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Von bewahrenden Kräften und enttäuschten Erwartungen

Publiziert am 11.03.2014 von Joëlle Zimmerli, Inhaberin Büro Zimraum Raum + Gesellschaft
Urban verdichten

Meinung Gesellschaftlicher Wandel lässt sich nicht verhindern, auch nicht, wenn sich konservative Planer an überholten Gebäudestrukturen festhalten. Wo der Traum von mehr Stadt in ein enges bauliches Korsett gezwängt wird, können gesellschaftliche Erwartungen leicht enttäuscht werden. Die Stadtplanung in Zürich verdeutlicht dies exemplarisch.  Bis auf wenige Baureserven sind die innerstädtischen Quartiere verbaut und aus Sicht der Stadtplaner ist das auch gut so. Vom Seefeld bis zum Letzigrund erstrecken sich Kern- und Quartiererhaltungszonen, in denen Traufhöhen und Baulücken bewahrt werden müssen, damit die Stadt, die einmal war, weiterlebt. Als «quartierverträglich» gelten Neu- und Umbauten in diesen Zonen, wenn sie sich an den historischen Gebäudehöhen und Bauvolumen orientieren. Dabei bleibt unberücksichtigt, dass die «urbanen» Kreise 4 und 5 für Arbeiterfamilien gebaut wurden, die sich 60 Quadratmeter zu viert teilten. Heute sind selbst Studenten kaum mehr bereit, sich mit so wenig Wohnfläche zu begnügen.

Das hat Folgen: In «quartierverträglichen» Ersatzneubauten und hinter den Fassaden von Alt- und Gründerzeitbauten entstehen heute immer grössere – und damit weniger – Wohnungen. Um den Schein der schmucken Postkarten-Stadt zu wahren, wird einer der wenigen urbanen Lebensräume der Schweiz sozial entdichtet.

Befragungen der Zürcher Stadtbevölkerung zeigen, dass den Bewohnern damit nicht gedient ist. Wer in die Innenstadt zieht, erhofft sich von seinem Wohnumfeld eine Dichte, die er in der Agglomeration, auf dem Land oder in den städtischen Randquartieren in derselben Qualität nicht findet. Wer in der Innenstadt lebt, würde eine höher gebaute Stadt begrüssen, sofern mehr Wohnfläche auch mehr Wohnraum für mehr und unterschiedliche Menschen schafft. Wer hingegen in den Randquartieren lebt, schätzt das beschauliche Setting und eine gleichgesinnte Nachbarschaft.

Gerade die ruhigen «dörflichen» Randquartiere möchte die Stadt Zürich in Zukunft verdichten, um vor Urzeiten geplante Nutzungsreserven zu erschliessen. Dass sie damit weder den Erwartungen der Ansässigen noch den Hoffnungen der Zuziehenden gerecht wird, ist den städtischen Planern offenbar egal.

Aber lassen sich all diejenigen, die städtisches Leben suchen, wirklich für «urbanes Wohnen» am Stadtrand begeistern? Akzeptieren die «dörflichen» Städter, dass Randquartiere zu Agglomerationen entwickelt werden? Oder ist es an der Zeit, dass sich auch Stadtplaner endlich eingestehen, dass es massiv an innerstädtischem Wohnraum fehlt?

Joëlle Zimmerli

Joëlle Zimmerli

Joëlle Zimmerli, Soziologin und Planerin FSU, führt seit 2011 das eigene sozialwissenschaftliche Planungsbüro Zimraum Raum + Gesellschaft. Sie befasst sich bei Testplanungen, Nachhaltigkeitskonzepten und Raumstrategien mit der Frage, wie gesellschaftliche Bedürfnisse und Veränderungen in der Planung umgesetzt werden können.

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Kommentare

  • Beat Kämpfen sagte:
    30.03.2014 12:56
    Ich teile die Auffassung von Joëlle Zimmerli in jeder Hinsicht. Die ganze Stadt könnte flächendeckend ein bis zwei zusätzliche Geschosse gut vertragen. Im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen ist Zürich sehr niedrig gebaut. Dafür sind die heute über das Instrument der Arealbebauung in der W3 möglichen achtgeschossigen Bauten zu verhindern, da dies ein zufälliges Nebeneinander von drei-, respektive achtgeschossigen Bauten bewirkt.