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Benedikt Loderer

Nachgefragt
Herr Loderer, Sie sagen, es gebe kein Menschenrecht auf ein Einfamilienhaus. Im Moment ist die energetische Sanierung von Einfamilienhäusern, die jetzt 40 Jahre alt sind, ein grosses Thema. Sind wir schon auf dem Weg zu einer Lösung dieses Problems?
Ich glaube nicht. Bei den Einfamilienhäusern sind wir noch nicht soweit. Wenn jemand bereits 30 Jahre in seinem Haus wohnt, überlegt er sich: Wie lange lebe ich noch hier? Und dann überlässt er die Investition der nachfolgenden Generation.

Sie plädieren für «Weniger ist mehr» und vertreten die Meinung, dass wir unseren Konsum einschränken müssten. Worauf verzichten Sie selbst?
Ich habe zum Beispiel kein Auto und ich fliege nicht. Und wenn man das umrechnet auf den berühmten Fussabdruck, dann habe ich schon ziemlich viel gespart.

Waren Sie immer schon so ökologisch und dermassen «vorbildlich»?
Oh nein, überhaupt nicht. Mit 20 Jahren dachte ich, dass ich ein grosses Tier werde. Und dann ist mir ein Fehler unterlaufen: Ich habe auf dem zweiten Bildungsweg die Matur gemacht und die Baufirma, bei der ich die Bauzeichner-Lehre absolviert hatte, fragte mich, ob ich nicht für sie arbeiten wolle. Doch ich dachte: «Oh nein, wenn ich schon das Billet gelöst habe, dann will ich auch mit dem Zug fahren.» Und so bin ich leider nach dem Beginn des Studiums in andere Zusammenhänge – die 68er – reingerutscht, und dann war plötzlich das Thema Karriere gar nicht mehr so wichtig.

Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Sind wir dort angekommen, was damals zu Ihren Studienzeiten Thema war. Oder sind wir weiter weg denn je?
Wir sind eigentlich nicht viel weiter. Wir schauen zwar, wieviel Energie wir verbrauchen können, verbrauchen dann aber trotzdem mehr als nötig. Und es gibt wenige Anzeichen, dass wir in Zukunft unseren Verbrauch senken werden. Wir beschliessen zwar an der Urne eine 2’000-Watt-Stadt, aber unser Verhalten wird davon nicht beeinflusst. Neu ist lediglich, dass wir ein schlechtes Gewissen haben. Und jetzt wird uns auch noch gesagt: So k ann es nicht weitergehen.

Eignet sich das schlechte Gewissen auch als Hebel, um Dinge wie die Energiestrategie 2050 zu befeuern?
Wir haben uns ein ziemlich gut organisiertes Ablasssystem aufgebaut. Wir fliegen zwar nach wie vor in die Karibik, aber weil wir so umweltbewusst sind, betreiben wir Klima-Kompensation. Die Leute installieren zwar auf ihrem Haus am Waldrand eine Solaranlage, investieren in eine Wärmepumpe und sparen wie wild Energie. Aber die beiden Autos vor der Türe sind nicht verhandelbar. Da heisst es: «Ohne meine zwei Autos bin ich Invalide, dann bin ich kein Mensch mehr, dann bin ich am Waldrand angenagelt.» Das kann man von den Leuten anscheinend nicht verlangen. Deswegen machen sie den Ablasshandel und sind erleichtert. Unser Stimmverhalten ist zwar lindgrün; aber wenn es dann kostet, sind wir nicht mehr so grün. 

Wir ändern also unser Verhalten nur, wenn es teuer wird?
Das begreifen die Leute am ehesten. Und es ruft sofortige Reaktionen hervor. Wenn man fünf Stutz für den Liter Benzin bezahlen muss, dann verkauft zwar keiner sein Auto, weil es lebensnotwendig ist. Aber der Einzelne überlegt sich viel besser, ob er fahren soll oder nicht. Ob er zu zweit fährt oder alleine. Es ist nicht so, dass man durch die Einführung der Kostenwahrheit dem einfachen Büezer das Auto wegnimmt. Der Arbeiter braucht nun mal sein Auto.

Es muss schmerzen, damit wir alle begreifen, dass wir treuhänderisch handeln müssen?
Die Güter sind alle zu billig. Und darum brauchen wir sie und fragen nicht, ob sie morgen auch noch ausreichend da sind.

Was wäre der pragmatischste Weg zu einer Lösung?
Als Erstes würde ich in der Schweiz die Kostenwahrheit im Verkehr einführen – das würde schon sehr viel verändern. Und mein Hauptpostulat lautet, das Landgesetz einzuführen. Genauso wie beim Waldgesetz, das  den Waldbestand schützt, sollte auch das Land, das jetzt noch offen ist, im Bestand geschützt werden. Das hiesse in der Umsetzung: Man muss das Baugebiet schliessen und alle Neubauten sind nur noch innerhalb dieses Baugebietes möglich. Natürlich sind alle gegen die Zersiedelung, aber niemand nimmt das Problem wirklich ernst. Wenn man wirklich verdichten will, muss man die Zersiedelung verhindern. Alles andere nützt nichts.

