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Swissbau Future Forum: Urbane Potenziale der Schweiz

Publiziert am 18.01.2012 von Redaktion Swissbau
swissbau-future-forum
Eventreport - Swissbau Future Forum 18.1.2012, 9.30-11.45 Uhr, Messe Basel

Bild: v.l.n.r.: Matthias Horx, Zukunftsforscher, Katja Gentinetta, Moderation, Christophe Girot, Landschaftsarchitekt

Im Brennpunkt des diesjährigen Swissbau Future Forums stand vor dem Hintergrund einer zunehmend zersiedelten Landschaft und der Diskussionen um verdichtetes Bauen, schrumpfende Landreserven, Nachhaltigkeit etc. das Thema der urbanen Potenziale.

Die Schweiz scheint sich zu einem Stadtland auszuwachsen, in dem unüberbaute Landschaft kaum mehr wahrnehmbar ist. Mit Blick auf das Bevölkerungswachstum und die ungebrochene Zuwanderung steht die Zukunftsfrage im Raum: wieviel Lebensqualität hat eine Schweiz mit 9 Mio Einwohnern zu bieten – oder wieviel geht verloren? Was braucht es, denkt man an die Landschaft – und wohin geht’s, denkt man an die gesellschaftlichen und globalen Trends? Ein Diskurs zwischen dem renommierten Landschaftsarchitekten Prof. Christophe Girot 1) und Matthias Horx 2), einem der international einflussreichsten Trendforscher, unter Moderation der politischen Philosophin Dr. Katja Gentinetta 3).

Immanente Landschaft oder kommende Urbanität

Prof. Christophe Girot stellte die «Unklarheit über das Wesen der Natur» ins Zentrum seiner Ausführungen, eine «fehlende gegenwärtige Natur-Ontologie», welche die Voraussetzung gelingender Landschaftsarchitektur wäre. In der philosophischen Auseinandersetzung mit dem Thema der Gestaltung von Natur herrscht Unbehagen und Hilflosigkeit vor – nicht zuletzt deshalb, weil wir alle immer noch alte Denk- und Landschaftsmodelle im Kopf haben, die mit der Wirklichkeit nicht mehr vereinbar sind. Unser symbolisches Verständnis von Natur hat sich aufgelöst, die wirksamen Landschaftsmodelle haben unsere Auffassung von Natur verzerrt – insbesondere, wenn es um die städtische Umwelt und deren Gestaltung geht, aber auch um Ökologie geht. Diese Einstellungen zu hinterfragen, wäre eine Grundvoraussetzung für einen Paradigmenwechsel und für die Entwicklung möglicher Optionen für eine erneute Naturverbundenheit in der Stadt. Nicht Ideologien und Utopien der Vergangenheit, sondern die Vision und gleichzeitige Notwendigkeit des neuen Erkennens und Gestaltens einer kultivierten Natur, neuer Formen natürlich-naturhafter Urbanität, der Immanenz von Landschaft in der Stadt weisen den Weg in die Zukunft. Zitat Prof. Girot: «Ich glaube an eine Ontologie, in der die Natur symbolisch mit dem "Substrat Stadtgeschichte” und der menschlichen Subjektivität – dem Fühlen und Denken jedes Einzelnen – zu einem kongruenten Konstrukt verbunden wird.» Und: «Statt erbittert das welkende – und für manche längst vewelkte Ideal einer jungfräulich-unberührten “Urnatur”, die nur durch menschliche Eingriffe verletzt wurde, zu verteidigen, schlage ich einen Paradigmenwechsel vor, der Natur als ein integriertes Element der Topologie der Stadt auffasst.»

