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Die Stadt des toleranten Zusammenlebens

Publiziert am 02.04.2014 von Vittorio Lampugnani, Architekt und Vorsteher des Instituts gta der ETH Zürich
Menschen im Park

Meinung Der Pluralismus der neuen städtischen Gesellschaft, so lautet einer der Lieblingsrefrains zeitgenössischer Stadtplanung, verlange nach Vielfalt. Wie kann das gut gehen? 

Vielfalt wird in der Stadtplanung gerne damit beschrieben, dass jeder Bürger und jeder Stadtbewohner in einem demokratischen Gemeinwesen gleiches Anrecht auf Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung habe. Und da jeder Bürger und Stadtbewohner anders sei als sein Nachbar, müsse die Stadt mit einem Überschwang an unterschiedlichen Architekturformen die Verschiedenartigkeit der Lebensweisen und Kulturen widerspiegeln, die sie aufgenommen habe.

Das Ergebnis dieser Haltung ist ein Durcheinander von Formen und Assoziationen, das jegliche Verständlichkeit und Dialogfähigkeit verliert.

Genauso wie unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Kulturen nur dann wirklich zusammenleben, wenn sie miteinander auch in einen produktiven Dialog treten, ist die Stadt der Moderne nur dann die Stadt des toleranten Zusammenlebens, wenn sie diesem Zusammenleben brauchbare Orte bietet und architektonischen Ausdruck verleiht. Diese Orte und dieser Ausdruck können jedoch weder die arithmetische Addition der Verschiedenheiten noch ihr kleinster gemeinsamer Nenner sein, der allenfalls auf einer abstrakten, keinesfalls aber auf einer ästhetischen Ebene tragfähig wäre. Vielmehr müssen sie den Freiraum versinnbildlichen, der den Einzelnen gerade wegen ihrer Unterschiedlichkeit gewährt wird, damit sie sich individuell entfalten und kollektiv zusammenwirken können.

Der individuellen Entfaltung eröffnen die neuen Informationstechnologien in unerwartetem Mass neuen Raum: Das Smartphone ist heute immer dabei und Social-Media-Plattformen geniessen eine stetig wachsende Beliebtheit. Die kollektive Dimension hingegen obliegt immer noch und vielleicht in Zukunft noch mehr der Stadt. Sie muss die Möglichkeiten bieten und die Anreize schaffen, damit die vielfältig miteinander vernetzten Nomaden des telematischen Zeitalters das unterhaltsame Abenteuer des unverbindlich-menschlichen Kontaktes auf eine andere, bedeutsamere Stufe überführen und Formen der Gemeinschaft erproben und ausleben können. Und sie muss dieser Solidarität die visuelle Begründung liefern.

Vittorio Lampugnani

Vittorio Lampugnani

Vittorio Lampugnani ist 1951 in Rom geboren und hat ein Architekturstudium in Rom und Stuttgart absolviert. Seit 1980 hat er ein eigenes Architekturbüro; zuerst in Berlin, ab 1994 in Mailand. Von 1990 bis 1995 war er Herausgeber der Zeitschrift «Domus». Von 1990 bis 1994 amtete er als Direktor des Deutschen Architektur-Museums in Frankfurt am Main. Seit 1994 ist er ordentlicher Professor für Geschichte des Städtebaus an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, von 1998-2001 war er Vorsteher des Departements Architektur. Von 2005-2007 war er Vorsteher des Netzwerks Stadt und Landschaft. Seit 2010 ist er Vorsteher des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur (gta).

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