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Daniela Decurtins

Daniela Decurtin: Direktorin des Verbands der Schweizerischen Gasindustrie (VSG).
Frau Decurtins, was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie?
Ich bin ein Kind der Ersten Welt und lebe deshalb zwangsläufig auf Kosten der Zweiten und Dritten Welt. Ich versuche, mein Dasein bewusst zu gestalten. Nachhaltigkeit hat für mich auch etwas mit lustvollem Leben zu tun. Zurzeit ist das SBB-Generalabonnement mein bester Freund. Ich bin häufig unterwegs und reise – wenn immer möglich – mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Oft gehe ich zu Fuss. Das ist auch nachhaltig auf meine Gesundheit bezogen. Ich engagiere mich leidenschaftlich für den Fussballsport, betreibe Nachwuchsförderung und biete Unterstützung. Nachhaltigkeit heisst für mich auch: Zeit in Gemeinschaft investieren, gemeinsam etwas unternehmen und es gut zusammenhaben. Geselligkeit ist für mich nachhaltig. 

Für Sie umfasst Nachhaltigkeit also weitaus mehr als die klassischen Themen Umwelt, Bauen und Energie?
Ja, das geht sehr viel weiter. Aus meiner Sicht wird der Begriff so oft eingesetzt, weil er mit ganz unterschiedlichen Inhalten aufgeladen werden kann. Das birgt allerdings auch das Risiko, dass man ihn moralisch auflädt. Wenn man versucht, nachhaltig und bewusst – in der von mir erwähnten Vielfalt – zu leben, dann hat das auch etwas Lustvolles. Und ich bin überzeugt: Man ist erst bereit, sein Verhalten zu ändern, wenn man daran Freude hat.

Die Energiestrategie des Bundes steht zur Diskussion: Der Ausstieg aus der Kernenergie ist beschlossene Sache. Jedoch wird bezweifelt, ob erneuerbare Energien wie Geothermie, Solarenergie und Windenergie die Versorgungslücken bereits schliessen können. Gas kommt in dieser Diskussion eine Schlüsselfunktion zu. Wie sehen Sie das? 
Ich habe oft den Eindruck, dass die Herangehensweise an die Energiewende unrealistisch ist. Man sieht häufig nur das Ziel, lässt aber den Weg dahin aussen vor. Im Wesentlichen geht es um einen Systemumbau – weg von der Kernkraft und den fossilen hin zu den erneuerbaren Energieträgern. Viele Menschen sehen nicht, dass es dazu eine Transformationsphase braucht. Ich ärgere mich über die plakative Forderung, dass man sofort aus den fossilen Energieträgern aussteigen soll. So wirft man alles in den gleichen Topf und begreift nicht, was Erdgas gerade auch in so einer Übergangsphase leisten kann für eine nachhaltige Energieversorgung, die klimafreundlich und wirtschaftlich ist sowie unsere Versorgungssicherheit garantiert.

Offensichtlich wächst das Bewusstsein für den von Ihnen angesprochenen Weg zum Ziel. 
Man hört und liest nun oft: Die Energiewende gibt’s nicht umsonst, alles wird nicht so einfach sein und vor allen Dingen lässt sie sich nicht so schnell umsetzen. Wie beurteilen Sie das für die nähere Zukunft? 

Ich habe den Eindruck, dass immer mehr Menschen die Stärken von Erdgas in dieser Transformati-onsphase sehen. Die Hälfte der Heizungen in der Schweiz wird mit Erdöl betrieben. Wenn man diese sukzessive ersetzen würde, könnte man jeweils ein Viertel des CO2-Ausstosses reduzieren. Das macht man nicht erst im Jahre 2050, sondern bereits jetzt für die Zukunft. Das ist richtige Nachhaltigkeit! Ausserdem führt der Umbau zu mehr erneuerbaren Energien auch zu Speicherfragen. Die Sonne scheint nicht immer dann, wenn man Strom braucht, und Strom lässt sich in den Stromnetzen nicht speichern. Dafür lässt sich Überschuss-Strom aus Sonne und Wind in Gasnetzen speichern. Wir sollten deshalb den Gasnetzen mehr Sorge tragen, als dies Kantone und Gemeinden manchmal in Energierichtplanungen tun.

