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Die Gebäudehülle steckt im Dilemma - eine kritische Analyse

Publiziert am 16.01.2016 von Redaktion Swissbau
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Eventreport 16. Januar 2016, 13.30 - 15.00, Veranstalter: Hochschule Luzern / SMU An der Gebäudehülle entwickeln sich viele Konflikte, denn dieses teuerste aller Bauteile wird in einem enormen Spannungsfeld geplant und realisiert. Die Ansprüche kommen von innen, von aussen, von der Gesellschaft und vom Gesetzgeber. Gibt es überhaupt eine Gebäudehülle, die dieser Flut gerecht wird?

Bild: v.l.n.r. Markus Peter, Reto Gloor, Stefan Kämpfen, Steffi Neubert, Christa Vogt, Christian Hönger, Bob Gysin und Adrian Altenburger

Sendung in voller Länge

Am Podium beteiligte sich eine illustre Runde von prominenten Architekten, Fassadenplanern und Gebäudetechnikern. Kernpunkt der Diskussion war die Frage, welchen Dilemmas die Architekten bei der Planung einer Gebäudehülle ausgesetzt sind. Nicht nur diese Findungsprozesse sind kontrovers, auch die Diskussion dazu war ein lebhaftes Wechselspiel von fachkundigen und praxiserprobten Argumenten. 

«Die Gebäudehülle steckt im Dilemma» heisst es im Vorspann. Doch das ist alles andere als klar. Ich kann gar kein Dilemma erkennen, meint der Architekt Bob Gysin von Bob Gysin und Partner in Zürich. Vielleicht stecken die Architekturschaffenden im Dilemma, vielleicht die Architektur selbst. Doch Konfliktzonen gebe es in grosser Zahl, beispielweise jene zwischen Öffentlichkeit und Gebäude oder zwischen innerer Nutzung und äusserer Gestaltung, fragte Moderatorin Christa Vogt. «Das Gebäude gehört dem Kollektiv, es ist Teil der Stadt», betont Christian Hönger vom Architekturbüro giuliani.hönger in Zürich. Den Professor für Architektur an der Hochschule Luzern stört zudem, dass die Häuser internationaler und dadurch austauschbarer werden. Den Standort könnte ein Betrachter an der Architektur nicht mehr erkennen. Ganz offensichtlich werden die Häuser gläsern und «sie altern schlecht», kritisierte Hönger. 

Die äussersten Zentimeter 
Ob sich die vielen Anforderungen an eine Gebäudehülle in guter Gestaltung umsetzen lassen, diese Frage stellt sich dem Architekten immer wieder, bei jedem Projekt neu. Wir bauen ausschliesslich Prototypen, meint Steffi Neubert von Emmer Pfenninger Partner. Auch deshalb würde während des Bauens viel geforscht, so Neubert. Oft finden wir unsere Entwicklung im Katalog des Herstellers wieder. «Wir sollten den Traum aufgeben», monierte Markus Peter vom Architekturbüro Marcel Meili, Markus Peter in Zürich, «das Haus als technischen Gebrauchsgegenstand zu planen und zu produzieren. Das ist uns im 20. Jahrhundert schon nicht gelungen, das wollen wir nicht nochmals wiederholen. Alles geht nicht in die äussersten drei Zentimeter», so Peter. Aber für die Gebäudehülle gelte dies ganz besonders: Wir brauchen Kompetenzen, die mit Komplexität umgehen können, so Peter. Dabei fehle es nicht unbedingt an der Ausbildung, findet Steffi Neubert. Denn gerade in der Schweiz würden die Ausbildungsgänge, auch jene für Architekten, das technische Verständnis fördern. Positiv würde sich vor allem die Zusammenarbeitskultur auswirken, argumentiert Adrian Altenburger, Abteilungsleiter der Abteilung Gebäudetechnik der Hochschule Luzern. Erfahrungen im Ausland würden einem diesen Vorteil bewusst machen. Altenburger plädiert für möglichst wenig Technik, denn häufig wäre der Nutzer überfordert. Das Motto des Swissbau Focus müsste also heissen «Rettung durch möglichst wenig Technik». Und erst die Vorschriften, meint Reto Gloor von gkp fassadentechnik in Aadorf. «Für ein Fenster muss ich eine 20-seitige Betriebsanleitung abgeben. Das schreibt das Gesetz zur Produktehaftung vor. Die Nutzenden sollten auch Verantwortung übernehmen.»

Betrieb wird wichtiger 

Stephan Kämpfen von der kantonalen Verwaltung Aargau stört sich ebenfalls an den Verantwortlichkeiten: «Ein Architekt ist für den Entwurf, ein anderer für die Realisierung und ein dritter, der «Facility Manager», ist für den Betrieb zuständig. Und das innerhalb von nicht einmal fünf Jahren. Das kann ja nicht funktionieren.» «Just das lässt sich durch Messungen belegen, die Unterschiede zwischen Planung und effektivem Betrieb sind sehr gross», so Altenbürger. 

Mehr Freiheit 

Auf breite Akzeptanz stösst der Vorschlag von Adrian Altenburger, Einzelanforderungen an die Gebäudehülle zurückzustecken, zugunsten einer guten Gesamtlösung. «Damit erlangen wir wieder grössere Freiheitsgrade!»  

Hier finden Sie alle Präsentationen des Tages zum Download.

Weiteres Bildmaterial steht in der Bilddatenbank der Swissbau zur Verfügung.


Veranstalter

Hochschule Luzern

SMU

Impressum

Text: Othmar Dumm, Faktor Journalisten 
Fotografie: Aissa Tripodi, Swissbau
Konzept und Koordination: IEU Kommunikation AG

Redaktion Swissbau

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