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Hans-Ruedi Schweizer

Hans-Ruedi Schweizer, ausgebildeter Maschineningenieur, Erwachsenenbildner
Herr Schweizer, die DNA ihrer Firma ist der Metallbau. Wie kamen Sie zur Solarenergie? 
Im Zuge der Energiekrise in der Mitte der 1970er-Jahre kam es in der Schweiz zu einer Krise in der Bauwirtschaft. Mein Vater, der damals das Unternehmen führte, machte sich Gedanken, wie er die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterhin beschäftigen kann. Den entscheidenden Impuls gab der Autor Ernst Schumacher; dessen Buch „Small is beautiful“, das sich mit der angepassten Technologie auseinandersetzt, wurde damals breit diskutiert. Bei einem Treffen mit meinem Vater bemerkte Schuhmacher, dass die Kombination von Metallbau und Energie ein grosses Geschäftspotential bergen würde. Und so ist die Geschäftsleitung auf den Sonnenkollektor gestossen. Zu dieser Zeit war ich im Auftrag der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) in Indien tätig. Ich arbeitete als Experte am Center for Electronic Design Technology an der Universität Bangalore. In Indien habe ich zum ersten Mal einen Sonnenkollektor gesehen, was mich ungeheuer fasziniert hat. Nach meiner Rückkehr aus Indien entschieden wir, zu diversifizieren – das war mein Einstieg in die Materie. Interessant dabei ist: Man hat damals noch nicht von Nachhaltigkeit gesprochen, aber mein Vater und ich folgten der Ur-Motivation der Nachhaltigkeit und setzten deren drei Säulen um: Wir wollten Beschäftigung schaffen und strebten somit soziale Nachhaltigkeit an. Wir wollten die Auslastung und den Gewinn sicherstellen, was der ökonomischen Nachhaltigkeit entspricht. Und wir wollten etwas Positives für die Umwelt – also ökologische Nachhaltigkeit – erreichen. Zudem hatten wir den Eindruck, dass Nachhaltigkeit auch für die Kunden ein interessanter Aspekt ist.

Der Zeitgeist damals ging ja eher in die entgegengesetzte Richtung: Man sang das Hohelied auf die Atomkraft. Vermutlich bekamen Sie zu hören, dass Sie spinnen...
In der Gesellschaft sagt man gerne zu jemandem, der fortschrittlich ist: ‚Du bist ein Grüner, ein Spinner.‘ Ungefähr zehn Jahre wurde betont, dass Sonnenenergie nicht von Belang wäre. Ab Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre begann der Wind, sich zu drehen und die Architekten fragten uns vermehrt um Rat. Aber zu Beginn – das ist klar – war es Pioniergeist. Aus unserem Engagement für die Sonnenenergie ist dann relativ schnell die Idee der Nachhaltigkeit entstanden. Mein Vater führ-te die Firma seit Anbeginn sehr wirtschaftlich, mitarbeiterorientiert und ausgesprochen kundenorien-tiert. Bereits 1978 haben wir das Thema Umwelt in unser Leitbild integriert und sprechen heute in unserem Unternehmen von vier Säulen der Nachhaltigkeit: An erster Stelle steht die Kundenorientie-rung und daran anschliessend die drei Säulen soziale, wirtschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit. Die Kundenorientierung steht bei uns an erster Stelle, weil sie weit mehr als Wirtschaftlichkeit beinhaltet und weil wir immer der Überzeugung waren, dass sie sich nicht einfach subsumieren lässt. Es war ein langer Weg, die Nachhaltigkeit in all unsere Instrumente zu implementieren: in Mitarbeiterge-spräche, in Investitionsanträge sowie in die Jahresplanung. Und es ist immer noch eine anspruchsvolle Aufgabe, vor allem an die neuen Führungskräfte heranzutragen, dass sie in diesen vier Dimensionen denken.