Zukunft Stadt – Megatrend Urbanisierung

Matthias Horx warf in seiner Präsentation einen aufschlussreichen Blick auf die historische Entwicklung der Stadt, auf deren Entwicklungszyklen, auf die heute wachsenden, stagnierenden, explodierenden oder hoffnungslos wuchernden und vergehenden Städte unserer Welt. Und darauf, was wir daraus machen – und machen können. Lebten im Jahr 1900 noch 10% der Weltbevölkerung in Städten und 2007 50%, werden es im Jahre 2050 75% sein. 4,1% der Erde werden verdichtet bewohnt sein – es bleibt also freie Natur. Der Peak wird mit 9.5 Mrd. Menschen erreicht sein und danach wieder schrumpfen. Dies die puren Zahlen, doch umschreiben sie eine der stärksten epochalen Veränderungen unserer Zeit. Die Herausforderung der Konversion schrumpfender Städte im Westen steht dabei beispielsweise der Wohlstands-Transformation boomender Städte in Asien gegenüber. Geht man an neue Konzepte, lohnt sich der Blick zurück in die Geschichte, denn hier finden sich auch die Rezepte für die Zukunft. Matthias Horx nennt es «Re-Designing Cities» und zeigt dabei die Revitalisierung der Stadtkerne auf, das Zurückholen und Zurückkommen von Kreativität und von: gestalteter Natur. Ecopolis und Creative Cities, die von einem neuen urbanen Bürgertum, der kreativen Klasse geprägt werden, sind leise am Entstehen – und weisen den Weg. Mit einem Blick auf Konzepte neuen Wohnens am Beispiel seines Future Evolution Hauses in Wien und auf neue integrierte Siedlungsformen beschliesst Matthias Horx, bekennender Zukunftsoptimist, seine Ausführungen mit einem Zitat von Borislav Barlog: «Fortschritt ist nur möglich, wenn man intelligent gegen die Regeln verstösst.»

Die Stadt im Focus: Die Schlussdiskussion hat aufgezeigt, dass sich urbane Potenziale in verschiedensten Facetten zeigen und auftun. Wesentlich scheint ein Nachdenken über die Möglichkeiten und Chancen, die sich durch die Kooperation, das Zusammenwirken der einzelnen Disziplinen und Akteure ergeben, die an der Gestaltung und am Bau der «Städte mit Zukunft» arbeiten. Dass dies den einen oder anderen Paradigmentwechsel dringend notwendig macht und machen wird, wurde dezidiert dargelegt - und ist nachdrücklich gefordert.

1) Prof. Christophe Girot, renommierter Landschaftsarchitekt, ist Professor am Institut für Landschaftsarchitektur des Departements Architektur der ETH, Zürich und praktizierender Landschaftsarchitekt in Zürich und Paris. Zu seinen ausgeführten Projekten zählen neben dem Invalidenpark in Berlin und mehreren Gärten in Paris auch die Parkanlagen Six Arpents in Pierrelaye und Jules Guesdes in Altfortville.

2) Matthias Horx gilt als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Er gründete das Zukunftsinstitut in Frankfurt und Wien, ist Dozent für Prognostik und Früherkennung an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen.

3) Dr. Katja Gentinetta ist politische Philosophin und war von 2006 bis 2011 Stv. Direktorin des Think Tanks Avenir Suisse. Sie hat mehrere Bücher zu sozialpolitischen Fragen sowie zur Souveränität der Schweiz verfasst. Sie ist unter anderem Lehrbeauftragte für Public Affairs an der Universität St. Gallen.

Weiteres Bildmaterial zum Themenanlass «Swissbau Future Forum» steht in der Bilddatenbank der Swissbau zur Verfügung.


Videointerviews

Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher, Zukunftinstitut
Dr. phil. Katja Gentinetta, Politische
Philosophin
Prof. Christophe Girot, Landschaftsarchitekt, Atelier Girot


Präsentationen des Themenanlasses «Swissbau Future Forum»

Präsentation Swissbau Future Forum

Präsentation Matthias Horx

Präsentation Prof. Christophe Girot


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Impressum

Text: Brigitte Kesselring
Interviews: Peter Basler
Kamera und Schnitt: Adrian Baumann, TVision, www.tvision.ch
Fotografie: MCH Swissbau<
Konzept und Koordination:IEU AG, Liestal, www.ieu.ch


Redaktion Swissbau

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