Die Prognosen in punkto Sanierung und Umrüstung, was Photovoltaik oder Windenergie anbelangt, sind ebenfalls häufig unrealistisch. Das beabsichtigte Tempo wird nicht einzuhalten sein, weil bedeutende finanzielle Investitionen vorgenommen werden müssten. Einen weiteren Engpass sehe ich bei den Installateuren: Es gibt nicht genügend Berufsleute, um diese Arbeit in diesem Zeitraum auszuführen. Ich halte es für einen wichtigen Prozess, dass sich die Bevölkerung all dieser beschränkenden Faktoren bewusst wird. Nicht zu unterschätzen sind zudem die sozialpolitischen Aspekte: Es können sich nicht alle ein Haus mit Photovoltaik leisten, auch wenn sie es gerne würden.

Sie waren lange Jahre als Journalistin tätig. In diesem Feld ist man ungleich kurzfristiger „unterwegs“, als Sie es jetzt in Ihrer Arbeit sind. Fällt Ihnen das schwer? 
Ich muss mich tatsächlich mehr in Geduld üben. Als Journalistin bei einer Tageszeitung nimmt man sich am Morgen etwas vor, dann geschieht vielleicht etwas Unerwartetes oder man hat eine Idee, aber bis am Abend oder am nächsten Tag ist es auf jeden Fall umgesetzt. Der Artikel ist im Blatt und man kann sich dem nächsten Thema widmen. Ich mache die Erfahrung, dass gewisse Dinge unglaublich viel mehr Zeit beanspruchen, als ich angenommen habe. Gerade in der Politik ist das häufig so.

Ärgert Sie das?
Manchmal geht mein Temperament mit mir durch. Wenn ich beispielsweise an Biogas denke: Das ist eine erneuerbare Energie und müsste von den Kantonen auch als solche anerkannt werden. Aber das ist bis heute nicht der Fall. Und da denke ich manchmal: «Wieso geht das nicht schneller?»

Sie haben erwähnt, dass das Generalabonnement zurzeit Ihr treuester Begleiter ist. Wie nachhaltig wohnen Sie? 
Wie so viele Menschen in der Schweiz bin ich Mieterin. Ich lebe in der Stadt Zürich in einer kleinen Mietwohnung. Was mein Vermieter in Sachen Energie unternimmt, kann ich nur am Rande beeinflussen. Ich kann vielleicht auf gewisse Dinge hinweisen oder einen Gedankenanstoss bringen, aber sonst sind mir die Hände gebunden. Wie gesagt, bin ich – wenn immer möglich – mit den SBB unterwegs und meine Ferien verbringe ich in der Schweiz. Nicht weil ich das Gefühl habe, dass ich das müsste, sondern weil es mir Spass macht. Ich glaube, dass die Avantgarde darunter leidet, dass sie so konsequent sein will und aus ihrer Vorbildlichkeit einen Sport macht. Ich finde, dass eine Verhaltensänderung erst wirklich interessant wird, wenn sie einem selbst nicht mehr auffällt. 

Angenommen, Sie würden ein Haus bauen und sich an der Swissbau umschauen: Würden Sie ungeachtet Ihrer Tätigkeit auch auf Gas setzen? 
Ja. Ich setze auf die Karte Gas. Nicht weil ich die Branche vertrete. Ich habe meinen Job auch gewählt, weil ich wirklich an die Energieträger Erdgas und Biogas glaube – eben weil es so viele Kombinationsmöglichkeiten gibt. Gerade mit den erneuerbaren Energien wie zum Beispiel mit Sonnenenergie: Da existieren neue Heizsysteme, die mit Brennstoffzellen funktionieren. Es gibt Heizungen, die gleichzeitig Strom und Wärme erzeugen können und extrem energieeffizient sind. Ich bin überzeugt, dass Gas eine wichtige Rolle dabei spielen wird, unser Energiesystem in Richtung Erneuerbarkeit zu wandeln.

Daniela Decurtins hat an der Universität Zürich Geschichte, Volkswirtschaft und Politikwissenschaften studiert. Sie war 25 Jahre im Journalismus tätig, davon zehn Jahre Mitglied der Chefredaktion beim Tages Anzeiger. Seit 2012 ist Daniela Decurtins Direktorin des Verbands der Schweizerischen Gasindustrie (VSG).

Sie hat das Projekt «Power to Gas» als Referenzobjekt als Beispiel für nachhaltiges Bauen ausgesucht. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.