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Barbara Holzer

Barbara Holzer, Architekturbüro Holzer Kobler Architekturen Zürich.
Frau Holzer, «Suffizienz, wie bitte? Was es wirklich braucht.» war der Titel Ihres Referates hier an der Swissbau. Was braucht es denn wirklich?
Das ist sicher die schwierigste Frage. Denn «Suffizienz» ist kein Begriff, der sich im Vergleich zu anderen Begriffen wie beispielsweise Effizienz einfach definieren lässt, weil er zu viele Komponenten anspricht. Ich glaube, Suffizienz wird in einer Wohlstandsgesellschaft ganz anders beantwortet als in einem Drittweltland. Wir haben die Möglichkeit, unser Leben selbst zu gestalten; insofern spielt dieser Aspekt vor dem Hintergrund der Suffizienz eine wesentliche Rolle.

Wie hat sich Ihr persönlicher Lebensstil aufgrund der Auseinandersetzung mit diesem Thema verändert?
Für mich war immer schon eine wesentliche Frage: Wie viel braucht man? Für mich ist dies auch eine Frage des Aufbrechens von Konventionen. Es geht um einen anderen Umgang mit Wohlstand. Die Frage nach Verzicht ist immer schwierig, weil sie nicht direkt mit dem Begriff von Spass verbunden ist. Das Interessante und die Herausforderung liegen darin, wie man eine Reduktion im Sinn von Verbrauch auf jeder Ebene erreicht – ohne das Gefühl zu haben, an Lebensqualität einzubüssen.

Als Besucher der Swissbau wird mir bedeutet, dass ich dank technologischer Innovationen ohne Verzicht nachhaltig und ökologisch leben kann. Stimmt das?
Unter bestimmten Voraussetzungen schon. Bezüglich Wärme-Öko-Effizienz, verdichtetem Bauen oder Mobilität ist man da sicher weiter als vor einigen Jahrzehnten. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass der Verbrauch gestiegen ist, dass wir mehr Platz zum Wohnen benötigen, dass man sich anders in der Welt bewegt. Ich bin mir nicht sicher, ob man über Bauprodukte eine Lebensqualität beschreiben kann (lacht). Man kann sicher versuchen, zu reglementieren und Auflagen zu erstellen, um einen Rahmen zu schaffen. Mich interessiert jedoch eher, was ausserhalb dieses Rahmens liegt. Welche Möglichkeiten und Orte braucht es, um den Rahmen in Frage zu stellen? Ich sehe das Problem, dass wir – durch die ganze Reglementierung und Definition von nachhaltigem Wohnen und Leben – der Entwicklung zehn Jahre hinterherhinken. Irgendwann werden die Bedürfnisse der Menschen und der Gesellschaft ganz andere sein. Dinge, die vielleicht nicht mehr nur mit Wohlstand zu tun haben. Aber in der Planung, in der Bauindustrie und eigentlich überall verhält man sich immer zeitlich versetzt dazu und spricht über Bedürfnisse, die schon gar nicht mehr so aktuell sind, wie sie scheinen.

Sie möchten den Rahmen aufbrechen, um einen tragfähigen Entwurf zu finden, der in die Zukunft weist. Auf welche Antworten sind Sie bis jetzt gekommen?
Mich hat meine Zeit in Berlin sehr geprägt: Kurz nach der Wende war das ein Ort, wo unglaublich viel unbesetzter Raum vorhanden war. Interessant ist, wie Menschen in der Lage waren, temporär für eine gewisse Zeit Raum zu besetzen, Raum zu benutzen mit wenigen Mitteln und einen Lebensentwurf zu ermöglichen, der aus meiner Sicht hoch suffizient ist. Weil er gar nicht so viel bringen muss, weil er mit Vorhandenem umgeht und weil sehr  viel Kreativität eingesetzt wird. Das sind aus meiner Sicht wesentliche Fragestellungen auch im Zusammenhang mit der Schweiz und im Umfeld einer Messe. Es geht nicht nur um die technologische Innovation und um das optimierte Produkt, sondern herauszufinden, wie man für die Menschen nach ihren Vorstellungen Orte schaffen kann, an denen sie ihre Bedürfnisse ausleben können. Wie schafft man also die Möglichkeit, in der Gesellschaft heute noch Freiräume zu haben? Ich meine damit auch räumliche Freiräume im klassischen Sinne – architektonisch und städtebaulich.

