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Margrit Stamm

Nachgefragt
Frau Stamm, viele warnen, dass die Energiewende ohne fachlich ausgebildetes Personal nicht umsetzbar ist. Es fehle an allen Ecken und Enden an qualifizierten Berufsleuten. Nachhaltigkeit hat auch in diesem Kontext eine grosse Bedeutung.
In der Tat herrscht vor allem in Bauberufen ein grosser Fachkräftemangel, der wiederum primär auf den Lehrlingsmangel zurückzuführen ist – das ist wirklich gerade in der Baubranche ein grosses Problem.

Der Werkplatz Schweiz ist ein Denkplatz und kein Werkplatz im herkömmlichen Sinn. Daher müssen alle eine akademische Laufbahn avisieren und niemand mehr eine Lehre machen?
Aus meiner Sicht hat sich diese Problematik vor 14 Jahren abgezeichnet, als die Fachhochschulen gegründet wurden. Das war zwar eine ausgezeichnete Idee, mit der man die Berufsbildung aufwerten konnte. Doch die Folge war, dass die Fachhochschulen zu einer Akademisierung geführt haben. Die Berufslehre ist zwar immer noch zentral – zwei Drittel der Jugendlichen absolvieren nach wie vor eine Berufslehre. Aber sehr viele gehen an die FH und verlassen ihre Berufe. Maurer und Zimmerleute werden an einer FH zu Architekten. Und man verliert die Handwerker und die qualifizierten Berufsleute, die wir eigentlich so dringend brauchen würden. 

Also ist Bildung ein Business wie jedes andere auch?
Vor allem ist es ein akademisches Business geworden. Das Hauptproblem bei diesem Business: Man berücksichtigt häufig zu wenig, dass der gesamte familiäre Umkreis der Jugendlichen und Eltern sowie die sogenannte «Peer Group» eine enorme Rolle spielen und dieses Business beeinflussen. Das bedeutet, dass es in Richtung Gymnasium und akademische Laufbahn gehen soll. Das ist also kein hausgemachtes Problem der Baubranche, sondern ein gesellschaftliches Thema, in das die Globalisierung und Internationalisierung reinspielen. Für viele Eltern führt eine Berufslehre zu einem «Arme-Leute-Job».

Die Gesellschaft teilt sich in Menschen, die studiert haben, und solche, die hart arbeiten?
Ja, wenn Sie sich umhören, dann sagen alle: Berufsbildung ist extrem wichtig. Aber das eigene Kind schickt man lieber ans Gymnasium und auf die Uni. Die Berufsbildung überlässt man den anderen. Die gängige Wahrnehmung ist, dass Menschen mit einem Studium mehr wert sind. Obwohl wir wissen, dass diejenigen, die eine Berufslehre machen und nachher in die höhere Berufsbildung wechseln, weniger häufig arbeitslos werden als Uniabgänger. Und dass sie sehr gut verdienen und äusserst beliebt sind. Aber in den Köpfen hält sich zu Unrecht das Bild, dass der Studierte das bessere Image hat als der, der sich die Hände dreckig macht.

Die nachhaltigste Kombination ist demnach Berufslehre, Berufsausbildung und die höhere Berufsbildung?
Eigentlich schon. Die Durchlässigkeit haben wir auch, aber sie ist nicht bekannt – eben dass man eine Berufsmatur machen kann. Das wäre eigentlich ein guter Weg, aber damit verlieren wir die Handwerker, die Büezer. Die andere Variante, die wir durch das Pushen der FH verschlafen haben, ist die gesamte höhere Berufsbildung. Wie kann beispielsweise ein Handwerker zum Polier aufsteigen? Aber wir haben jetzt nur den Weg zu den Fachhochschulen und zu den Universitäten. Und den Bereich der höheren Berufsbildung haben wir verloren, der geniesst kein Ansehen.

Da gäbe es Reformbedarf?
Ja, und ich glaube auch, dass man da dran ist. Angesichts des Fachkräftemangels und auch angesichts der Tatsache, dass im Bauwesen nur noch 40 Prozent Schweizer tätig sind und man 60 Prozent Ausländer reinholt – die man dann zu Dumpinglöhnen beschäftigt, bevor man sie wieder wegschickt –, scheint mir zwingend, dass wir da über die Bücher gehen. Wir müssen den Jungen eine echte Entwicklungschance bieten.

