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Induzierte Mobilität: Wie beeinflussen Bautätigkeit und Planung das Verkehrswachstum?

Publiziert am 15.01.2016 von Redaktion Swissbau
Induzierte Mobilität

Eventreport 15. Januar 2016, 11.15 - 12.45, Veranstalter: EnergieSchweiz / Energiestadt Erwachen Industriebrachen zu neuem Leben, werden bestehende Quartiere erneuert oder Gebiete eingezont, entstehen neue Nutzungen, die einen Einfluss auf den Verkehr haben. Durch frühzeitigen Einbezug der Mobilitätsaspekte in den Planungs- und Bewilligungsprozess sollen negative Auswirkungen vermieden oder zumindest eingegrenzt werden. 

Bild: Uwe E. Jocham bei seinem Referat

Wenn Industriebrachen zu neuem Leben erwachen, Gebiete eingezont oder bestehende Quartiere erneuert werden, entstehen neue Nutzungen, welche Verkehr verursachen. Anhand konkreter Beispiele zeigten die Referenten auf, dass sinnvolle Mobilitätskonzepte auf hohe Akzeptanz bei den Nutzerinnen und Nutzern stossen.

Bautätigkeit beeinflusst das Verkehrswachstum. Derzeit macht der Verkehr mehr als ein Drittel des schweizerischen Energieverbrauchs aus – in Anbetracht der erwarteten Entwicklung der Verkehrsleistungen dürfte diese Zahl künftig steigen. Monika Tschannen von EnergieSchweiz für Gemeinden veranschaulichte dies mittels des enormen Potenzials der Schweizer Industriebrachen: Gemäss Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) bietet sich auf einer Industrielandfläche von 1’800 Hektaren Platz für 13’000 Unternehmen mit insgesamt 140’000 Beschäftigten sowie Wohnraum für 190’000 Menschen. Dies entspricht etwa der Stadt Genf. «Um negative Auswirkungen zu vermeiden oder zumindest einzugrenzen, bedarf es eines frühzeitigen Einbezugs der Mobilitätsaspekte im Planungs- und Bewilligungsprozess», sagt Tschannen.   
Raumstruktur und Mobilität 

Martin Tschopp vom Bundesamt für Raumentwicklung ARE zeigte einleitend die Wirkungszusammenhänge zwischen Verkehrsentwicklung und Raumpolitik auf. «Um 1900 endete die räumliche Dichte an den Toren der Städte, heute hat sich das klassische Stadt-Land-Gefüge aufgelöst.» Bis in die 1990er-Jahre fand das grösste Bevölkerungswachstum in den Städten statt, heute nehmen die Bevölkerungszahlen auch ausserhalb der Agglomerationen zu. Zwischen Winterthur und Olten erstreckt sich mittlerweile ein dicht besiedelter Gürtel. Im Gegensatz zu früher arbeiten zudem immer weniger Leute dort, wo sie wohnen – mit der Folge stark zunehmender Pendlerströme. Begünstigt wird diese Entwicklung auch durch die Tatsache, dass sich innerhalb einer gewissen Zeit deutlich grössere Distanzen erreichen lassen. All dies führt laut Tschopp zu mehr zurückgelegten Kilometern pro Individuum und zu einer neuen Verkehrsinduktion. 

Herausforderung bei Unternehmensansiedelung 

Uwe E. Jocham, Direktionspräsident der CSL Behring AG, erläuterte Faktoren, die in der zweieinhalb Jahre dauernden Evaluation für den neuen Industriestandort in Lengnau BE wichtig waren. Nebst den Kriterien «Technische Realisierbarkeit des Betriebes» und «Politische Rahmenbedingungen» stand an dritter Stelle die Infrastruktur, zu der auch die Mobilität gehört. Der Entscheid für den neuen Produktionsstandort in der Schweiz bescherte der Gemeinde Lengnau nicht nur die grösste industrielle Investition landesweit im Jahr 2014, sondern auch 400 neue Arbeitsplätze und eine bessere Anbindung an den öffentlichen Verkehr (ÖV). Das Unternehmen evaluierte zudem eine Reihe von Massnahmen, die zu einer Steigerung des Modalsplits zugunsten des ÖV führen sollen, unter anderem die finanzielle Unterstützung für ÖV-Abonnemente und die Mitwirkung in der regionalen Verkehrskonferenz, die zu einer Verlängerung der Buslinie führen soll.

 «Sihlbogen» – von der Planung zum erfolgreichen Betrieb 

Stefan Schneider, Geschäftsleiter des Zürcher Planungsbüros Jud, gab Einblick in ein Projekt an der Schnittstelle zwischen Bauen und Mobilität. Das Beispiel «Sihlbogen» der Baugenossenschaft Zurlinden illustriert, wie der Bau neuer Areale mit einer massvollen Mobilität in Einklang gebracht werden kann. Entgegen der Vorgabe, für die 220 Wohnungen 133 Parkplätze bereitstellen zu müssen, wurden auf Wunsch der Bauherrschaft lediglich 67 realisiert. Dafür mussten die Mieterinnen und Mieter einen Zusatz zum Mietvertrag unterzeichnen, der den Autobesitz regelt: Darin verpflichten sie sich, keinen Parkplatzbedarf am Wohnort auszulösen. Um den privaten Autogebrauch zu verringern, ging die Baugenossenschaft im Gegenzug neue Wege: Jeder autofreie Haushalt erhält jährlich einen Rail-Check über 800 Franken. Heute sind alle Wohnungen autofrei vermietet und das Areal wurde als «2000-Watt-Areal» zertifiziert. 

Mobilität – ein entscheidender Standortfaktor 
Wesentlich für eine massvolle Verkehrsentwicklung ist ein früher Einbezug von Mobilitätsaspekten in die Planung. Steht ein Gebäude an einem gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossenen Standort, brauchen dessen Bewohnerinnen und Bewohner wenig Mobilitätsenergie. Bezogen auf den Wirtschaftsstandort Schweiz konstatiert Monika Tschannen: «Ein effektiver und effizienter Verkehr ist für unsere Wirtschaft ein wichtiger Standortfaktor und ein volkswirtschaftliches Gebot.»  

Hier finden Sie alle Präsentationen des Tages zum Download.

Weiteres Bildmaterial steht in der Bilddatenbank der Swissbau zur Verfügung.


Videointerviews

Martin Tschopp, Stellvertretender Sektionsleiter Bundesamt für Raumentwicklung ARE
Uwe E. Jocham, Direktionspräsident CSL Behring AG
Roberto De Tommasi, Projektleiter MIPA und Mitinhaber synergo GmbH
Stefan Schneider, Geschäftsleider Planungsbüro Jud AG

Veranstalter

Energie Schweiz

Logo KGTV

Impressum

Text: Sandra Aeberhard, Faktor Journalisten 
Interviews: Peter Basler
Kamera und Schnitt: Adrian Baumann, TVision
Fotografie: Aissa Tripodi, Swissbau
Konzept und Koordination: IEU Kommunikation AG

Redaktion Swissbau

Redaktion Swissbau

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