Downloads

Werner Messmer

Werner Messmer

Herr Messmer, wenn Sie heute für sich selbst ein Wohnhaus bauen würden, wo würden Sie punkto Nachhaltigkeit Akzente setzen?
Werner Messmer: Ich würde heute die Planung genau gleich angehen wie vermutlich die allermeisten Bauherren. Nebst den räumlichen Vorgaben überlege ich mir: Was gefällt mir, mit welchen und in welchen Materialien fühle ich mich wohl, was trifft meinen Geschmack. Das Wort Nachhaltigkeit spielt also zu Beginn meiner Planung keine Rolle. Nachhaltigkeit ist in meinen Augen sowieso ein Modewort, dessen Definition viel Spielraum offen lässt. Je nach Architekt und meiner persönlichen Einstellung können dann im Lauf der Planung Stichworte wie Energieeffizienz, Materialwahl und Wirtschaftlichkeit wichtiger werden.

Wie beurteilen Sie die Wirtschaftlichkeit dieser Massnahmen angesichts der Langlebigkeit von Gebäuden und der unklaren Entwicklung der Energiepreise?
Seien wir doch ehrlich, unser Wirtschaftlichkeitsdenken orientiert sich meistens am Stand der heutigen Technik. Dazu kommt, dass sich die Wirtschaftlichkeit nicht nur an der optimalen Technik orientiert, sondern ebenso an den finanziellen Möglichkeiten des Bauherrn zum heutigen Zeitpunkt. Somit ist meine Definition von Wirtschaftlichkeit nicht einfach übertragbar auf andere Personen. Das wiederum bedeutet: Es gibt vielleicht eine einzig gültige «wissenschaftliche» Definition von Wirtschaftlichkeit, aber unterschiedliche, individuelle, auf die gegebenen Möglichkeiten bezogene Umsetzungen und Massnahmen.

Die Energiestrategie 2050 des Bundes fokussiert darauf, die Kernenergie mit erneuerbaren Energien und Energieeffizienz zu ersetzen. Welchen Beitrag leistet die Baubranche?
Hier beginnt das Verwirrspiel. Die Energiestrategie umfasst eigentlich drei Hauptstossrichtungen: erstens Verringerung des CO2-Ausstosses, zweitens Senkung des Stromverbrauchs und drittens Ersatz der Atomenergie durch erneuerbare Energien. Der Gebäudebereich eignet sich nun vorwiegend dazu, den CO2-Ausstoss zu senken. Einerseits geschieht das über den Wechsel von fossiler Wärmeerzeugung auf moderne Wärmepumpensysteme und andererseits durch Verbesserung der Energieeffizienz. In diesem Bereich geschieht speziell bei den Neubauten sehr viel; die Erwartungen werden erfüllt. Hingegen ist der Gebäudebereich ungeeignet, wenn es um die Reduktion des Stromverbrauchs geht. Jeder Ersatz von Ölheizungen durch Wärmepumpen führt automatisch zu mehr Stromverbrauch. In diesem Zusammenhang ist etwas mehr Ehrlichkeit angezeigt, wollen wir uns nicht auf ein unkalkuliertes Risiko einlassen. Wir dürfen den Spatz – die Kernenergie – nicht aus der Hand geben, bevor wir die Taube – erneuerbare Energien – nicht auf dem Dach installiert haben.

Minergie wird als Königsweg der baulichen Nachhaltigkeit propagiert. Dennoch erfüllen erst 13 Prozent der Neubauten den Minergie-Standard…
Es grenzt an ideologische Verkrampfung, wenn man so tut, als erfülle nur jener seine «Pflicht», der sämtlichen Minergie-Auflagen Genüge tut. Allein schon der Verzicht auf eine fossile Wärmeerzeugung, verbunden mit einer zeitgemässen Wärmedämmung der Aussenschale, ist in meinen Augen ein ausgezeichneter und verantwortungsbewusster Beitrag zur «Klima- und Energiewende».

