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Nachhaltiges Bauen Schweiz - vom Einzelobjekt zum nachhaltigen Quartier

Publiziert am 22.01.2014 von Redaktion Swissbau
Nachhaltiges Bauen Schweiz - vom Einzelobjekt zum nachhaltigen Quartier
Eventreport Nachhaltiges Bauen Schweiz - vom Einzelobjekt zum nachhaltigen Quartier, 22. Januar 2014, 12.30-14.00 Uhr, Messe Basel

Bild: Denis Kopitsis, Architekt SIA, Bauphysiker UWIST und Inhaber der Kopitsis Bauphysik AG 

Im Juni letzten Jahres hat das Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz einen neu entwickelten Baustandard vorgestellt, der alle Dimensionen der Nachhaltigkeit – Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt – berücksichtigt. Am Swissbau Anlass wurden nun die ersten Erfahrungen präsentiert, die bei der Bewertung von Pilotprojekten mit dem Standard gemacht wurden.

Die Anwendung des Standards Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS) wird derzeit an 28 Pilotprojekten getestet, um ihn darauf aufbauend optimieren zu können. Am Swissbau Anlass wurden stellvertretend drei Projekte vorgestellt: ein Ersatzneubau in der Zürcher Innenstadt, eine Instandsetzung in Bern-Bethlehem und ein Neubau in Horw LU. Die Projektverantwortlichen stellten dem neuen Standard insgesamt ein gutes Zeugnis aus, übten im Detail aber auch Kritik.

Nach der Begrüssung der Zuhörer in der fast voll besetzten Swissbau Focus Arena durch Martin Stocker, Vizepräsident des Netzwerks Nachhaltiges Bauen Schweiz und Leiter von Armasuisse Immobilien, erläuterte Daniel Büchel, Vizedirektor des Bundesamtes für Energie BFE, in seinem einführenden Referat die Stossrichtungen und die geplanten Massnahmen der Energiestrategie 2050. Er begann seine Ausführungen mit einem Zitat von Ludwig Borne: «Die Lebenskraft eines Zeitalters liegt nicht in seiner Ernte, sondern in seiner Aussaat.» Sowohl die Energiestrategie als auch der neue Baustandard als wichtiger Baustein davon seien eine solche Saat, die «Zeit braucht, bis man die Ernte einfahren kann.»

Das anschliessende Referat von Paul Eggimann, Leiter Bauökologie im Hochbauamt des Kantons Zürich, leitete zu den Pilotprojekten über. Eggimann stellte die Ergebnisse der Bewertung nach SNBS für ein Bürogebäude an der Stampfenbachstrasse 30 in Zürich vor (Architektur: Voelki Partner AG Architekten, Zürich), das seit letztem Sommer die kantonale Gesundheitsdirektion beherbergt. Der siebengeschossige Ersatzneubau wurde auch nach Minergie-P-Eco zertifiziert. Trotzdem erhielt er in der Bewertung nach SNBS nur mittlere bis gute Noten. Das liege zum Teil daran, dass der Standard die Latte sehr hoch ansetze und im Bereich Umwelt zum Beispiel nur mit einem Plus-Energie-Gebäude die beste Note erreichbar sei. Eggimann kritisierte aber, dass einige Kriterien vom Standort des Gebäudes und nicht von der Bauweise abhängig seien. So schnitt das in der dichten und versiegelten Zürcher Innenstadt liegende Gebäude etwa beim Kriterium «Natur & Landschaft» schlecht ab. Auch seien nicht alle Kriterien für alle Bauten sinnvoll, so beispielsweise die Vermietungssituation für ein Gebäude der öffentlichen Verwaltung. Das Zusammentragen aller erforderlichen Daten für die Fülle an Kriterien sei ausserdem recht aufwändig, wobei diese aber letztlich mit sehr unterschiedlicher Gewichtung in die Bewertung einflössen, so Eggimann. Insgesamt lobte er das Tool aber als «umfassend». «Es deckt den aktuellen Stand der Diskussion im Nachhaltigen Bauen ab» konstatierte Eggimann.

