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Iria Degen

Iria Degen

Frau Degen, setzen Sie sich bei Ihren Projekten bewusst mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinander?
Iria Degen: Der Begriff Nachhaltigkeit hat sich heute langsam abgenutzt, nachdem sich alle und alles irgendwo mit diesem Label schmücken. Nicht nur in der Innenarchitektur bezieht sich Nachhaltigkeit ja längst nicht nur auf «green interiors» und Aspekte wie eine ökologisch orientierte Materialwahl usw. Damit hat man sich anfangs sehr intensiv und bewusst auseinandergesetzt. Aber mittlerweile ist das so fest im Unterbewusstsein verankert und wie selbstverständlich in unseren Alltag integriert. Man fragt sich automatisch, ob man jetzt ein Mail oder einen Plan ausdrucken muss, welche Materialien relevant sind oder was wie zu entsorgen ist usw. Für mich persönlich ist Nachhaltigkeit vielmehr eine Grundhaltung, die ein Handeln bestimmt, wie man es der Natur und dem Menschen schuldig ist.

Was bestimmt in diesem Sinne eine nachhaltige Innenarchitektur?
Das ist sehr weitreichend, wenn man Nachhaltigkeit, wie gesagt, als Haltung versteht. Dann entscheidet man sich beispielsweise automatisch für lokale Unternehmen, Dienstleistungen oder Produkte und damit für kurze Anfahrts- und Transportwege – und nimmt das Motto «think global, act local» ernst. Dann setzt man sich intensiv mit den Bedürfnissen von heute und morgen auseinander. Und dann setzt man umfassend auf lange währende Qualität. Mit alldem schafft man eine fundierte Basis, auf der man zu jedem Zeitpunkt aufbauen kann.

Was sind die Kernpunkte – worauf kommt es an?
Kernpunkt ist eine gute Planung: die tiefgründige, seriöse Auseinandersetzung mit dem, was die Architektur und Innenarchitektur können muss, welchen Bedürfnissen sie dienen, welche Anforderungen und Funktionen sie erfüllen soll. Dabei geht es auch um ein umfassendes Antizipieren des möglichen künftigen Nutzens. Nur so lässt sich verhindern, dass schon nach kurzer Zeit wieder Anpassungen und Investitionen gemacht werden müssen, weil an dies und jenes nicht gedacht wurde. Ein sorgfältiger Umgang mit der Zeit, dem Material, den Arbeitsprozessen im Team – das ist nicht nur effizient, sondern vor allem auch nachhaltig. Ein weiterer zentraler Faktor ist die Zeitlosigkeit des Stils.

Zeitloser Stil – wie passt das mit unserer von Trends und Neuentwicklungen bestimmten Designwelt zusammen?
Ein zeitloser Stil, das ist für mich etwas ganz Natürliches, denn ich bin nicht im trendigen, sondern vielmehr im zeitlos modernen Design zu Hause: Da schlägt mein Herz. Aber ich denke, dass dies auch etwas damit zu tun hat, dass ich mir bewusst bin, welche Investition eine Bauherrschaft macht. Oder dass man einfach auch instinktiv erkennt, was kurzlebig ist und in wenigen Jahren schon wieder geändert werden müsste, weil man sich daran sattgesehen hat. Das sind für mich – neben allen technologischen Entwicklungen, neuen Verfahren und Materialien, mit denen man heute umweltgerecht bauen und Energie sparen kann – zentrale nachhaltige Werte, und die stehen klar im Gegensatz zu schnelllebigen Trends.

Sie holen sich Ihre Inspirationen an nationalen und internationalen Messen – reizt es Sie nie, die ganze Fülle des Angebotsspektrums auszuschöpfen?
Die aktuellen Messen inspirieren mich, und ich bin immer interessiert an der Verfolgung der vorgestellten Entwicklungen. Aber ich «scanne» mich sozusagen durch diese Fülle der Präsentationen, schaue, was mich spontan anspringt. Der Rest lässt mich kalt. Das basiert auf der eigenen Stilsicherheit für das, was Bestand haben wird, und hat nichts damit zu tun, dass man die Neugier ausklammern würde. Der eigene Stil hilft dabei, zu unterscheiden. Und da bin ich mir selbst sehr treu und muss nicht krampfhaft innovativ sein. Meine Vorliebe für natürliche Farben und Materialien kommt der Nachhaltigkeit entgegen. Was mit der Natur verbunden ist, hat eine natürliche Berechtigung – es mag zwar weniger trendig sein, aber es ist dem Menschen auf Dauer nahe.

