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Eine Ästhetik der Nachhaltigkeit?

Publiziert am 06.08.2013 von Inge Beckel, Architekturpublizistin und Präsidentin des Bündner Heimatschutzes
ferien im baudenkmal

Meinung Eine Ästhetik, die mitunter auf Nachhaltigkeit fusst, hat mit Langlebigkeit zu tun. Ihr gegenüber steht die Kurzlebigkeit. Letztere manifestiert sich meist als «modisch» und kann schnell wieder weggeworfen oder ausgewechselt werden. Denn der Reiz des Modischen ist das Neue, oder besser: das Neueste.  Vorne mit dabei sein, den anderen voraus – darin liegt die Macht des Kurzlebigen wie des Modischen. Dieser kurzatmige Rhythmus aber bedeutet Verschwendung.

Auch in der Bauwirtschaft wird das Kriterium «Erstbezug» zuweilen als Besonderheit verkauft. Doch wird eine Wohnung nach «Erstbezug» verlassen oder ein Laden weiterverkauft, ist die «Unbeflecktheit» weg: Denn Menschen hinterlassen Spuren. Nachhaltig sind damit vielmehr Bauten, mit denen Menschen altern können. Die die Geschichten jener, die darin gelebt, gearbeitet, sich ereifert, gefreut oder Schwieriges durchgemacht haben, besonders machen.

Das Wohlbefinden der Nutzerinnen und Nutzer sollte zu einem zentralen Anliegen im Bauen werden. Es trägt zu täglicher Sorgfalt und damit zu einer nachhaltigen Ästhetik bei.

Schliesslich sind Bauten nachhaltig, deren Räume den Bedürfnissen der Menschen entsprechen, deren Atmosphäre sie schätzen, in denen sie sich wohlfühlen. Denn fühlen sich Menschen in einem Haus wohl, so tragen sie dazu Sorge. Das Haus wird gepflegt und unterhalten. Unterhalt, zusammen mit Geschichte – oder Geschichten, gibt einem Haus wiederum einen Mehrwert. Damit werden Häuser nachhaltig, die im Gebrauch sinngemäss an Wert gewinnen.

Es hängt weiter von den Materialien ab, ob ein Bau im Alltag schön altert und sich eine Art Patina ansetzt – oder ob der Eindruck des Verschleisses entsteht. Letztendlich ist es eine qualitätvolle, humane, sorgfältig konzipierte und realisierte Architektur, die überdauert. Und wenn ein geübtes Auge das (hohe) Alter eines Hauses auch schnell «entziffert», so überzeugen solide Häuser zeitlebens – durch Authentizität, kulturellen Wert und durch eine Art nachhaltige Ästhetik.

Links:

  • Ferien im Baudenkmal, ein Angebot des Schweizer Heimatschutzes
  • Projekt Engihuus, Umwandlung eines historischen Gebäudes am Dorfplatz zu einem Gasthaus mit Gemeindesaal, Valendas GR
Inge Beckel

Inge Beckel

Inge Beckel studierte und dissertierte an der ETH Zürich im Fachbereich Architektur. Heute lebt sie in Fürstenaubruck und arbeitet als freischaffende Architekturpublizistin sowie als Bau- und – nutzerorientierte – Bauträgerschaftsberaterin innerhalb der Firma Querverweise.

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    In seinem Beitrag vom 1. November 2012 argumentiert Dominic Haag, Mitinhaber des Architekturbüros haag wagner in Zürich, dass die Innenräume die eigentliche Quelle der Nutzerakzeptan und dadurch ein wichtiger Baustein einer nachhaltigen Ästhetik sind.

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