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Richard Horden

Richard Horden

Herr Horden, was ist Mikroarchitektur?
Richard Horden: Das Konzept ist ein spezifischer Zugang zur Architektur sowie eine Lehrmethode. Im Sinne von «minimaler Grösse bei maximalem Nutzen und Effizienz» bezeichnet Mikroarchitektur kompakte Gebäude in struktureller Leichtbauweise. Diese folgen dem Vorbild der Case Study Houses aus den kalifornischen Sechzigerjahren, die dank Vorfabrikation schnell gebaut wurden und präzise durchdacht waren. Mikroarchitektur erweitert diesen ökonomischen Gedanken um den ökologischen Imperativ.

Sie meinen die Reduktion von Material und Ressourcen bei Erstellung und Betrieb?
Richtig. Da gegenwärtig alles kleiner wird – man denke bloss an die Allgegenwart der Smartphones – bietet es sich an, die Wohnarchitektur unter diesem Aspekt neu zu überdenken. Miniaturisierung lotet die Grenze zwischen Architektur und Produktgestaltung aus. Inspirierend sind dabei hoch entwickelte Technologien aus Automobilindustrie, Aviatik und Nautik. Extreme Bedingungen führten hier zu effizienten Lösungen, gegenüber denen die gewöhnliche Bauindustrie primitiv erscheint.

Zwischen 1996 und 2009 unterrichteten Sie an der TU München und entwickelten hier das micro compact home. Worin bestand die Aufgabe des Wintersemesters 2001?
Einen kompakten Lebensraum zu entwerfen, ist eine typische Aufgabe der Mikroarchitektur. Schon länger trug ich die Idee mit mir herum, einen Wohnwürfel zu entwickeln, der alle Annehmlichkeiten des modernen Lifestyles bietet. Die Kantenlänge von 2,65 Metern entspricht der maximalen Abmessung von LKW-Transportgut.

Ein komplizierter Prozess?
Natürlich. Was nun einfach und selbstverständlich daherkommt, ist die Komprimierung von Diskussionen und Entwürfen von insgesamt mindestens 200 Studenten aus Deutschland und Japan sowie von einem Dutzend Assistenten und mir als Professor. Die Dichte der Gedanken und Technologien ist das Resultat der langwierigen Auseinandersetzung mit der Frage, wie das Leben in einen solch kompakten Würfel passt.

Wo liegt das Geheimnis?
In der Reduktion auf das Wesentliche. Vier klar definierte architektonische Räume erfüllen im micro compact home die grundlegenden Bedürfnisse des Menschen – Schlaf, Arbeit, Essenszubereitung und Körperpflege. Konkret betritt man das Haus durch einen Nassbereich mit Toilette und Duschschlauch, der mit einer Schiebetüre abgetrennt werden kann. Dahinter liegt eine schmaler Gang, der auch Bewegungsraum einer kleinen Küche ist, die mit Kühlschrank, Tiefkühlfach, Mikrowelle und Induktionsherd ausgestattet ist. Gegenüber liegt das Bett auf
einer erhöhten Ebene und darunter ein Arbeitstisch, an dem zu fünft gegessen werden kann.

Im micro compact home fühlt man sich wie in einem Flugzeug – Zufall?
Keineswegs! Ich bin geschäftlich und privat viel unterwegs und schätze den minimalen, qualitativ hochwertigen Lebensstil an Bord. Die Idee der Aufgabe war es nun, diesen auf den Boden zu bringen und ein «Instrument zum Leben» zu kreieren, das präzise wie eine Schweizer Uhr ist. Sozusagen massgeschneidert um Laptop und iPhone entwickelten die Studenten einen minimalen, aber komfortablen Lifestyle mit dem Bild der Businessclass
im Kopf. Dieses half übrigens auch bei ästhetischen Entscheiden. Hightech-Kunststoffe und Aluminium dominieren als glatte, fugenlose Oberflächen, das Geschirr stammt von Swissair und Lufthansa.

Was hat es mit der Würfelform auf sich?
Theoretisch hätte der LKW-Transport auch ein längeres Volumen erlaubt. Allerdings ist der Würfel eine elementare Form, die dem Essenziellen des Lebens darin entspricht. Interessanterweise wünschen sich die meisten Kunden das micro compact home etwas grösser und ich muss sie davon überzeugen, dass dadurch kein Mehrwert entsteht – im Gegenteil: Alles ist weiter voneinander entfernt. Vor ein paar Jahren installierten wir in Brissago ein um einen Meter verlängertes Haus – ein Design- Desaster. Die Würfelform ist für Mikroarchitektur
sozusagen heilig. Ihre Integrität wird übrigens auch durch den Unterbau gewahrt.

Sämtliche Anschlüsse wie Strom, Wasser, Internet und TV stehen also bereit, wenn das Haus angeliefert und mittels einem Kran platziert wird?
In der Tat. Nur wenige Minuten später kann das Leben darin beginnen. Es geht dabei jedoch um weit mehr als um eine schnelle Inbetriebnahme: Respekt gegenüber der Natur ist hier mehr als ein reduzierter Ressourcenverbrauch. Der geringe Bodenkontakt bedeutet, kaum Spuren in der Natur zu hinterlassen.

