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Dezentral produzierter Solarstrom entlastet die Stromnetze

Publiziert am 15.02.2012 von David Stickelberger, Geschäftsleiter Swissolar
Solarstrom Window

Meinung Ein Interview mit Swissgrid-Chef Pierre-Alain Graf in der NZZ am Sonntag vom 5. Februar 2012 löst heftige Diskussionen aus. Auslöser war die kalte Witterung, die das Stromnetz offenbar an seine Grenzen kommen lässt. Den wirklichen Ursachen wird im Artikel leider nicht nachgegangen. So sagt etwa der Swissgrid-Vertreter, Elektroheizungen seien in Frankreich, Italien und weiteren Ländern im Gegensatz zur Schweiz weit verbreitet und würden die Netze stark belasten.

Falsch: Auch in der Schweiz werden 230‘000 Haushalte mit Strom beheizt. Zusammen mit Elektroheizungen in weiteren Bereichen verursachen sie etwa einen Fünftel des Winterstromverbrauchs der Schweiz. Während den jetzigen kalten Nächten verbrauchen sie fast so viel Strom, wie alle fünf Schweizer AKWs produzieren!

Es wäre also dringlich, diese ineffizienten Stromvernichter so rasch wie möglich durch erneuerbare Energien zu ersetzen, beispielsweise durch Sonnenkollektoren und Wärmepumpen. Doch bei der Suche nach Netzbelastern sucht man lieber anderweitig. Im genannten Artikel wird beispielsweise suggeriert, dass die Produktion von Wind- und Solarstrom nicht prognostizierbar sei und deshalb zu einer Mehrbelastung der Netze führe. Bei den heutigen genauen Wetterprognosen ist das natürlich Unsinn – es lässt sich bis auf wenige Prozente genau sagen, wie hoch die Sonneneinstrahlung oder die Windgeschwindigkeit am nächsten Tag ist.

Doch was passiert, wenn wirklich grosse Mengen Solarstrom ins Netz eingespiesen werden? Studien im Auftrag des deutschen Solarverbandes BSW zeigen, dass auch bei 10% Solarstrom im Netz (heute etwa 4% in Deutschland) nur geringe Mehrkosten entstehen. Bis 2020 sollen die Netzentgelte PV-bedingt um lediglich 0.012 bis 0.06 Eurocent pro Kilowattstunde ansteigen. Am ehesten gibt es Anpassungsbedarf im Niederspannungsnetz, welches jedoch ohnehin routinemässig ertüchtigt werden muss.

Diese Erkenntnis gilt grundsätzlich auch für die Schweiz. Denn hierzulande gilt noch stärker als in Deutschland: Solarstrom wird dezentral erzeugt, bei uns fast ausschliesslich auf Hausdächern und Fassaden.

Wenn der erzeugte Strom nicht im Gebäude selbst verbraucht wird, so findet er im Nachbarhaus einen Abnehmer. Zu einer Mehrbelastung des Hochspannungsnetzes wird deshalb auch ein hoher Solarstromanteil nach heutiger Erkenntnis nicht führen – im Gegenteil: dank der verstärkten dezentralen Versorgung könnte das Hochspannungsnetz sogar entlastet werden.

Beim teilweise notwendigen Ausbau der Niederspannungsnetze sind keine Akzeptanzprobleme zu erwarten, da diese grösstenteils unterirdisch verlegt werden und ohne vergleichbar grossen Eingriff in Landschaften, Siedlungsräume oder Naturschutzgebiete erfolgen wie der Ausbau der Höchstspannungsnetze.

Fazit: Für den Ausbau der Photovoltaik sind die Beschränkungen des heutigen Stromnetzes höchstens ein marginales Problem und wenn Teile der Stromwirtschaft das Gegenteil behaupten, so lenken sie höchstens von der Tatsache ab, dass sie jahrelang zugunsten der Profitmaximierung auf den dringend fälligen Ausbau des Leitungsnetzes verzichtet haben.

Im Rahmen des Themenanlasses «Gebäude als Kraftwerk» hat David Stickelberger ein Videointerview zu den Chancen der Energieerzeugung im Gebäudebereich gegeben. Das Videointerview finden Sie im Eventreport zum Anlass.

David Stickelberger

David Stickelberger

David Stickelberger, studierter Geograph mit absolviertem Nachdiplomstudium in Umweltlehre, ist Geschäftsleiter von Swissolar, dem Schweizerischen Fachverband für Sonnenenergie. Vor seiner aktuellen Tätigkeit arbeitete er von 1993 bis 1998 bei Greenpeace Schweiz als Leiter der Kampagne Klima und Energie, sowie von 1998 bis 2007 als Co-Geschäftsführer von AEE (Agentur für erneuerbare Energien und Energieeffizienz).

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