Die Verdichtung, wie sie jetzt praktiziert wird, ist aus Ihrer Sicht also nicht nachhaltig?
Wo schon gebaut wurde, haben wir eine sehr gute Infrastruktur, um die uns alle drumherum beneiden. Nun geht es darum, dass wir sie besser ausnützen. Es ist nicht so, dass die Schweiz erwürgt wird, wenn man die Baugebiete schliesst. Vielmehr werden die Lücken geschlossen. Gleichzeitig sollten wir die Spielregeln innerhalb des Baugebiets ändern: Grenzabstände und Bauhöhen könnten revidiert werden; man muss anbauen und aufstocken dürfen. Genauso wie früher die Stadtmauern. Die waren zu Beginn ein lockeres Gewand und dann hat man sie langsam aufgefüllt – genau das müsste in der Agglomeration passieren. Die Agglomeration ist noch lange nicht gebaut: Da haben wir erst angefangen und es gibt noch viele Möglichkeiten, zu verdichten. Dort wo es dünn ist, muss man es dicker machen.

Mehr zulassen und weniger reglementieren?
Wenn man das Landgesetz einführt, dann tun wir auch denen einen Gefallen, die immer schreien, es gebe zu viele Vorschriften. Dann könnte man die Bauvorschriften vereinfachen und einige schlichtwegs abschaffen.

Man müsste also mehr mit dem Bestehenden arbeiten und smarter umgehen, mehr Perspektiven entwickeln und weniger am Gelernten festhalten. Mit anderen Worten: Wir müssen neu lernen?
Wir lernen im Prozess der Problemlösung. Es gibt neue Probleme, für die wir neue Lösungen finden müssen. Wenn die Baugebiete geschlossen werden, dann werden wir mit dem Umbau der Agglomerationen starten und die durchaus berechtigten Forderungen nach Privatraum ermöglichen. Und an dieser Stelle habe ich Vertrauen in die Ingenieure und Architekten.

Nachhaltigkeit ist der Überbegriff unseres Gesprächs: Waren diejenigen, die vor 40 Jahren diese Themen – die mittlerweile Mainstream sind – postuliert haben, so eine Art Avantgarde? Und könnten diejenigen die Avantgarde von morgen sein, die Fleisch essen, rauchen und mit Öl heizen?
Das glaube ich nicht. Es wird so sein, dass diejenigen, die wenig Fleisch essen, auch weniger Energie verbrauchen. Wenn man bedenkt, wieviel Wasser für die Herstellung eines Hotdogs nötig ist, dürfte man keine Hotdogs essen. Da geht es aber ins Persönliche, in die Lebensführung des Einzelnen. Wer glaubt, man könnte sich in punkto Kostenwahrheit rauswinden ohne Änderung des Lebensstandards, ohne Verzicht auf gewisse Dinge, der lügt sich in den Sack. Und wenn Politiker das behaupten, lügen sie schamlos und die Leute glauben das, weil sie weitermachen wollen wie bisher. Wer in die Ferien fliegt, ist schon draussen. Und wer mit dem Auto von Zürich ins Bündnerland zum Skifahren geht, der müsste spätestens am Walensee aussteigen und den Rest zu Fuss gehen. Und wer mit dem Zug geht, der müsste ab Landquart laufen. Wenn man eine ehrliche Rechnung macht, dann ist es absolut nicht mehr haltbar. Und wer meint, er bekomme das von der Regierung oder vom Herrgott geschenkt, irrt sich gewaltig. 

Wieviele Hotdogs essen Sie noch?
Einen pro Jahr. Allerdings muss ich zugeben, dass der Hotdog nicht zu meinen Leibspeisen zählt.

Benedikt Loderer studierte nach einer Bauzeichnerlehre und der Matura auf dem zweiten Bildungsweg Architektur an der ETH in Zürich. Anschliessend war er Hochschulassistent, Fernsehvolontär und angestellter Architekt. Im Anschluss betätigte sich Loderer als freier Journalist, namentlich als «Stadtwanderer » und Architekturkritiker beim «Tages- Anzeiger». Benedikt Loderer ist Mitbegründer der Publikation «Hochparterre – Zeitung für Design und Architektur», für die er lange Jahre die Chefredaktion besorgte. Seit seiner Pensionierung 2010 lebt der «Stadtwanderer» in Biel und widmet sich weiterhin dem Schreiben. 2012 erschien in der Edition Hochparterre seine «Beschreibung des Schweizerzustands: Die Landesverteidigung».


Das älteste Holzbauwerk der Welt begeistert Benedikt Loderer als gutes Beispiel für nachhaltiges Bauen. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.