Mit der Natur liefern Sie ein gutes Stichwort, das die Brücke zum Diskurs um den Begriff der Nachhaltigkeit schlägt. Dieser teilt sich in zwei Lager. Auf der einen Seite stehen jene, die an eine Post- Wachstumsgesellschaft, regionale Kooperation, Verzicht und natürliche Materialien glauben. Auf der anderen Seite steht der Glaube an weiteren Fortschritt und effizientere Technologien. Wo stehen Sie?
Ich bin kein Hightech-Enthusiast, aber das verbreitete Gefühl von Technologie als Feind teile ich nicht. Vielleicht ist nicht diese, doch zumindest Wissen der Ausweg aus der Ökokrise. Die Menschheit entwickelt sich unaufhaltbar weiter und der Ruf zurück in die Höhle erscheint mir kaum als valable Alternative. Es stellt sich also vielmehr die Frage, wie wir neue Technologien integrieren können.

Können Sie ein architektonisches Beispiel dazu nennen?
Nehmen wir die Fotovoltaik: Bei einer Fahrt durch Mitteldeutschland sind die allerorts unbedarft auf den Dächern alter Bauernhäuser montierten Solarpanele erschreckend. Natürlich ist es eine technologische Herausforderung, immer effizientere Solarzellen mit immer weniger und immer grünerem Strom zu produzieren. Als Architekten stehen wir dabei aber zusätzlich vor der schwierigen Aufgabe, Solarpanele sinnvoll in die Baukultur zu überführen. Dieses Ziel ist erst erreicht, wenn diese zum ebenso selbstverständlichen und stimmungsvollen Teil der Alltagsarchitektur geworden sind wie französische Fensterläden.

Wie stehen Sie zu den sozialen und gesellschaftlichen Aspekten der Nachhaltigkeit?
Für mich sind diese ebenso wichtig wie die technologischen. Die gegenwärtige Konsumgesellschaft verbraucht zu viel von allem – Strom, Ressourcen, Flächen. Wenn sich dies nicht ändert, dient Technologie lediglich der Schadensbegrenzung eines masslosen Lebensstils. Persönlich lernte ich diesbezüglich viel durch das Leben in einem micro compact home. Als 2005 die ersten sieben Einheiten als kleine Siedlung zur temporären Unterkunft von Studenten fertiggestellt wurden, zog ich gemeinsam mit fünf Studenten ein. Während den nächsten sechs Jahren verbrachte ich hier durchschnittlich zwei Nächte pro Woche und lernte dabei, wie wenig für ein erfülltes Leben nötig ist. Ich treibe mittlerweile mehr Sport und esse nur selten gekochte Speisen und keinerlei verarbeitete Rindfleischprodukte.

Eine Diät als Konsequenz des Lebens im micro compact home?
Kleine Räume zwingen den Geist, sich auszudehnen. Ich meine damit die fast religiöse Ruhe einer Klosterzelle, die sich im micro compact home mit dem Anschluss ans globale Weltgeschehen verbindet. Hier liegt der Kern der Mikroarchitektur, eine Art positiver Verzicht. Dank hoher Ausstattung und cleverer Anordnung befreit sie von Überflüssigem und ist Ausdruck des Strebens nach einem kohlenstoffarmen Leben. Ein solches ist nicht bloss
einschränkend, sondern bereichernd – Mikroarchitektur ermöglicht ein essenzielles Leben!

Ist die Gesellschaft bereit für diese Essenz?
Derzeit wohl kaum. Trotz nahezu täglichen Anfragen von Interessierten haben wir seit 2005 bloss fünfzehn micro compact homes ausgeführt. Die meisten davon dienen dabei als Gästehäuser in grosszügigen Villengärten – ein echter Luxus angesichts der Kosten. Als Architekt bin ich jedoch ein Berufsoptimist und hoffe sogar auf ein kleines Dorf aus gestapelten, miteinander verbundenen micro compact homes, in denen die Menschen wirklich leben und arbeiten.

Richard Horden, 68, ist Direktor der micro compact home ltd. mit Sitz in London. Der Brite studierte Architektur an der AA in London und arbeitete zehn Jahre bei Sir Norman Foster and partners. Seit 1985 ist er selbstständig und seit 1999 führt er mit zwei Partnern das Londoner Architekturbüro Horden Cherry Lee Architects. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 1993 mit dem Financial Times award for architecture sowie 2003 mit dem Building of the Year Award und zwei RIBA Awards. Zwischen 1996 und 2009 unterrichtete er am Lehrstuhl für Gebäudelehre und Produktentwicklung an der TU München. Hier entwickelte er das Konzept der Mikroarchitektur und das mehrfach ausgeführte micro compact home.

Hintergründe zum micro compact home finden Sie hier.