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Rettung durch Technik – Chancen der Raumplanung

Publiziert am 15.01.2016 von Redaktion Swissbau
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Eventreport 15. Januar 2016, 9.30 - 11.00, Veranstalter: SIA / ARE Die 10-Millionen-Schweiz ist eine grosse Herausforderung. Der Umgang und die Verteilung knapper Ressourcen wird eine zentrale Fragestellung sein, ebenso wie die Gestaltung des Lebensraums, soll die hohe Lebensqualität in der Schweiz erhalten bleiben. Welche Konzepte für Lösungen bietet dafür die klassische Disziplin der Raumplanung? 

Bild: Matthias Daum (l.) und Georges T. Roos (r.) an der Podiumsdiskussion

Sendung in voller Länge

Hans-Georg Bächtold, Geschäftsführer des SIA, erzählte als Einstieg in die Thematik eine kurze Geschichte: Er sei letzthin wieder einmal den Weg gegangen, den er als Kind zum Kindergarten ging. Verändert habe sich nicht viel, ausser dass die Metzgerei und die Bäckerei verschwunden seien. In diesem Sinne stelle sich auch für die künftige Entwicklung der Schweiz die Frage, was sich ändern werde. Darauf versuchten in der Folge die beiden Referenten und die Referentin auf Basis ihres fachlichen Hintergrundes Antworten zu geben. Das waren zum einen Zukunftsforscher Georges T. Roos, ROOS Trends & Futures, Jean-Marc Piveteau, Rektor der ZHAW sowie Ariane Widmer Pham, Geschäftsleiterin des interkommunalen Planungsbüro, Bureau du Schéma directeur de l’Ouest Lausannois (SDOL). Zur anschliessenden Diskussionsrunde, welche Judit Solt, Chefredaktorin von Tec21 moderierte, stiessen zusätzlich Barbara Haering, Econcept, und Matthias Daum, Die Zeit. 

10 Thesen für die 10 Millionen-Schweiz 

Georges T. Roos stellte für das Jahr 2035, in dem die Bevölkerungszahl der Schweiz voraussichtlich die 10-Millionen-Grenze erreichen werde, 10 Thesen in den Raum: Die Bevölkerung werde zu diesem Zeitpunkt deutlich älter sein, konkret würden 2.5 Millionen über 65 Jahre alt sein. Die Lebenserwartung steige auf 85 bzw. 89 Jahre für Männer bzw. Frauen. Dies führe zu einer stärkeren Belastung der erwerbstätigen Bevölkerung (1960 kam ein Rentner auf 6 Erwerbstätige, 2035 werde das Verhältnis 1:2 sein) ebenso wie der öffentlichen Hand. «Die vierte industrielle Revolution wird tiefe Spuren hinterlassen», so die vierte These von Roos, «denn der Ersatz von Menschen durch Maschinen sei eine grosse gesellschaftliche Herausforderung.» Wir würden künftig in einer intelligenten Umgebung leben, die Dekarbonisierung werde sehr weit fortgeschritten sein – und damit die Energiewende weitgehend vollzogen – und das globale Umfeld ändere sich radikal, so die Thesen fünf, sechs und sieben. Dies führe dazu, dass Risiken zunehmen sowie neue Werte und Ansprüche entstehen würden. Allgemein, so die zehnte und letzte These von Roos, würde die Ungewissheit zunehmen: «In diesem Kontext sind Lösungsansätze wichtig, die flexibel bleiben.» 

