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Joëlle Zimmerli

Nachgefragt
Frau Zimmerli, was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit ist für mich, wenn Fachpersonen aus unterschiedlichen Disziplinen gemeinsam eine Lösung finden, die als Gesamtes stimmt. Das muss nicht immer auf komplexe Umsetzungen hinauslaufen, es können auch extrem einfache Lösungen sein. Sie müssen nur unter dem Strich nachhaltig wirken und langfristig greifen. Diesem Kriterium kann zum Beispiel auch ein Ersatzneubau entsprechen, der für den Moment zwar teurere Wohnungen generiert und kurzfristig Menschen verdrängt; aber langfristig gesehen führt diese Lösung zu einem grösseren Angebot und bedient das Bevölkerungswachstum. Somit ist für mich diese Lösung nachhaltig, auch wenn sie vor allem für die bisherigen Bewohner des Altbaus im Moment die schlechtere Alternative ist.

Wie leben Sie selbst?
(schmunzelt) Zum Teil vorbildlich und zum Teil nicht so vorbildlich. Vorbildlich darin, dass ich einen extrem kurzen Arbeitsweg habe. Ich lebe und arbeite in der Stadt und wohne zu zweit in einer 3-Zimmer-Mietwohnung – also beanspruche ich nur einen relativ kleinen Wohnraum. Wo ich jedoch nicht nachhaltig bin: Ich reise mit dem Flugzeug – nicht exzessiv, aber doch häufig. In diesem Punkt bin ich sicher keine Heilige.

Klingt, als hätte man Ihnen die Frage nicht zum ersten Mal gestellt ...
In der Tat ist das ein Thema, mit dem ich mich viel auseinandersetze. Wir fokussieren den Begriff der Nachhaltigkeit häufig auf den Mikrobereich, beispielsweise im Sinne von «Wohnen und Arbeiten am gleichen Ort». Dabei wird aber oft vergessen, dass man sich in der Freizeit wieder anders verhält und somit viel kompensiert. Mit dieser Form der Kompensation beschäftige ich mich intensiv. An dieser Stelle müssen wir einfach ehrlicher und transparenter werden.

Es gibt also keine ideale Lösung?
Wenn wir ehrlich sind: Die ideale Lösung wäre «Zurück in die Alphütte». Aus meiner Sicht können wir uns unseren Lebensstil nur leisten, weil es an anderen Orten der Welt enorm viele Menschen gibt, die mit sehr geringen Mitteln auskommen, somit quasi unser Verhalten kompensieren und für wenig Geld unsere Konsumgüter herstellen. Nur weil in deren Heimatländern das Lohnniveau so tief ist, können wir unsere Kleider hier so günstig kaufen. Wir leben also sehr stark auf Kosten der anderen.

Das heisst mit anderen Worten: Nachhaltigkeit ist etwas, was man sich leisten können muss?
Vor allem die Diskussion über die Nachhaltigkeit muss man sich leisten können. Die Frage ist: Wollen wir lediglich uns, also die Schweizer Bevölkerung, nachhaltiger machen? Oder wollen wir nicht globaler denken und andere Länder dabei unterstützen, nachhaltiger zu werden? Viele verfügen schlicht nicht über die nötigen Ressourcen, um gewisse technologische Innovationen zu etablieren. Ein Beispiel: Wir bauen mit unglaublich hohen Standards. Bringt es etwas, diese Standards stetig zu erhöhen, oder würde es nicht mehr Sinn machen, die Standards in anderen Ländern zu erhöhen, wo sie sehr viel tiefer angesetzt sind? Vielleicht müssen wir davon wegkommen, stets unsere Vorbildlichkeit zu betonen, und uns eher darum kümmern, wie man es an anderen Orten auf dieser Welt besser machen könnte.

Nachhaltigkeit als Schweizer Exportgut?
Ja, das könnte ein neuer Exportschlager sein. Es ist schon heute ein wachstumsorientiertes Business für Unternehmen, die in der Umsetzung nachhaltiger Prozesse tätig sind. Auch die Bauwirtschaft, die sich neue Märkte erschliessen und ihre Technologien weltweit einsetzen möchte, profitiert davon.

Soziologie und Städtebau ist Ihr Kerngeschäft. Sie arbeiten zurzeit an einem Projekt in Solothurn, einer Stadt mit langer Historie. Wie lässt sich vor diesem Hintergrund Innovation mit Nachhaltigkeit vereinbaren?
Ich glaube, genau das eröffnet in Solothurn grosse Chancen. Wenn ich mit den Solothurnern über die Visionen für ihre Stadt diskutiere, höre ich häufig: Wir wollen nicht nur Altstadt und Kultur sein. Wir wollen mehr. Also gilt es, neue Entwicklungsschwerpunkte zu setzen in jenen Gebieten, die man jetzt bebauen kann. Innerhalb der Stadt eine Dezentralisierung zu schaffen, die die Identität von Solothurn bereichert – das ist gleichermassen zukunftsorientiert und nachhaltig. 

