomisches Wort, obwohl es im allgemeinen Verständnis eher mit „Grün“ und Ökologie verbunden wird.

Für viele Menschen bedeutet triple bottom line die Quadratur des Kreises. Wo sehen Sie am ehesten die Möglichkeit eines Kompromisses, ohne dass er zu Lasten der Nachhaltigkeit geht?
Einen Kompromiss muss ein Unternehmer immer dann machen, wenn es zunächst einmal um die Start-up-Ökonomie geht. In Nachhaltigkeit müssen Sie investieren. Es ist ein langlebiger Begriff und man kann dort nicht mit schnellen Gewinnen rechnen. Vielmehr stellen sich die Gewinne längerfristig ein. Aus meiner Sicht ist die Anfangsphase kompromissfähig: Man steckt Geld rein, um aber damit nachhaltig Geld zu erwirtschaften. Sonst wäre es nicht nachhaltig, sondern ein ständiges Beatmen mit der Herz-Lungen-Maschine.

Eine andere Art von Wachstum, als wir es gewohnt sind? 
Ja, ein eher kontinuierliches Wachstum. Sprunghaftigkeit erachte ich im Bereich der Nachhaltigkeit als Tabuwort. Wenn Sie intern wie extern Nachhaltigkeit vermitteln wollen, dann müssen Sie alle mitnehmen – Ihre Kunden, Ihre Mitarbeiter – und dürfen keine schnellen Veränderungen durchziehen. Es muss wirklich Stein auf Stein gebaut werden. Dann ist das Wachstum zwar nicht so schnell, aber dafür nachhaltig.

Sie haben die Verknüpfung des Begriffs Nachhaltigkeit mit „Grün“ und Ökologie erwähnt. Sehen Sie eine Veränderung der Wahrnehmung? 

Aus meiner Sicht ist inzwischen – gerade im wirtschaftlichen Bereich – die Überzeugung sehr viel tiefer verankert. Eine beachtliche Zahl an Unternehmen hat erkannt, dass es nicht ausreicht, etwas grün anzustreichen, um dann als nachhaltig zu gelten. Wenn man sich als Unternehmer mit dem Thema intensiv beschäftigt, merkt man schnell, dass Nachhaltigkeit dem Unternehmen Mehrwert verschafft. Einerseits in Form von Gravitation, also Mitarbeiter- und Kundenbindung, und andererseits in Form von nachhaltigen Beiträgen für den Geschäftswert. Deswegen glaube ich, dass die Nachhaltigkeit allgemein stärker gewichtet wird. Die Politik hat sicherlich das ihre dazu beigetragen und die nötigen Rahmenbedingungen geschaffen. Und dies alles hat dazu geführt, dass Nachhaltigkeit heute in der Gesellschaft breiter diskutiert wird. 

Sie haben den Begriff Gravitation verwendet. Was kann ich mir darunter vorstellen? 
Anziehungskraft im wörtlichen Sinne! Sucht man für Nachhaltigkeit nach anderen Begriffen, dann findet man: Verlässlichkeit, Beständigkeit, Zuverlässigkeit. All das sind Werte, die eine Anziehungskraft haben. Und diese Anziehungskraft halte ich für sehr wichtig, wenn es um die innere Bindung von Mitarbeitern geht. Ich möchte gerne in einem nachhaltigen Unternehmen arbeiten, deswegen bin ich für die V-ZUG tätig. Weil ich damit eine Planbarkeit und Zuverlässigkeit habe; und ich denke, die Mitarbeitenden sehen das genauso. Man ist einfach stolz, in diesem Unternehmen zu arbeiten, und sagt: „Hiermit identifiziere ich mich, da fühle ich mich wohl.“ Und nur dann, wenn Sie eine intrinsische Motivation haben und diese sichtbar ist, sind Sie auch überzeugend gegenüber Ihren Kunden. Diese positive Kraft der Ausstrahlung schafft gegenüber den Kunden eine Anziehungskraft, die Gravitation.  

