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Integrale Mobilitätskonzepte für zukunftsfähige Quartiersentwicklungen

Publiziert am 28.12.2011 von Hanspeter Bürgi, Architekt und Dozent an der Hochschule Luzern
Siedlung Burgunder Window

Meinung Knapper werdende Ressourcen und fortwährender Klimawandel stellen neue Herausforderungen an Architektur, Städtebau und Raumplanung. Energie spielt dabei auf verschiedenen Ebenen eine entscheidende Rolle, wobei neben technischen vor allem auch räumliche und gesellschaftliche Aspekte interessieren. Über kluge raumplanerische Konzepte, regionale architektonische Ansätze und kulturelle Verknüpfungen können so unverkennbare Orte und Identitäten geschaffen werden. Mehr und mehr Objekte segeln heute unter dem Begriff des nachhaltigen Bauens. Doch zu oft sind diese Gebäude isoliert gedacht, der Kontext wird ausgeblendet.

Nachhaltigkeit meint allerdings mehr. Es geht hier um die Balance zwischen gesellschaftlichen, ökologischen und ökonomischen Anforderungen, es geht um kulturelle Verantwortung. Dies fordert jedoch, das Gedankengerüst der eigenen vier Wände aufzubrechen.

Wenn heute im urbanen Kontext nun Zusammenhänge von Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Mobilität intensiver und konsequenter angegangen werden, mag dies viele Gründe haben; pragmatischer Ausdruck einer gesellschaftlichen Realität inklusive. In der Stadt Bern, wie in anderen grossen Schweizer Städten, besitzt fast die Hälfte der Haushalte kein eigenes Auto. So ist es ein optimistisches Zeitzeichen, dass mit der Siedlung Burgunder in Bern-Bümpliz Ende 2010 die erste autofreie Wohnsiedlung der Schweiz fertig gestellt wurde. Mieterinnen und Mieter von 80 Wohnungen leben hier ohne eigenes Auto und sind doch mobil: Nahe Bahn-, Bus- und Tramverbindungen, Quartierinfrastruktur in idealer Velo- und Fusswegdistanz, Carsharing-Angebot in der Siedlung. Ausgenommen einiger Besucherplätze sind jedoch keine Autoparkplätze gebaut und verfügbar.

Wie Auswertungen der Häuser A und B – die nach dem Standard Minergie-P-ECO zertifiziert sind – zeigen, liegen die gesamtenergetischen Planwerte deutlich unter den SIA-Zielwerten (Betriebsenergie, Graue Energie, Mobilität) von 440 MJ/m2a an nicht erneuerbarer Primärenenergie. Diese Zahlen werden durch erste gemessene Daten und Auswertungen einer Bewohner/innenumfrage zum Mobilitätsverhalten und zur Wohnqualität deutlich bestätigt. Damit ist die Siedlung Burgunder ebenso kompatibel mit Zielsetzungen einer 2000-Watt- als auch einer 1-Tonne-CO2-Gesellschaft und ist vor allem Teil einer lebendigen Quartierkultur.

Zukunftsfähige Quartiers- und Arealentwicklungen setzen Architektur und Kultur, Energie und Raum in neue Zusammenhänge – mit integralen Mobilitätskonzepten.

Weitere Projekte autofreier respektive -armer Siedlungen entstehen in Ostermundigen/BE, Zürich und Winterthur (siehe Hochparterre 10/2011, S. 56 ff) und zeigen ein neues Verständnis im sorgsamen Umgang mit natürlichen und kulturellen Ressourcen. Innovative gesetzliche Rahmenbedingungen und planerische Instrumente müssen diese Entwicklungen nun schnell aufnehmen und nachhaltig fördern.

Hanspeter Bürgi

Hanspeter Bürgi

dipl. Architekt ETH SIA FSU, Professor für Entwurf und Konstruktion an der Hochschule Luzern – Technik & Architektur und Partner bei Bürgi Schärer Architektur und Planung in Bern. Leiter Atelier Solar Decathlon.

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