Sie haben Berlin erwähnt – eine Stadt, in der über Nacht eine Menge Freifläche entstand. Und zumindest für kurze Zeit war unklar, was man damit anfangen könnte. Das ist eine komplett andere Ausgangslage als hier in der Schweiz: Wer hierzulande Freiraum schaffen möchte, wird vermutlich erst ein Reglement dazu ausarbeiten.
Ebenfalls in Berlin habe ich damals den Begriff der energetischen Stadtentwicklung beim Zeitunglesen aufgeschnappt. Ich glaube, die energetische Stadtentwicklung ist ein grosses Thema. In diesem Sinne, dass man alles plant, entsorgt und neu baut. Und dass man durch diese Haltung, flächendeckend die Stadt zu entwickeln, eigentlich überhaupt kein Zukunftspotential frei lässt. Aus meiner Sicht gibt es Möglichkeiten, stadträumlich anders zu denken: Quartiere nicht flächendeckend in einen Planungs- oder Renovierungszustand bringen, sondern viel punktueller zu agieren und durch diese punktuelle Intervention andere Zeiträume offen zu lassen. Warum muss beispielsweise der Kreis 5 in Zürich flächendeckend bis ins letzte Detail entwickelt werden? Das sind für mich Fragen von Nachhaltigkeit und Suffizienz: Nicht alles in alle Zukunft hinaus zu verbauen – noch dazu mit einer heutigen Vorstellung der Zukunft –, sondern zu versuchen, fragmentierter zu arbeiten. Das kann man beispielsweise sehr gut in gestalteten Aussenräumen in der Stadt Zürich beobachten: Da gab es ein kleines, subversives Projekt  mit dem Namen «Leerstand»; dort haben hauptsächlich Studenten Orte besetzt und mit Packpapier eingewickelt. Im Gegensatz dazu die Plätze im Kreis 5 – schön gestaltet mit ein paar Parkbänken und Birken, unter die man sich setzen konnte. Alles klar: Auf diese Bank setzt man sich, da hat man einen Baum, man sitzt im Schatten. Aber die Leute nutzen es nicht. Das sind doch spannende Fragen: Warum wird ein gestalteter, vollkonditionierter Freiraum überhaupt so gestaltet? Welche Ansprüche hat man eigentlich? Das Thema Freiraum ist für mich ein wichtiges Wort, das ich mit Suffizienz verbinde. Aber nicht im Sinne von «Viel Platz», vielmehr als Nutzungsfreiraum. 

Das grosse Thema in der Schweiz ist die bauliche Verdichtung. Mit ihrem Plädoyer vom Mut zur Lücke behaupten Sie eher das Gegenteil davon. Wie kommt das bei Ihren Architekturkolleginnen und -kollegen an? Bekanntlich wollen Architekten vor allem bauen.
(lacht) Ich kann da nur einen Denker aus den 1960-er Jahren zitieren, mit dem wir gerade eine grosse Ausstellung machen – Bazon Brock. Er hat mir letzte Woche erklärt, dass ganz oben das Denken steht und ganz unten das Tun. Jeder sei dafür verantwortlich, dass er das, was er in die Welt setzt, wieder entsorgt, wenn er die Welt verlässt. Dann habe ich mir gedacht: Als Architekten sind wir ganz, ganz unten. Es ist zwingend, darüber nachzudenken, was wir Architekten wirklich bauen. Man sollte viel verantwortungsvoller handeln und allenfalls sogar einen Auftrag ablehnen. Die Einschränkung ist aus meiner Sicht bei uns selbst zu suchen: Kann man als Architekturbüro kleiner werden oder weniger bauen?

Ist Nachhaltigkeit also für Sie mit dem Verzicht verbunden, etwas zu bauen, und somit den Freiraum einfach stehen zu lassen? Dann müsste man sich auch nicht mehr um die Entsorgung dessen kümmern, was man einmal gebaut hat.
Im weitesten Sinne ja. Man sollte nach Möglichkeit die knappe Zeit, die einem im Leben zur Verfügung steht, damit verbringen, sich wirklich kreative Fragen zu stellen, und in diesem Themenbereich einen Beitrag leisten – sei er noch so klein. Das heisst keineswegs, dass man als Architekt nicht bauen soll. Aber aus meiner Sicht sollte man versuchen, mit dem, was man tut, einen Beitrag für die Allgemeinheit zu leisten. Für unser Büro ist dieser Beitrag immer auf einer gesellschaftlichen Ebene sowie stets dialogisch zu suchen – das Interessiert uns. Weniger relevant ist für uns die Aussage, dass ein Gebäude eine schöne Form oder eine gute Fassade hat. Das muss ein guter Architekt einfach leisten können. Für mich ist relevant, gesellschaftliche Qualitäten in einem Mikrokosmos zu schaffen. Und ob man das vermag, ist das Wichtigste in unserem Beruf.

Barbara Holzer studierte Architektur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich (ETH). Es folgte ein längerer Aufenthalt in Berlin, wo Holzer Projekte für Architekturbüros in Europa und den USA betreute. Für das Studio Daniel Libeskind realisierte sie unter anderem das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück sowie das Freizeitund Erlebniszentrum «Westside» in Bern Brünnen. Zurück in Zürich gründete sie ihr eigenes Büro, das die Bereiche Architektur und Szenografie miteinander verknüpfte. Für die Schweizerische Landesausstellung Expo.02 entwarf und kuratierte sie die Ausstellung Heimatfabrik. 2004 gründete sie gemeinsam mit Tristan Kobler das international tätige Architekturbüro Holzer Kobler Architekturen in Zürich. Barbara Holzer und Tristan Kobler wurden 2008 mit dem Grand Prix Design der Schweizerischen Eidgenossenschaft für ihr internationales Engagement im Bereich der Ausstellungsgestaltung ausgezeichnet.

Für Barbara Holzer ist die Geschichte des Ausstellungsprojekts «All we need» ein gutes Beispiel für nachhaltiges Bauen. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.