Wie sieht es bei Altbauten aus: Raten Sie eher zu einer energetischen Sanierung, oder ist ein Ersatzneubau meist die bessere Lösung?
Ich habe im Nationalrat schon vor über fünf Jahren verlangt, dass nicht nur energetische Sanierungen von Altbauten unterstützt werden, sondern auch Abbrüche. Oft macht es absolut keinen Sinn, Altbauten nur wegen öffentlicher Subventionen zu sanieren. Denn gerade bei Altbauten müssen häufig Kompromisse eingegangen werden, bei denen das energetische Resultat bei genauer Betrachtung nicht genügt und unwirtschaftlich ist. Kommt hinzu, dass auch aus dem Gesichtswinkel der Flächen und Raumausnutzung Ersatzbauten modernen raumplanerischen Ansprüchen besser entsprechen.

Welche Energiemassnahmen favorisieren Sie bei architektonisch erhaltenswerten Gebäuden?
An erster Stelle steht für mich immer der Versuch, eine fossile Wärmeerzeugung durch ein Wärmepumpensystem zu ersetzen. Zweitens sind meistens auch Dachsanierungen ohne Schaden für die Denkmalpflege möglich, allenfalls verbunden mit Solaranlagen. Aber noch einmal: Auch wenn das Gebäude als solches aus historischen oder denkmalpflegerischen Gründen nicht korrigiert werden kann, ist der Ersatz fossiler Heizungen immer ein grosser Beitrag zu einer positiven Klimaentwicklung.

80 Prozent der Schweizer Energie stammen aus Erdöl, Erdgas und Kernkraft. Könnte das «Gebäude der Zukunft», das als Kleinkraftwerk mehr Energie liefert als es braucht, diese unbequeme Abhängigkeit verringern?
Natürlich können private Stromproduzenten einen Beitrag leisten. Aber noch einmal: Verzicht auf Öl und Erdgas hat automatisch einen Mehrverbrauch von Strom zur Folge. Nehmen wir jetzt noch alle anderen Bereiche dazu, wo zum Beispiel Diesel und Benzinmotoren durch Elektroaggregate ersetzt werden sollen, oder denken wir an den Ruf nach mehr Bahn, so werden wir trotz gegenteiliger Behauptungen von Personen, die das Rad um fünfzig
Jahre zurückdrehen wollen, in Zukunft mehr Strom verbrauchen als heute. Trotzdem, viele kleine Schritte bringen uns auch weiter. Fotovoltaik auf privaten Dächern ist somit ein Teilbeitrag – aber zu unbedeutend, als dass wir schon bald auf die Kernkraft verzichten könnten.

Mit welchen Massnahmen kann man sein bestehendes Gebäude ohne viel Aufwand verbessern, wenn man sich nicht gleich ein Zukunftshaus bauen kann oder will?
Signifikante Verbesserungen gibt es nicht ohne den Einsatz grösserer Geldmittel. Aber auch kleine Teilschritte sind Schritte zur Besserung. Alle Kantone unterhalten eine Energieberatungsstelle, und ich rate allen  Sanierungswilligen speziell mit beschränkten Finanzmitteln, sich beraten zu lassen. Vielleicht kann man ja mit kleinen Schritten beginnen und gemessen an seinen finanziellen Möglichkeiten dennoch einen grossen Beitrag zur Förderung der Energieeffizienz und zur Klimaverbesserung leisten.

Werner Messmer, geboren 1945, war bis 2014 Präsident des Schweizerischen Baumeisterverbands. Messmer bildete sich über diverse Schulen zum eidgenössisch diplomierten Baumeister aus. Heute ist er Besitzer des Familienunternehmens Messmer AG Hoch- und Tiefbau. Messmers politische Karriere begann 1996 mit der Wahl in den Grossen Rat des Kantons Thurgau. Von 1999 bis 2011 sass er für die FDP in der Grossen Kammer des Schweizer Parlaments; 2011 trat er als Nationalrat zurück. Messmer ist Mitbegründer zweier Brass Bands und spielt heute noch Flügelhorn.

Weitere Informationen zu den Hilfsmitteln des SBV (Schweizerischer Baumeisterverband) finden Sie hier.