Ihre Projekte tragen eine elegante, ruhige, zurückhaltende Handschrift – es scheint, als kämen Sie mit nur wenigen Farben, Materialien, Formen aus. Begründet sich darin die Zeitlosigkeit?
Wie gesagt, es ist einfach mein persönlicher Stil – ich bin sehr sicher auf meinem Weg, wobei dies alles andere als festgefahren bedeutet: Mit jedem Projekt lernt man ja dazu und entwickelt sich. Das verleiht eine entspannte Haltung und so kann sich auch in allen Bereichen Kreativität entfalten. Die Zeitlosigkeit liegt vor allem in einer klaren Ästhetik, und das hat mich schon mit Andrée Putman verbunden. Sie hatte dabei die 1930er-Jahre im Visier: In dieser Epoche hatte man bereits eine Modernität, wie sie noch heute hochaktuell ist. Geprägt von edlen Materialien, raffinierten Details und Formen von strenger Sachlichkeit. Das ist eine langlebige ruhige Basis, auf der sich ideal arbeiten lässt und auf der man bereits mit kleinen Akzenten Grossartiges bewirken kann.

Was bedeutet für Sie Kreativität?
Kreativität entfaltet sich für mich ganzheitlich – und nicht als kreatives Spektakel. Ich weiss, was ich leiste, wie viele Gedanken in jedem Detail stecken. Wir sind extrem kreativ, auch wenn wir zum Beispiel ein denkmalgeschütztes Gebäude in seinen Ursprung zurückführen – man muss ja auch Stärken von Bestehendem erkennen können und diese sensibel in ein neues Konzept integrieren. Ich muss keinen Beweis für laute Kreativität erbringen, sondern muss durchdacht Gutes entstehen lassen, inhaltlich ästhetisch wie funktional organisatorisch. Ich muss sehr genau verstehen, was die Bauherrschaft will und räumliche Lösungen geben. Erst dann stimmt es, das Ganze, Schlüssige, die natürliche Richtigkeit, die zum Raum, zu den Funktionen und zu den Menschen passt. Ich überrede nie jemanden zu einem Entscheid – ich will exakt begründen, warum ich etwas empfehle. Die Bauherrschaft muss sich am Ende stets selbst voll und ganz damit identifizieren, sonst ist es nicht nachhaltig!

Wenn Sie Ihre ersten Projekte heute anschauen – stehen Sie noch dazu?
Ich habe gerade den Auftrag erhalten, ein Haus aufzufrischen, das ich im Jahr 2000 gestaltet habe: mein allererstes eigenes Projekt! Die Besitzer sind vor Kurzem umgezogen und ich bin selber total überrascht von der unglaublichen Aktualität, die dieses Interieur heute ausstrahlt – das hat mich auch betreffend Nachhaltigkeit sehr gefreut!

Was verbindet Ästhetik und Nachhaltigkeit?
Ästhetik wird ja oft und schnell mit «Geschmack» oder «Gefällt/Gefällt nicht» gleichgesetzt. Aber geht es um wahre Ästhetik, finde ich, ist das Verbindende eigentlich die Liebe zur Natur. Denn das, was als allgemeingültige Ästhetik wahrgenommen oder empfunden wird, sind sehr oft Dinge, die nahe der Natur sind oder Motive, die aus der Natur kommen, natürliche Materialien, organische Formen, die einem in der Natur begegnen. Und Nachhaltigkeit dient ja letztlich der Natur – und sollte unser Denken und Handeln ganz selbstverständlich bestimmen.

Iria Degen gehört zu den gefragtesten Interior-Designerinnen der Schweiz. Die studierte Juristin entschied sich nach dem Studium für einen neuen Weg und folgte ihrer Leidenschaft, Lebensräume zu gestalten und einzurichten. Der Zufall führte sie nach Paris zu Andrée Putman, der grossen französischen Innenarchitektin und Designerin (1925 – 2013), bei der sie nach einem Stage vier Jahre lang als Projektleiterin arbeitete. Parallel dazu besuchte Iria Degen die École Camondo, eine der renommiertesten Schulen für Innenarchitektur und Design. Im Jahr 2000 gründete sie ihr eigenes Büro für Interior-Design in Paris und Zürich. Sie richtet Privathäuser und Restaurants, Hotels und Showrooms, Büros und Arztpraxen ein, betreut Projekte von Paris bis New York und engagiert sich darüber hinaus international für den Berufsverband IFI (ifiworld.org), ist Mitglied der vsi.asai, agiert als Jurorin und wird von namhaften Firmen als Beraterin und für Produktentwicklungen beigezogen. Sie scheint in ihrem ganzen Schaffen und Engagement ähnlich unermüdlich zu sein wie ihre Pariser Lehrmeisterin. In Ihrem Büro in Zürich arbeiten zwölf Angestellte.

Als Referenzobjekt gibt Sie ein Privathaus in Zürich an, an deren Mitgestaltung Sie beteiligt war. Informationen dazu finden Sie hier.