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Architekturvortrag Tec_Changes_Architecture

Publiziert am 16.01.2016 von Redaktion Swissbau
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Eventreport 16. Januar, 10.00 - 12.00, Veranstalter: Architektur Dialoge Basel / Swissbau Rettet die Technik die Architektur? Oder doch eher die Architektur die Technik? Braucht es überhaupt Rettung? Auch die traditionellen «Architekturvorträge» im Swissbau Focus waren unter dem Titel «Tec_ Changes_Architecture» dem diesjährigen Swissbau Motto gewidmet. Drei inspirierende Vorträge und eine spannende Diskussion brachten neue Ideen, warfen aber auch Fragen auf. 

Bild: Michael Braungart, Judit Solt, Bryan Allen, Jeanne Gang (v.l.n.r.)

Sendung in voller Länge

Die Beiträge der international zusammengesetzten Referentenrunde boten einen ganz unterschiedlichen Einblick in das Spannungs- und Beziehungsfeld von Architektur und Technik. Architekt Bryan Allen von Smith/Allen aus Oakland präsentierte «Echoviren», den ersten 3D-gedruckten Bioplastik-Pavillon, der in einem Wald in Kalifornien steht. Jeanne Gang zeigte anhand verschiedener Projekte mit ganz unterschiedlichem Massstab, wie sie in ihrem Studio in Chicago und New York forscht und arbeitet und dabei neue Typologien, Materialien und Techniken entwickelt. Michael Braungart, Co-Erfinder des «Cradle to Cradle»-Prozesses und als Chemiker der Exot in der Runde, zeigte anhand des in den 1990er-Jahre entwickelten Konzepts, dass es letztlich um Effektivität an Stelle von Effizienz geht. Moderiert wurde die Veranstaltung von Judit Solt, Chefredaktorin von Tec21. 

Material = Werkzeug = Gestalt 

Traditionell sehe der Prozess des Architekten so aus, dass aus einem Material mittels eines Werkzeugs eine Gestalt erzeugt werde, erklärte Bryan Allen eingangs seines Referats. Und dies unabhängig vom konkreten Material. Die neuen Möglichkeiten mit Building Information Modeling und Digitaldruck stellen diesen Prozess auf den Kopf: «Mit 3D-Printing geschehen die Dinge gleichzeitig», sagt Allen, «die neue Methode verbindet Material, Handwerk und Architektur.» Damit habe Digitaldruck das Potenzial, die Art und Weise, wie Dinge gestaltet und produziert werden, total zu verändern. Wie das aussehen könnte, zeigte Allen anhand verschiedener Strukturen, kleiner Bauten im Freien und einer abgehängten Decke, die in den letzten Jahren im Rahmen seiner Forschungstätigkeit mit der neuen Methode entstanden sind. 

Architektur als Anstoss, sich Räume anzueignen 

Beim 2010 in Chicago erstellten Aqua Tower sei es das Ziel gewesen, eine Topographie des Gebäudes zu entwickeln, die sich mit der Umgebung verbinde. Erzeugt wird diese Form, indem jedes Geschoss eine andere Grundform hat: «So entstehen Räume gegen aussen, über welche die Menschen mit ihrer Nachbarschaft in Beziehung treten können», sagt Gang. Weitere Projekte zeigten, wie im Studio Gang die Eigenschaften von Materialien ausgelotet oder in Bezug auf traditionelle Bauweisen in neuen Kombinationen eingesetzt werden: «Wir verwenden Materialien so, dass sie ihre Eigenschaften entfalten können.» Ein städtebauliches Projekt am Chicago River machte deutlich, dass die Architektur auch ein Signal für weitergehende Entwicklungen und Prozesse sein kann: Eine in Buchform publizierte Studie von Gang Studio zum Potenzial des Raumes entlang des Wasserwegs führte zur Aneignung eben dieser Räume. «Das Projekt für ein Bootshaus an diesem Ort resultierte aus unserer Forschungsarbeit», hielt Gang fest. 

Effektivität an Stelle von Effizienz 

«Nachhaltigkeit langweile ihn», begann Michael Braungart sein Referat. Mit diversen Beispielen zeigte er in der Folge, dass es beim Bauen nicht um Effizienz, sondern um Effektivität gehe: «Qualität, Innovation und Schönheit sollten unsere Ziele sein.» Man müsse das Richtige tun und nicht das Falsche optimieren, meinte Braungart im Hinblick auf die Thematik der endlichen Ressourcen: «Es sind die Materialien, die rar und endlich sind, und nicht die Energie.» Das Ziel müssten Produkte sein, welche beispielsweise dazu beitragen würden, die Innenraumluft zu verbessern. Diese seien bereits heute auf dem Markt. Als Vorbild zog Braun die Funktionsweise des Baums heran und entwickelte in Analogie zur Biosphäre die Technosphäre. Es gehe darum, den Menschen Optionen zu geben, anstatt sie zu kontrollieren: «Letztlich ist es keine Frage der Technik, sondern wie wir unsere Rolle auf diesem Planeten definieren.»

In der spannenden Podiumsdiskussion bot sich die Gelegenheit, die vorgestellten Konzepte einander gegenüberzustellen und daraus neue Ideen und Handlungsfelder abzuleiten. Ein Fazit war, dass Architektur heute nicht mehr nur gestaltet, sondern auch moderiert – und zwar nicht nur technische sondern auch soziale Prozesse. Dafür sei es notwendig, dass die Architektur zurück in die Forschung gehe, um mehr Einfluss zu haben, meinte Allen. «Für diese Art der Arbeit braucht es die Unabhängigkeit von einem Auftraggeber und genügend Zeit», so die Erfahrung von Jeanne Gang. Er möchte die Architekten und Architektinnen ermutigen, mit anderen Disziplinen in einen Dialog zu treten, meinte Braungart im Hinblick auf die Realisierung seines «Cradle-to-Cradle»-Prinzips in der Architektur. Ein Wunsch, der bei den zwei anderen Referenten auf offene Ohren stiess.

Hier finden Sie alle Präsentationen des Tages zum Download.

Weiteres Bildmaterial steht in der Bilddatenbank der Swissbau zur Verfügung.


Videointerviews

Bryan Allen, Architekt und Digital Fabrication Specialist Smith/Allen
Jeanne Gang, FAIA, Founder / Design Principal studio Gang Architects
Michael Braungart, Prof. Rotterdam School of Management Erasmus University

Veranstalter

Architektur Dialoge Basel

Swissbau

Impressum

Text: Jutta Glanzmann, Faktor Journalisten 
Interviews: Peter Basler 
Kamera und Schnitt: Adrian Baumann, TVision
Fotografie: Aissa Tripodi, Swissbau
Konzept und Koordination: IEU Kommunikation AG

Redaktion Swissbau

Redaktion Swissbau

Der Swissbau Blog ist eine dialogorientierte Online-Plattform für aktuelle Beiträge zur Bauwirtschaft in der Schweiz. Neben zahlreichen Beiträgen aus dem Themenspektrum des Swissbau Focus liefert er regelmässig interessante News und Hintergründe zur Baubranche bzw. zur Swissbau selbst. Informationen zur Autorenschaft finden sich im Impressum. Bitte beachten Sie zudem die Blog Policy.

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