18. – 21. Januar 2022

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Es braucht mehr Frauen in der Baubranche

Die Baubranche ist immer noch fest in Männerhand. Der Frauenanteil schwankt je nach Berufsgattung stark. Um ihn zu erhöhen, braucht es eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

 

(Titelbild: Im Bauhauptgewerbe liegt der Frauenanteil nach wie vor im tiefen einstelligen Prozentbereich. Bild: SBV)

Auf den Baustellen in der Schweiz sind Frauen auch heute noch in der Minderzahl. Im tiefen einstelligen Prozentbereich liegt der Frauenanteil etwa beim Maurer- oder Strassenbauerberuf, teilt der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) auf Anfrage mit. Genau erhoben wird die Zahl nicht, doch zeichnet sich ein langsames Wachstum ab.

Berührungsängste gegenüber Handwerksberufen
«Nach wie vor haben weibliche Jugendliche selbst wie auch Eltern und Lehrkräfte Berührungsängste gegenüber handwerklichen Berufen», sagt Matthias Engel, Pressesprecher beim SBV. Das Bauhauptgewerbe bleibe davon nicht verschont. Und das, obschon motivierte Berufsleute schon bald nach Lehrbeginn viel Selbstverantwortung übernehmen können. Auch die Karrierechancen für Frauen sind gross und die Löhne für eine Maurerin oder Strassenbauerin liegen durchschnittlich bei 6000 Franken. Nebst handwerklichem Können ist auf der Baustelle auch Kopfarbeit gefragt, etwa beim Lesen von Ausführungsplänen oder beim Umgang mit modernen Maschinen und Geräten. Frauen in Führungspositionen sind leider sehr selten, weiss Engel. «Bei den wenigen Ausnahmefällen handelt es sich vor allem um Quereinsteigerinnen oder um Nachfolgerinnen in Familienunternehmen.»

Frauenanteil steigt langsam
Etwas anders sieht es bei den Bachelor- und Master-Studiengängen Architektur an der ETH Zürich aus, wo 2020 fast die Hälfte der Studierenden Frauen waren (49 Prozent 2020, 43 Prozent im Jahr 2004). Bei den Professuren aber lag laut dem Gender-Monitoring 2016 der ETH der Frauenanteil im Departement Architektur lediglich bei 11 Prozent, obwohl rund 46 Prozent der Doktoranden Frauen sind. Ebenfalls stark untervertreten sind die Frauen bei den Bachelor- und Master-Studiengängen Bauingenieurwissenschaften an der ETH. Betrug der Frauenanteil beider Studiengänge zusammen im Jahr 2004 20 Prozent, ist er bis 2020 auf immerhin 27 Prozent angewachsen.

Salome Hug: Begeisterung für Tragwerke
Salome Hug ist eine der wenigen Frauen, die 2001 an der ETH ein Bauingenieurstudium abgeschlossen haben. Ihren Entschluss hat sie nie bereut. Angefangen hatte ihre Begeisterung fürs Bauen mit einem Besuchstag an der ETH auf dem Hönggerberg. «Ein befreundeter Student hat mir damals aufgezeigt, wie breit das Spektrum des Studiums ist. Doch natürlich hatte ich keine konkrete Vorstellung davon, wie meine effektive Berufstätigkeit aussehen würde», erzählt Salome Hug. Während dem Studium legte sie ein Zwischenjahr in der Abteilung Architektur ein und belegte als Fachhörerin die Fächer Städtebau, Architekturgeschichte und Denkmalpflege.
 

Das breite Aufgabenspektrum begeistert Bauingenieurin Salome Hug auch heute noch. (Bild: ZVG Salome Hug)
Das breite Aufgabenspektrum begeistert Bauingenieurin Salome Hug auch heute noch. (Bild: ZVG Salome Hug)


Nach dem Diplom folgte eine Anstellung als Ingenieurin bei Marchand + Partner in Bern, wobei sie sich in das Thema Tragwerksplanung vertiefte. 2004 wechselte sie zu Schnetzer Puskas Ingenieure in Basel. «Ich fand den Ansatz spannend, Tragwerksplanung als integralen Bestandteil der Entwurfsarbeit eines Gebäudes zu betrachten und eng mit den Architekten zusammenzuarbeiten», blickt Salome Hug zurück. Nach einem Abstecher zu einem anderen Büro kehrte sie 2020 zu Schnetzer Puskas zurück und ist dort seither Mitglied der Geschäftsleitung.

Während den vergangenen knapp 20 Berufsjahren gingen zahlreiche spannende Projekte über Salome Hugs Pult. Dazu zählen etwa der St. Jakob-Turm sowie der erste, runde Entwurf des RocheBau 1 in Basel mit Herzog & de Meuron, das Ando Building auf dem Novartis Campus mit Tadao Ando oder der Erweiterungsbau des Landesmuseums Zürich in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Christ & Gantenbein.


Bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie
Was müsste sich denn in der Branche ändern, damit sich künftig mehr Frauen für einen Bauberuf entscheiden? «Junge Frauen und Mädchen müssten in den MINT-Fächern gefördert und wahrgenommen werden», sagt Salome Hug. Dass auch heute noch Frauen mit einer Begabung in Mathematik empfohlen werde, Lehrerin zu werden, findet sie alles andere als zeitgemäss. Ausserdem müsse sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern, damit für beide Geschlechter Teilzeitpensen und mehr berufliche Flexibilität möglich werden. «Im Zeitalter der Digitalisierung und mit der erforderlichen Portion Vertrauen lassen sich solche Modelle denken und leben.»


Interdisziplinäre Zusammenarbeit – spannend, aber auch herausfordernd
Diese Auffassung teilt auch Rachel Gaudenz. Sie hat Architektur an der ETH Lausanne studiert und den MAS in Raumentwicklung an der ETH Zürich absolviert. Gaudenz ist zudem Mitgründerin des Netzwerks Baufrauen Zentralschweiz und Leiterin des Standorts Luzern und der Abteilung Stadtentwicklung der Dost Architektur GmbH. Ihr Anliegen ist es, dass Sinnhaftigkeit in der Aufgabenstellung einkehrt und Nachhaltigkeit in allen drei Dimensionen (ökonomisch, ökologisch und sozial) beim Bauen ernst genommen wird. «Was ich an meinem Beruf besonders schätze, ist die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Menschen verschiedener Disziplinen und Sichtweisen», erzählt die Architektin. Ihr Steckenpferd ist die Entwicklung von Prozessen, die diese Unterschiede in gemeinsame Konzepte fasst, um Lebensräume zu schaffen, die attraktiv und alltagstauglich sind. Die grösste Herausforderung ist es, einen gemeinsamen Nenner zu finden, diesen mit der Essenz des Ortes in Einklang zu bringen und so einen Mehrwert für alle zu schaffen.

Architektin Rachel Gaudenz liegt viel daran, einen gemeinsamen Nenner zu finden und den Qualitäten des Ortes gerecht zu werden. (Bild: ZVG Rachel Gaudenz)
Architektin Rachel Gaudenz liegt viel daran, einen gemeinsamen Nenner zu finden und den Qualitäten des Ortes gerecht zu werden. (Bild: ZVG Rachel Gaudenz)


Dass es ihr gelingt, solche Prozesse zum Erfolg zu führen, zeigt etwa das Nutzungs- und Entwicklungskonzept Freiraum für das Viererfeld in Bern, das als Grundlage für die Entwicklung von 1000 Wohnungen und einen Stadtteilpark in Bern dient.

Am Anfang Ihrer Karriere bei ADP Architekten AG hat sie den kommunikativen Wohnungsbau kennengelernt und bei Hasler Schlatter Partner in Zürich wirkte sie entscheidend im Projekt Steinacker in Witikon ZH mit, wo zwei Genossenschaften 80 Wohnungen gebaut haben. Die Überbauung wurde mit dem Age Award ausgezeichnet.

Als längjährige Co-Präsidentin und Fachfrau für gender- und alltagsgerechtes Planen hat sie sich und andere Frauen dazu bewogen an Grossprojekten mitzuwirken. Diese konkrete Frauenförderung und Sensibilisierung für die sozialen Aspekte in der Planung konnte Rachel Gaudenz beim Bau der Fachhochschule in Muttenz, einem 300 Mio Bau, anbringen. Offensichtlich lag der Berufsberater richtig, als er ihr aufgrund ihrer Faszination für Genossenschaften, Schreinerarbeiten und Brücken empfahl, Architektin zu werden.

Neue SIA-Datenbank für Ingenieurinnen und Architektinnen
Der Handlungsbedarf, Frauen für Bauberufe zu begeistern, ist nach wie vor gross. Auch die Vereine und Verbände der Branche müssen bereit sein für den Wandel. Der SIA verfügt mit dem Netzwerk «Frau und SIA» über ein Kompetenzzentrum und die Denkwerkstatt für Genderfragen und Diversität. Ziel des Netzwerks ist es, das Bewusstsein für die Gleichwertigkeit von Frau und Mann in den Ausbildungsinstitutionen und in der Arbeitswelt zu etablieren. Im Januar 2022 wird zudem die Datenbank www.sia-now.ch online gehen. Dort wird man Profile von Ingenieurinnen und Architektinnen aufrufen und diese auch kontaktieren können. Auch gibt es einen Youtube-Kanal «Frau und SIA», wo Frauen die von ihnen realisierten Objekte vorstellen.

Sandra Aeberhard ist Journalistin und Mitinhaberin der Faktor Journalisten AG sowie des Faktor Verlags. Sie verfasst Texte über nachhaltiges Bauen, Architektur und Design. Der Faktor Verlag publiziert Bücher und Magazine mit Fokus auf die Themenbereiche Architektur, Technik, Energie und Nachhaltigkeit.
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