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Philipp Müller

Nachgefragt
Herr Müller, Sie haben eine Lehre als Gipser absolviert; war Nachhaltigkeit damals ein Thema?
Nein, absolut nicht. Damals, in der Stresszeit der 70-er Jahre, hat man einfach Wohnung um Wohnung hochgezogen. Oben im dritten Stock waren wir am Gipsen und im Parterre sind bereits die Leute eingezogen. Also von Nachhaltigkeit keine Rede. Dafür hatten wir immer Arbeit, weil zwei Jahre später wieder Ausbesserungen anstanden. Nach dem Motto: «Meister, die Arbeit ist gemacht, kann ich mit dem Reparieren beginnen?» (lacht)

Verdichtung ist in aller Munde: Ist Verdichtung das Mass aller Dinge, wenn es um Nachhaltigkeit geht?
Verdichtung ist sicher ein wichtiges Thema, und zurzeit gilt es als Allheilmittel. Ich sehe das nicht so konsequent. Verdichtung ist erst dann sinnvoll, wenn sie Hand in Hand mit der Infrastruktur geht. Nehmen wir an, dass Sie ein Hochhaus mit unzähligen Stockwerken bauen. Wenn Sie einen vier Meter breiten Weg nur bis zum Gebäude, aber nicht daran vorbeiführen, dann haben Sie ein Problem mit der Infrastruktur. Wichtig beim verdichteten Bauen ist ganzheitliches Denken – sowohl in punkto Infrastruktur als auch menschenfreundlicher Gestaltung. Man sollte beispielsweise keinen Kubus planen, bei dem der Eine dem Anderen in die Wohnung schauen kann. Wir brauchen architektonisch anspruchsvolle Lösungen.

Sie plädieren für eine flexible, offene und modulare Gestaltung. Die Rahmenbedingungen dafür kommen mehrheitlich von der Politik. Was tun Sie dafür?
Der Bund ist nur beschränkt handlungsfähig, denn die Bau-Gesetzgebung ist kantonal und die Bau- und Nutzungsordnungen sind kommunal geregelt. Zudem gibt es in der Schweiz Tausende von Bau- und Nutzungsordnungen unterschiedlichster Art. Als ich vor zehn Jahren ins Parlament gekommen bin, zielte mein erster Vorstoss auf die formelle Harmonisierung von Baubegrifflichkeiten und Messweisen ab. Damit sich beispielsweise ein Architekt aus dem Aargau mit einem Kollegen aus dem Kanton Zug über Ausnützungsziffern austauschen kann und beide wissen, wovon sie reden. Rund 15 Kantone haben sich bis jetzt dieser Harmonisierung angeschlossen. So gesehen war der Vorstoss sinnvoll und hat etwas bewirkt. Aber es hat sehr lange bis zur Umsetzung gedauert.

Die grossen Herausforderungen können wir also nur bewältigen, wenn wir uns selbst auf gewisse Weise reformieren?
Selbstverständlich. Die vornehmliche Aufgabe von Politik ist ja, Reformprozesse anzustossen. Aber man muss beachten, dass solche Veränderungen nicht im luftleeren Raum passieren. Wir müssen die Menschen politisieren, auf sie eingehen und ihre Bedürfnisse abholen, ohne ihnen etwas aufzuzwingen. Denn darauf reagieren die Schweizer und Schweizerinnen sehr allergisch und lassen ein unpopuläres Gesetz im Rahmen eines Referendums einfach an der Urne scheitern. 