Als weiteres Pilotprojekt wurde das Tscharnergut in Bern-Bethlehem vorgestellt. Die zwischen 1958 und 1965 erbaute Siedlung soll in den kommenden Jahren etappenweise und sozialverträglich instandgestellt werden. Wie dies passieren soll, zeigt stellvertretend eine dieses Jahr beginnende Pilotsanierung an einem der Gebäude, die als verbindlich für das Vorgehen bei allen anderen erklärt wurde. Der Berner Architekt Rolf Mühlethaler präsentierte die wesentlichen Prinzipien dieser Instandsetzung (Architektur: Rolf Mühlethaler, Bern und Matti Ragaz Hitz AG, Liebefeld), ohne jedoch auf die Bewertung nach SNBS einzugehen. Dem Gebäude wird eine drei Meter breite Raumschicht hinzugefügt. Die einfachen und funktionalen Grundrisse werden ansonsten aber beibehalten. Auch insgesamt hält sich die Eingriffstiefe im Rahmen, da für eine Reihe geltender Normen und Richtlinien mit den städtischen Behörden Kompromisse ausgehandelt werden konnten.

Drittes im Bunde der vorgestellten Pilotprojekte war ein geplanter Neubau im neu entstehenden Stadtteil rund um den Südbahnhof von Horw LU. Denis Kopitsis, Inhaber der Kopitsis Bauphysik AG in Wohlen, stellte das Projekt im Baufeld G des elf Hektaren grossen Entwicklungsgebietes vor (Architektur: Tilla Theus und Partner AG, Zürich). Die Bewertung nach SNBS wurde für die zwölf oberen, als Wohnraum genutzten Geschosse durchgeführt, die sich über zwei als Büroflächen genutzten Sockelgeschossen befinden. Kopitsis lobte die gleichwertige Gewichtung der Bereiche Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt innerhalb des SNBS, die auch bei Investoren gut ankomme. Auch dieses Projekt erreicht bei der Bewertung mittlere bis gute Noten, wobei in der jetzigen Vorprojektphase einige Kriterien noch nicht bewertet werden konnten. Auch Kopitsis brachte jedoch Kritik am Sinn einzelner Kriterien an. So bringe die geplante Anordnung der Balkone innerhalb des Wärmedämmperimeters zwar Vorteile im Bereich Energie, dafür aber Nachteile im Bereich Gesellschaft, da die Balkone als Innenräume gelten und somit Aussenräume fehlen.

Heinrich Gugerli, Leiter der Fachstelle Nachhaltiges Bauen der Stadt Zürich, schlug mit seinem Vortrag den Bogen vom Einzelgebäude zu ganzen Arealen und stellte das Zertifikat «2000-Watt-Areale» am Beispiel der Greencity Zürich vor, die das Zertifikat letzten Herbst für die Phase «Entwicklung» erhalten hat. Durch die 2000-Watt-Areale würden Baulabel aber nicht obsolet, betonte Gugerli. 

Den Abschluss der Veranstaltung bildete eine kurze Podiumsdiskussion mit allen Referenten unter Leitung von Judit Solt, Chefredaktorin der Fachzeitschrift TEC21. Darin betonte Paul Eggimann, dass es beim nachhaltigen Bauen keine vorgefertigten Lösungen gebe. Statt dessen müsse man für jede Lebensphase eines Gebäudes eruieren, welche machbaren, nachhaltigen Lösungen es gibt. Dass dabei verschiedene Wege möglich seien, sei ein eigentlicher Mehrwert, so Heinrich Gugerli in seinem abschliessenden Statement.

Weiteres Bildmaterial zur Veranstaltung «Nachhaltiges Bauen Schweiz - vom Einzelobjekt zum nachhaltigen Quartier» steht in der Bilddatenbank der Swissbau zur Verfügung.


Videointerviews

Martin Stocker,
Vizepräsident NNBS
Paul Eggimann,
Bauökologe des Hochbauamtes Kanton Zürich
Rolf Mühlethaler, Architekt BSA SIA


Präsentationen der Veranstaltung «Nachhaltiges Bauen Schweiz - vom Einzelobjekt zum nachhaltigen Quartier»

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Präsentation von Paul Eggimann, Bauökologe des Hochbauamtes Kanton Zürich


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Daniel Büchel, Programmleiter EnergieSchweiz


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Präsentation von Denis Kopitsis, Inhaber Kopitsis Bauphysik AG


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Präsentation von Rolf Mühlethaler, Architekt BSA SIA


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Präsentation von Heinrich Gugerli, Leiter Fachstelle nachhaltiges Bauen Amt für Hochbauten Stadt Zürich


Veranstalter

NNBS


Impressum

Text: Claudia Carle, Tec21
Interviews: Peter Basler
Kamera: Adrian Baumann, TVision
Schnitt: Adrian Hedinger, TVision
Fotografie: MCH Swissbau
Konzept und Koordination: IEU AG


Redaktion Swissbau

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