Man wertet also den historischen Kern auf und gibt sich rundherum progressiv?
In der Altstadt geht es weniger darum, neu zu bauen und Wohnraum zu schaffen. Hier geht es eher um die Frage, wie wir mit dem öffentlichen Raum umgehen. Wie gelingt uns eine Nutzungsverdichtung, die belebt? Wir finden dort sehr enge Strukturen vor: In der Altstadt wohnen Menschen, die am Abend schlafen wollen. Zugleich möchte man die Ausstrahlung der Kulturstadt beibehalten. Wie lässt sich also in der Altstadt der Umgang mit dem öffentlichen Raum in Richtung einer breiteren Nutzung optimieren, ohne die Anwohner auf die Barrikaden zu bringen? Der öffentliche Raum in der Kernstadt ist ein wichtiges Entwicklungsthema und zugleich gilt es, ausserhalb des Stadtzentrums neue Horizonte von mehr Wohnraum oder neuen Arbeitsplätzen zu erarbeiten. Entwicklungsthemen müssen sich nicht immer um Umbauen oder «Mehr Bauen» drehen.

Das ist ein Balanceakt: Einerseits gibt es die Architektur, andererseits leben dort Menschen. Wie gehen Sie damit um?

Das ist für mich eine der zentralen Fragen, wenn man von Verdichtung spricht. Um welche Verdichtung geht es oder was bedeutet Bewahren? Häufig wird das Thema nur aus einer Perspektive betrachtet. Wenn man ein Haus in seiner baulichen Substanz bewahrt, es stehenlässt und originalgetreu saniert, dann folgen daraus mit grosser Wahrscheinlichkeit soziale Veränderungen. Denn mit der Sanierung wird der Wohnraum meistens teurer und die bisherigen Bewohner müssen ausziehen. Unternimmt man aber gar nichts, ist das Haus irgendwann so verfallen, dass ein Ersatzneubau umgesetzt werden muss. Mit der Bewahrung baulicher Strukturen bewahrt man also nicht zwingend das soziale Gefüge, und mit einer Sanierung entsteht auch kein neuer Wohnraum. Wie ich eingangs erwähnt habe: Ein Ersatzneubau und kurzfristig soziale Veränderungen können langfristig zu einer besseren Lösung führen. Eine wachsende Gesellschaft benötigt mehr Wohnraum. Irgendwo muss gebaut werden und das geschieht am besten dort, wo auch die meisten Menschen wohnen möchten. 

Ihre Arbeit muss sich zwangsläufig im Rahmen bestehender Regeln und Sachzwänge wie Zonenordnung oder auch Zonenplanung bewegen. Wie würde Ihre Stadt aussehen ohne all diese Vorgaben?
Vom Modell her gefallen mir die Engadiner Bergstädte sehr gut: In der Mitte gibt es einen Bahnhof. Dort ist es am dichtesten, dort stehen die höchsten Häuser und die Nutzungsdurchmischung ist am stärksten. Der Kern einer Stadt soll richtig dicht sein und eine möglichst grosse Vielfalt bieten für möglichst unterschiedliche Leute, die dort wohnen können, sowie für solche, die dort arbeiten. Es sollte öffentliche Räume geben, die einfach nutzbar sind. Plätze und Orte, die nicht überreglementiert sind, wo spontan etwas entstehen kann. Das ist für mich das Ideal einer Stadt. Gegen aussen hin kann es locker bebaut und grüner werden, aber im Kern ist für mich die ideale Stadt extrem durchmischt, extrem dicht und lässt vieles zu.

Was regt Sie am meisten auf in Ihrer Arbeit?
Ich mache meine Arbeit sehr gerne. Manchmal nervt, dass man immer wieder die gleichen Diskussionen führen muss, dass es gewisse Traditionen in der Planung gibt und Stellen, die den Paradigmenwechsel noch nicht geschafft haben: «Das machen wir seit Jahrzehnten so.» Da sind die Momente, in denen ich mit meiner Herangehensweise anecke.

Was entgegnen Sie dem Argument, dass diese Abläufe nachhaltig sind, weil sie sich bewährt haben?
Dass die Nachhaltigkeit bisher zu fest aus einer Warte gedacht worden ist und dass es eben auch aus anderen Perspektiven Nachhaltigkeit gibt, die man berücksichtigen sollte.

Wie gut trifft der Begriff das, worüber wir sprechen?
Ich glaube, um den Begriff Nachhaltigkeit kommen wir gar nicht herum. Die Frage ist, wie man ihn verwendet. Wenn man sagt: «Das ist nachhaltig, weil...» und der Begriff wird somit mit einer Präzisierung ergänzt, dann ist er hilfreich und notwendig. Ich denke, es ist ein Begriff, mit dem sich alle identifizieren können. Er ist unumgänglich geworden, aber man muss beginnen, ihn differenzierter einzusetzen.

Joëlle Zimmerli hat an den Universitäten Zürich und Basel Soziologie, Politikwissenschaft und Völkerrecht studiert. Auf einen Studienaufenthalt an der Freien Universität Berlin folgte ein MAS in Gemeinde-, Stadt- und Regionalentwicklung an der Hochschule Luzern. Hier lehrt Joëlle Zimmerli Architektursoziologie. Zudem betreibt sie in Zürich ein Büro für Stadtentwicklung (Zimraum), das an der Schnittstelle von Stadtplanung und Stadtentwicklung tätig ist. Und sie steht kurz vor Abschluss ihrer Dissertation, die das Wohndilemma der Babyboomer zum Thema hat. Aktuell beschäftigt sich Joëlle Zimmerli zudem mit der Raum-Entwicklung der Stadt Solothurn.

Joëlle Zimmerli hat die Stadt Solothurn als gutes Beispiel für nachhaltiges Bauen ausgesucht. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.