Es klingt ungewöhnlich, dass ein Metallbau-Unternehmen bereits in den 1970er-Jahren auf diese gesellschaftliche Komponente geachtet hat. Worauf haben Sie sich damals berufen? 
Es gab einige wichtige Leute, die dazu beigetragen haben: Beispielsweise Ernst Schumacher, den ich bereits erwähnt habe, oder Ernst Ulrich von Weizäcker mit seinem Institut in Deutschland. All diese Menschen haben uns vor allem ideell unterstützt; die Instrumente zur Umsetzung mussten wir jedoch grösstenteils selbst entwickeln. Zudem gab es einen Schlüsselmoment: Als junger Ingenieur habe ich den Sonnenkollektor eingeführt. Mein Vater fand das toll, meinte aber, dass ich den auch verkaufen können müsste. Und dann haben die Leute mich gefragt: Predigen Sie Wasser, und zuhause trinken Sie Wein? Oder was tun Sie selbst in der Energiefrage? Wir haben dann 1978 einen Energiebeauftrag-ten eingestellt, der unseren Energieverbrauch analysiert hat. Seit 1978 ermitteln wir nun unsere entsprechenden Werte und versuchen, den Verbrauch jährlich zu senken. Bis 2010 haben wir weniger Energie als 1978 gebraucht, obwohl wir den Umsatz fast verdreifacht und die Arbeitsplätze verdoppelt haben. Das ist ein guter Beweis für die Energiewende: Man muss immer dranbleiben. Und es war durchaus eine beachtenswerte kulturelle Veränderung in unserem Unternehmen: Wir wollten den Energieverbrauch stabilisieren, obwohl wir gewachsen sind. 

Nachhaltigkeit muss man auch wollen. War Ihre Familie immer schon so innovationsfreudig? 
Die Kundenorientierung war Sache meines Vaters, der ein äusserst sozialer Unternehmer war. Meine Mutter war sehr bildungsorientiert. Sie kannte Fritz Wartenweiler, den Gründer der Volkshochschulen in der Schweiz. Von dort kamen die Ideen: Es geht in einem Betrieb um mehr, als nur darum, miteinander Geld zu verdienen. Wie gehen wir mit den ausländischen Mitarbeitern um? Den sozialen Gedanken, der in vielen KMU gelebt wird, habe ich sicher von meinen Eltern mitbekommen. Und ich selbst habe das Thema Umwelt eingebracht und integriert. Das Positive an unserem Unternehmen ist, dass es uns gelungen ist, alte und neue Themen nachhaltig miteinander zu verknüpfen. 

In Sachen Nachhaltigkeit könnte man beinahe von einer „Nachhaltigkeitseuphorie“ sprechen. Ist alles gut – oder was braucht es noch? 
Leider ist nicht alles gut, aber zugleich hatten wir noch nie so gute Voraussetzungen. Für das nachhaltige Bauen sind zwei Bedingungen sehr wichtig: Zum einen wird es von vielen Leuten akzeptiert. Es gibt neu publizierte Standards für nachhaltiges Bauen, es gibt sehr viele interessierte Leute und Architekten, es gibt Labels und Zertifikate. Und zum anderen wurde die Energiewende beschlossen. 

Das Energiegesetz ist im Parlament allerdings noch nicht durchgebracht. Es braucht noch viele Schritte, um das umzusetzen. Die Energiewende ist dann gelungen, wenn die AKW stillgelegt sind, wenn wir bei der Energieeffizienz einen so grossen Schritt gemacht haben, dass wir keinen Atom-, Gas- und Kohlestrom aus dem Ausland importieren müssen. Die Energiewende wird dann gelingen, wenn wir noch einmal einen Sprung beim Energiesparen, bei der Energieeffizienz und bei den erneuerbaren Energien gemacht haben. Und das wird noch jede Menge Detailarbeit benötigen! 

Hans-Ruedi Schweizer ist ausgebildeter Maschineningenieur und Erwachsenenbildner. Als Unternehmensleiter, Präsident und Delegierter des Verwaltungsrates der Ernst Schweizer AG führt er das Familienunternehmen in zweiter Generation und zählt schweizweit zu den Pionieren im Bereich der Solarenergie. Lange Jahre präsidierte er den Sonnenenergie-Fachverband Schweiz (SOFAS), war Mitglied der Eidgenössischen Fachkommission für die Nutzung der Sonnenenergie (KNS) und ist seit fünf Jahren Vorstandsmitglied der Agentur für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz (AEE).

Er hat das Brienzer Einfamilienhaus mit Kombi-Indach-Anlage als Referenzobjekt als Beispiel für nachhaltiges Bauen ausgesucht. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.