Das Thema der Verdichtung diskutieren wir, weil es klare Ursachen wie demografische Entwicklungen und eine zunehmende Landknappheit gibt.
In der Tat müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass in der Schweiz zwar 41’000 km2 zur Verfügung stehen, wir davon aber nur 18’000 km2 nutzen können. Auf dieser kleinen Fläche muss sich alles abspielen: Von der Landwirtschaft bis zum Wohnen, vom Verkehr bis zum Arbeiten. Der Rest der Schweiz sind Stein und Wasser. Das Schweizer Mittelland zählt zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt. Also sind wir gezwungen, Lösungen zu finden. Aber eine staatliche Verdichtungspolitik anzuordnen, funktioniert nicht. Der Staat soll lediglich die Rahmenbedingungen setzen, mehr nicht. Zudem sollten wir vermehrt Anreize schaffen: Seien es Steueranreize oder der Abbau von Hürden im Bau- und Nutzungsrecht, beispielsweise Bestimmungen über utopisch grosse Grenzabstände oder auch im Renovationsbereich. Wenn ein Investor verdichten kann, dann wird er auch bauen, weil es wirtschaftlich sinnvoll ist. Der Investor hat schliesslich ein grosses Interesse daran, sein Land und seine Immobilien optimal zu nutzen.

Wir reden über ein höchst komplexes Thema, es geht auch um Lebensqualität. Wie kann die Politik die ganzheitliche Sicht auf dieses Thema zusätzlich stützen?
Zunächst einmal muss in der Politik ein Umdenken stattfinden. Ich glaube, es ist noch nicht bei allen angekommen, dass heute Lebensqualität nicht mehr gleich definiert wird wie vor 30 Jahren. Nach meiner Erfahrung wird Lebensqualität zunehmend nicht mehr materialistisch definiert, sondern erschliesst sich mehr über den Konsum von Natur. Die Meisten von uns haben mehr, als sie brauchen. Jetzt will man möglichst nahe an der Natur wohnen. Das Haus sollte idealerweise in der Stadt liegen und eine Autobahn direkt bis zur Türe führen, am besten noch gleich ein Schnellzug-Halt dazu. Aber binnen fünf Minuten will man im Wald sein und möglichst seine Ruhe haben. Das sind sehr ambivalente Bedürfnisse, und die Politik muss schauen, wie sie diese Wünsche unter einen Hut bringt.

Also den Fünfer und das Weggli wird es nicht mehr geben?
Das hat es so nie gegeben und das wird es auch nie geben können. Das Leben ist einfach eine Improvisation und die Politik ein Spiegel der Gesellschaft. Wir werden immer mit Unzulänglichkeiten leben müssen, das ist einfach so. Der Mensch ist selber auch unzulänglich. Wäre der Mensch perfekt, wäre mir das unheimlich, dann wären wir alle nur noch Computer.

Sie selbst wohnen in einem Dorf. Wie sieht es bei Ihnen Zuhause aus?
Ich habe mein grosses, selbst gebautes Haus verkauft. Jetzt wohne ich in einem halb so grossen Einfamilienhaus, das ich energetisch saniert und modernisiert habe.

Warum diese Veränderung – etwa weil Sie Nationalrat und FDP-Präsident sind?
Was soll ich auf diese Frage antworten? Selbstverständlich muss ich als FDP-Präsident in einem kleinen Haus wohnen. Sonst heisst es, ich sei ein Abzocker. (lacht)

Können Sie uns ein gelungenes Beispiel für nachhaltiges Bauen nennen?
Nachhaltig Bauen heisst für mich, dass man nicht durch Statik gebremst wird, wenn man irgendwo eine Wand rausnehmen will. Zudem lege ich seit Jahren grossen Wert auf die Auswahl von Baumaterialien und versuche, keine Giftstoffe im Bau zu verwenden. Dazu gehören auch Farben und mineralische Verputze. Das ist für mich nachhaltig.

Philipp Müller, gelernter Gipsermeister und Inhaber einer Bauunternehmung, sitzt seit zehn Jahren für den Aargau im Nationalrat und ist seit 2012 Präsident der FDP. Müller macht sich stark für bessere steuerliche Rahmenbedingungen für Eigentümer und Investoren von Wohnbauten, zum Beispiel bei der Steigerung der Energieeffizienz. Müller sitzt im Vorstand des Automobil Clubs der Schweiz und war passionierter Autorennfahrer.


Für Philipp Müller ist die Überbauung Tunaupark ein gutes Beispiel für nachhaltiges Bauen. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.

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