18. – 21. Januar 2022

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Alte Bausubstanzen sind punkto Nachhaltigkeit kaum zu übertreffen

Die Bauqualität von heute ist wegen des Kosten- und Zeitdrucks, aber auch wegen des handwerklichen Know-How-Verlusts auf ein bedenkliches Niveau gesunken. Die neu eingesetzten Konstruktionen und Materialien sind von kurzer Lebensdauer und somit versteckte finanzielle Zeitbomben. Neu ist nicht automatisch besser. 

«Der Bestand muss saniert und energetisch nachgerüstet werden», heisst es und gemeint ist damit der gesamte Gebäudepark vor 1980. Verschiedenste Altbauten werden dadurch in einen Topf geworfen. Sanieren heisst dann meist, diese Bauten mit den Segnungen heutigen Bauens zu beglücken: Aussendämmung, kontrollierte Lüftung und dergleichen mehr. Schliesslich verlangen dies die Vorschriften und die U-Wert-Theorie. Dabei werden bewährte Konstruktionen und charakterliche Merkmale der verschiedenen Bauepochen erstaunlich schnell über Bord gekippt.

Bisher wurde die Bausubstanz von 1870 bis 1920 – für mich das Beste, was punkto Qualität und Nachhaltigkeit in unserem Lande je gebaut wurde – mehrheitlich verschont vor solchem Aktionismus. Im Fokus energetischer Sanierungen waren berechtigterweise Objekte der 1940er bis 1970er-Jahre. Doch das scheint sich in der Bauwirtschaft nun zu ändern: Warum sich nicht auch an der massiv gebauten Substanz des Historismus, die besonders in den Städten um die Jahrhundertwende ganzen Quartieren ein neues Gesicht verlieh, gütlich tun? Einer Bausubstanz, welche sich – im Gegensatz zu neuzeitlichen Objekten – sehr einfach renovieren lässt und deren durchdachten und qualitativ hochwertig materialisierten Konstruktionen eine Lebensdauer erreicht, von der wir bei heutigen Bauten nur träumen können.

Warum ist das so? Der Zeitgeist war damals nicht so kurzlebig und die Qualität im Handwerk auf einem Höchststand. Ein guter Handwerksgeselle galt etwas. Die hellen Köpfe, die um die Jahrhundertwende edles Handwerk pflegten, arbeiten heute lieber im staubfreien Dienstleistungssektor. So ist nicht verwunderlich, dass beim Sanieren von Altbauten «die zeitgenössische Kunst, Hochwertiges mit Minderwertigem abzudecken», bald flächendeckend Anwendung findet. Laminat auf 100-jährigen Fischgratparkett, Billig-Plättli auf zeitlosem Mosaik-Terrazzo, Polystyroldämmung auf einem Baumeisterverputz – der an diversen Objekten auch nach mehr als 100 Jahren noch immer schadenfrei hält – und Kunststofffenster anstelle von filigranen und profilierten Lärchenholzfenstern –  die zwar nicht so dicht waren, allerdings eine Lüftungsanlage überflüssig machten und ebenso locker ein Jahrhundert auf dem Buckel haben können. Die damaligen Handwerksleute würden sich wohl im Grab umdrehen ob dem heutigen Treiben am Bau.

Es scheint ein ewig wiederkehrendes gesellschaftliches Phänomen zu sein, dass sich die Generation der Jetzt-Zeit für besonders intelligent und die Leistungen ihrer Ahnen nicht besonders hoch hält. Deshalb ist man wohl davon abgekommen, sich konstruktiv an altem Bauwissen zu orientieren, welches, wie oben beschrieben, punkto Nachhaltigkeit kaum zu übertreffen ist.

Was werden wohl dereinst unsere Kinder und Kindeskinder über unsere Generation denken, deren Energiesparlogik es ist, mit 20 Zentimeter-Dämmungen ohne Feuchteausgleichsvermögen die Wärme der Sonne von Häusern abzuhalten? Sie werden sich bestimmt wundern, wie der kostenfreie solare Wärmeertrag über Mauerwerk oder Massivholzwand ignoriert und nicht – wie es uns Altbauten lehren –  genutzt wurde.

Philipp Hostettler ist Architekt und führt seit 15 Jahren ein eigenes Büro, welches auf Umbauten und Renovationen von Altbauten spezialisiert ist. Seit 30 Jahren fasziniert ihn die Bauweise vergangener Generationen und das Bauwissen, welches in alten Häusern zu finden ist, sofern man danach sucht. Besonders intensiv hat er sich mit der Bausubstanz von 1870 bis 1920 beschäftigt. Er ist Vizepräsident der Interessensgemeinschaft altbau und in dieser für die interne Weiterbildung und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

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