Ihr Unternehmen hat im vergangenen Jahr seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. Worauf sind Sie besonders stolz bei V-ZUG? 
Es erfüllt mich mit Stolz, Teil dieses erfolgreichen Teams zu sein. Hundert Jahre lang Hausgeräte herzustellen als erfolgreichstes und beliebtestes Unternehmen der Schweiz mit den teuersten Geräten – das schafft nicht jeder. Das ist eine faszinierende Teamleistung, die von den Inhabern vorgelebt wird: Langfristig, nachhaltig denkende Menschen, die bereit sind, Geld für übermorgen auszugeben. Menschen, die in längeren Rückzahlungszyklen denken und für die nächsten, übernächsten Generationen handeln. Ich fühle mich, was meine Zugehörigkeit in diesem Team angeht, wie ein kleines Baby: Ich bin zwar nicht der Jüngste in punkto Alter, aber der Jüngste, was die Zugehörigkeit anbelangt. Fast täglich unterschreibe ich Gratulationen für 40 Jahre Zugehörigkeit bei V-ZUG. Und diese langjährigen Mitarbeiter erzählen mir dann: „Ja, ich bin ja auch schon in der 3. Generation hier.“ Das ist Nachhaltigkeit im wirklichen und menschlichen Sinne! 

Sie haben lange in Asien und Afrika gelebt; inwiefern ist die Beschäftigung mit Nachhaltigkeit auch ein Ausdruck von Wohlstand? 
Die heutige intensive Diskussion der Nachhaltigkeit in den entwickelten Ländern – in der westlichen Welt – ist sicherlich einerseits ein Wohlstandsaspekt, andererseits aber auch eine Einsicht in die Notwendigkeit. Wenn die Themen Klimaerwärmung und extreme Wetterbedingungen auf die Kasse schlagen und die Swiss-Re hohe Zahlungen leisten muss, wofür sie die Rückstellungen nicht voll gedeckt hat, dann bemerkt man irgendwann die persönliche Betroffenheit. Murgänge, Bergstürze und so weiter häufen sich. Das schärft das Bewusstsein, dass wir gegenüber der Natur in der Verantwortung stehen. Oft ist dieses Bewusstsein in Asien und Afrika ausgeprägter, die Realität von Naturkatastrophen ist dort alltäglicher. Wenn Sie jedoch einem philippinischen Bauern beibringen wollen, warum er nicht Monokulturen, sondern Mischwälder zur Stabilisierung des Waldes anlegen sollte, dann interessieren ihn weniger die Bergstürze und die umgefallenen Bäume als vielmehr der ökonomische Aspekt. Wenn Sie ihm erklären, dass er mit einer nachhaltigen Landwirtschaft einen wirtschaftlichen Vorteil hat und den Bestand seiner Familie und einen Teil seiner Subsistenzwirtschaft damit absichert, dann hat er ein offenes Ohr. Deswegen ist in diesen Ländern der ökonomische Aspekt der Nachhaltigkeit häufig die Einstiegsargumentation. So habe ich es jedenfalls in verschiedenen Projekten erfahren.

Inwiefern hat Sie diese Zeit verändert – in Bezug auf Ihre Arbeit sowie Ihr Verständnis von Nachhaltigkeit?
Die Aufenthalte in Asien und Afrika haben mich meine eigene Situation relativieren lassen. Ich bin sehr dankbar für meine Herkunft und habe eine andere Sicht auf das Leben entwickelt. Ich engagiere mich stärker und möchte teilen, weil ich gesehen habe, wie schwer das Leben, Arbeiten und Gesundbleiben für manche Menschen ist. Da baut man automatisch eine Bringschuld auf und fällt andere Entscheidungen: Ich besitze beispielsweise ein Haus in Bayern, das energieautark ist; es speist sich nur aus Sonnenergie. Ich beziehe zwar immer noch Strom von den Wasserwerken; aber ich produziere mehr Strom, als ich beziehe. Wenn ich diese Investition nach harten Amortisationskriterien rechne, dann habe ich in 15 Jahren mein Geld zurück. Und gleichzeitig bin ich meiner Verantwortung gegen-über der Natur zumindest ein Stück gerechter geworden. 

Dirk Hoffmann hat einen Ingenieur-Abschluss der Hochschule der Bundeswehr in München. Für das Unternehmen „Bosch/Siemens“ war er als CEO für die Regionen Asia Pacific / India verantwortlich. Aufgrund seiner herausragenden Leistungen im Bereich „Geschäftsmodell-Innovationen und Nachhaltigkeit“ verlieh ihm die University of Visayas, Philippinen, den Doktortitel „honoris causa“. Seit 2013 ist er CEO des Schweizer Traditionsunternehmens V-ZUG.

Er hat das nachhaltige Logistik-Center ZUGate als Referenzobjekt als Beispiel für nachhaltiges Bauen ausgesucht. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.