Technik rettet nicht, aber macht Neues möglich

Rettung durch Technik, fragte Jean-Marc Piveteau eingangs seines Referats. In der Vergangenheit hätten der Glaube und die Religion diese Aufgabe übernommen. Heute, so hätte er kürzlich in der NZZ am Sonntag gelesen, suchten die Leute Rettung im Kino. Die Technik könne zwar nicht retten, so Piveteau, aber sie sei Trendsetter und Enabler, mache Neues möglich. Seine vier vorgestellten Thesen bezogen sich auf diese Ausgangslage. These 1: Der Umgang mit Daten würde das Denken verändern, das zeige sich heute schon in einem Spin-Off der ZHAW, in dem eine Maschine in der Lage sei, in einem Text Emotionen zu identifizieren. These 2: «Smart engineering» wird die Entwicklungs- und Wartungsverfahren stark verändern, indem beispielsweise Sensoren vor Ort Diagnosen stellen und entsprechende Ersatzteile mittels 3-D-Drucker hergestellt werden. These 3: Mobilitätsbedürfnisse entstehen in Wechselwirkung zu einem neuen Verständnis der Abgrenzung zwischen Privat- und Arbeitssphären, die sich dank technischen Innovationen erfüllen lassen. These 4: Die Sensibilisierung für die Umweltproblematik in Verbindung mit geopolitischen Überlegungen fördert autarke Lösungsansätze in urbanen Räumen, die sich nur durch neue Entwicklungen in Wissenschaft und Technik realisieren lassen. «Alle diese Veränderungen werden uns nachhaltig beeinflussen», sagte Piveteau abschliessend, «nicht zuletzt auch in der Nutzung des Raumes.» 

Der Mensch bleibt Mensch

Sie spreche als Architektin und Stadtplanerin, hielt Ariane Widmer Pham eingangs ihres Referats fest. «Ich gehe davon aus, dass der Mensch mit seinen Bedürfnissen Mensch bleiben wird.» Sie arbeite heute an Projekten, welche die Zukunft beträfen. Auf diesem Hintergrund formulierte Widmer Pham sieben Herausforderungen und sieben Handlungsfelder für unser Land. Der Raum Schweiz sei nach innen und aussen verflochten und werde dadurch globaler, gleichzeitig aber auch spezifischer. Wir würden vernetzter, mobiler und doch langsamer. «Urbane Räume werden dichter, kollektiver und mehr geliebt», so Widmer Pham. Es sei ein kreativer, innovativer Umgang mit neuen Perspektiven gefragt, sowohl inhaltlich als auch formal – beispielsweise mit der Suche nach neuen Stadtformen. Gleichzeitig müssten die Landschaftsräume erhalten und ganzheitlich erfasst werden – auch die Übergänge zwischen Stadt und Land. Diese gelinge mit folgenden Handlungsfeldern: Visionen erarbeiten mit der Technik als Unterstützung, eine hochstehende Planungs- und Baukultur, eine identitätsstiftende Gestaltung, die Anpassung regionaler Strukturen, Gemeindefusionen sowie die Investition in die Raumplanungsforschung, um neue Modelle zu entwickeln. 

In der Schlussrunde zeigte sich einmal mehr, dass die Politik, wenn es in der Schweiz um raumplanerische Fragen geht, eine wichtige Bühne ist, ohne die gar nichts geht. Wie denn die Raumplanung trotz dieser manchmal etwas ausweglosen Situation (die Gemeinde ist dem Schweizer, der Schweizerin heilig) Werkzeuge schaffen könne, die weiter führen würden, fragte Judit Solt in die Runde. Ariane Widmer Pham meinte, die Randbedingungen würden die Arbeit komplexer machen, die Kooperation, also die Arbeit mit vielen Beteiligten, sei aber ein machbarer Weg, wie das Beispiel Lausanne Ouest zeige. Gleichzeitig brauche es aber auch Überlegungen zu neuen Modellen. In diesem Neudenken von Strukturen läge, so Barbara Haering, ein sehr visionärer Ansatz für die Zukunft der Schweiz.

Hier finden Sie alle Präsentationen des Tages zum Download.  

Weiteres Bildmaterial steht in der Bilddatenbank der Swissbau zur Verfügung.


Veranstalter

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ARE

Impressum

Text: Jutta Glanzmann, Faktor Journalisten 
Fotografie: Aissa Tripodi, Swissbau
Konzept und Koordination: IEU Kommunikation AG

Redaktion Swissbau

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