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Genius Loci versus High-Tech: Wohnüberbauung Fehlmann-Areal, Winterthur 2010

Publiziert am 02.07.2013 von Bob Gysin, Gründer und Mitinhaber von BGP Architekten
fehlmann

Meinung Nicht nur die Pioniere der Nachhaltigkeit mit ausgeklügelten technischen Lösungen sollen hier zu sprechen kommen. Um das kluge, alte Wissen von den brachliegenden Qualitäten des Ortes soll es in diesem Beitrag gehen. Denn kein nachträglich an den Bau angebrachtes technisches Verfahren kann umfassend nachhaltig sein. 

Nachhaltiges Bauen strebt für alle Phasen des Lebenszyklus von Gebäuden – von der Planung, der Erstellung über die Nutzung und Erneuerung bis zum Rückbau – eine Minimierung des Verbrauchs von Energie und Ressourcen sowie eine möglichst geringe Belastung des Naturhaushalts an. Der Blick auf das Gesamtsystem Gebäude ist dabei die Voraussetzung für ein wirtschaftliches und langfristig nachhaltig zu betreibendes Bauwerk, das sozialverträglich ist, beziehungsweise diesbezüglich Mehrwerte schafft.

Es kann also vorkommen, dass High-Tech-Lösungen zugunsten der Gesamtbetrachtung aller Faktoren in den Hintergrund treten.

So beim Fehlmann Areal in Winterthur, einem Prototypen für nachhaltige Stadtentwicklung im Sinne von Nach-Verdichtung: Durch die sorgfältige Eingliederung der Neubauten bleiben integrale Bestandteile des Parks erhalten. Das ausgewogene Ensemble ist raumplanerisch verträglich, senkt den Mobilitätsenergiebedarf und stärkt die Qualitäten des Ortes.

Nachhaltigkeit ist aber besonders auch eine Frage des Timings: Bereits in der Konzeptphase werden die Weichen gestellt, damit durch rein passive Massnahmen der Gesamtenergiebedarf tief gehalten werden kann. Die Neubauten wurden im Minergie-Standard realisiert und zertifiziert. Um den Energiebedarf zu minimieren wurden folgende architektonische Massnahmen getroffen: Kompakte Baukörper mit einem austarierten Oberfläche-Volumen-Verhältnis wurden optimal nach der Sonne ausgerichtet. Die ideal gedämmte Gebäudehülle, mit einem angemessenen Glasanteil, wurde mit einem aussenliegenden Sonnenschutz versehen.

Aufgrund der Effizienz dieser rein passiven Massnahmen waren lediglich zwei technische Massnahmen notwendig: So wird die Bodenheizung mit erneuerbarer Energie aus der Kehrichtverbrennungsanlage betrieben und die kontrollierte Lüftung an eine Wärmerückgewinnung angeschlossen.

Der Genius Loci hat den Charakter der Wohnüberbauung Fehlmann-Areal massgeblich bestimmt, fast schon wörtlich spiegelt er sich fortan in der Fassade und erinnert uns daran, die Werte vor Ort zu nutzen: Zusammen mit der bestehenden Villa, dem Gartenpavillon und den prächtigen Parkbäumen ergibt sich ein ausgewogenes Ensemble. Statt einer grossbürgerlichen Familie sind jetzt auf dem gleichen Raum 57 Familien und ein Firmensitz zu Hause.

Wohnüberbauung Fehlmann-Areal, Winterthur 2000 – 2010
Studienauftrag auf Einladung, 1. Preis 2000
Bauherrschaft: AXA Winterthur
Gesamtleiter: Bob Gysin + Partner BGP Architekten ETH SIA BSA
Landschaftsarchitekt: Vetsch Nipkow Partner, Zürich

Bob Gysin

Bob Gysin

Bob Gysin ist Gründer und Mitinhaber des Architekturbüros BGP Architekten in Zürich. Als CEO des 35-köpfigen Büros ist er im täglichen Architekturdiskurs ebenso involviert wie in Strategie-Entwicklungen zur Nachhaltigkeit oder bei diversen Jurytätigkeiten.

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