Sie haben einen atypischen Werdegang: Lehrerseminar, Lehrerin, zweifache Mutter. Im Alter von 35 sind Sie an die Universität gegangen und haben mit 47 Jahren habilitiert. Kann man eine berufliche Laufbahn planen?
Das ist eine sehr gute Frage: Ich denke, wir müssen die Faktoren Zufall und Unwägbarkeiten mehr einplanen. Man kann zwei Karrieren – mein Mann hat Medizin studiert – nicht durchplanen und die Kinder in einen Weg zwängen. Auch wenn ich nicht Professorin geworden wäre, hätte ich etwas anderes gemacht, als nur Mutter zu sein. Das ist meine intrinsische Motivation. Ich bin auch ein Modell für junge Frauen und Männer, dass man bis 40 Jahren nicht alles haben muss. Heutzutage muss man bis dahin  eine Karriere gemacht, zwei Kinder grossgezogen und ein Häuschen am Waldrand gebaut haben. Dabei ist auch das Leben mit 60 noch so reichhaltig. Und man ist heutzutage länger fit als unsere Grosseltern
in diesem Alter.
 
Wir leben in einer multioptionalen Zeit: Ist das bereits aufgrund der Ganzheitlichkeit nachhaltig?
Das sehe ich zumindest so. Man kann auf die eine oder die andere Art nachhaltig sein. Man muss einfach zu dem stehen, was man macht. Die Schwierigkeit bei den Jüngeren ist, dass es so viele offene Optionen gibt. Wir hatten damals keine Optionen, die Wege waren bereits vorgegeben. Unsere einzige Option war, dagegen aufzubegehren. 

Würden Sie sagen, dass Berufsbildung auch eine Art Hausbau ist?
Bei mir sicherlich! So eine Laufbahn, wie ich sie gemacht habe, ist wie ein Bau. Andere würden wahrscheinlich dagegenhalten, dass es eher eine Rolltreppe ist. Ich habe Stock auf Stock gebaut, und jetzt setze ich mit dem, was ich gerade mache, das Dach darauf.

Haben Sie je ein Haus gebaut?
Ja, ein Fertighaus. Aber die Frage, welche Küche man einbaut und all diese Sachen, haben für mich kaum Relevanz. Mich interessieren vielmehr die Menschen, die das Haus bauen. Wie wird einer Glaser, wie denkt ein Lehrmeister? Ich achte mehr auf die Inneneinrichtung, mein Mann auf den Minergie-Standard.

Ihr Lieblingsort im Haus?
Die Terrasse und der Platz vor dem Cheminée. Aber da bin ich nicht so oft, weil ich viel und gerne arbeite. 

Margrit Stamm hat nach dem Besuch des Lehrerseminars unterrichtet. Im Alter von 35 Jahren und mit zwei schulpflichtigen Kindern nahm Margrit Stamm das Studium in Erziehungswissenschaften auf. Nach ihrer Dissertation unterrichtete sie an der FH Aargau. Mit 47 habilitierte sie und wurde drei Jahre später Lehrstuhlinhaberin für Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Sozialisation und Humanentwicklung an der Universität Fribourg. Seit 2012 ist Margrit Stamm Direktorin des Swiss Institute for Educational Issues (Swiss Education) mit Sitz in Bern. Sie ist in der internationalen Bildungsforschung tätig und Gastprofessorin an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland. Bis Ende 2012 war sie Mitglied des Rates des Eidgenössischen Instituts für Berufsbildung EHB, Leiterin des Leading Houses «Qualität der beruflichen Bildung», Stiftungsrätin von FORS (Swiss Centre Of Expertise in the Social Sciences) sowie Gründerin und Leiterin des Universitären Zentrums für frühkindliche Bildung Fribourg ZeFF. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte umfassen: Frühkindliche Bildungsforschung, Talententwicklung, Bildungslaufbahnen vom Vorschulalter bis zum späten Erwachsenenalter, Berufsbildungsforschung, Migration sowie abweichendes Verhalten im Jugendalter (Schulabsentismus und Schulabbruch).

Das Prinzip des Atelierhauses in Dulliken ist für Margrit Stamm ein gutes Beispiel für nachhaltigen Bauen. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.