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Focus: 10-Millionen-Schweiz – Neue Chancen oder Dichtestress?

Publiziert am 15.01.2016 von Redaktion Swissbau
Focus - 10-Millionen-Schweiz

Eventreport 15. Januar 2016, 16.00 - 17.00, Veranstalter: Swissbau. Das in den vergangenen Jahren anhaltende Bevölkerungswachstum in der Schweiz scheint sich zukünftig fortzusetzen. Zur Aufrechterhaltung der hohen Lebensqualität bedarf es Veränderungen. Die Focus-Veranstaltung «10-Millionen-Schweiz» formulierte Ansätze, um den drohenden Dichtestress zu vermeiden und stattdessen daraus neue Chancen zu entwickeln.  

Bild: Reto Miloni und Tilla Künzli

Sendung in voller Länge

Eine stark ausgeprägte Urbanität und Dichte werden in etwa 30 Jahren das Bild der Schweiz prägen. Bei dann rund 10 Millionen Einwohnern bedarf es einer Anpassung des Zusammenlebens mit veränderten Wohnformen und einem daraus resultierenden Wandel im gesellschaftlichen Denken. Denn aus der höheren Bevölkerungszahl resultieren bauliche, städteplanerische und soziale Veränderungen. 

Der bereits abgezeichnete Trend des Bevölkerungswachstums setzt sich auch zukünftig fort. Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) leben in 30 Jahren mehr als 10 Millionen Menschen in der Schweiz. Die Focus-Veranstaltung «10-Millionen-Schweiz – Neue Chancen oder Dichtestress?» beschäftigte sich daher in einer Diskussionsrunde mit der zentralen Frage: «Wie sieht die Schweiz der Zukunft aus?» 

«Aktuell gibt es in der Schweiz noch ausreichend Platz für eine höhere Bevölkerung. Eine hohe Lebensqualität ist schliesslich auch in verdichteten Städten möglich», erklärt Anja Graf, Firmengründerin, Inhaberin und Geschäftsführerin der VISIONAPARTMENTS, mit Verweis auf den wirtschaftlichen Beitrag durch Zuwanderung. Eine ökologischere Schweiz wünscht sich Tilla Künzli, Vorstand Urban Agriculture Basel, Aktivistin für kreative Sensibilisierung: «Wir müssen ein stärkeres Bewusstsein für unsere Bepflanzung entwickeln und uns fragen, wie wir zukünftig an unsere Lebensmittel gelangen.» Mit essbaren Städten möchte sie zudem den Anteil natürlich gewachsener Lebensmittel im öffentlichen Raum erhöhen. 

Das höhere Bevölkerungsaufkommen drängt nach neuen Wohnformen. Doch wie kann das Zusammenleben in der Schweiz zukünftig aussehen? Für Reto Miloni, dipl. Architekt ETH SIA, Miloni Solar AG, müsse dazu unter anderem der Baubestand auf ein verträgliches Komfortniveau gebracht werden. 

Architekt Andreas Hofer ist Gründer von Kraftwerk 1 und Projektleiter von «Leuchtturmprojekt und 2000-Watt-Siedlung Hunziker-Areal Zürich». Nach seiner Einschätzung ist beispielsweise die Bevölkerung in Zürich nicht spürbar höher als vor rund 50 Jahren. Zum Umgang mit der 10-Millionen-Schweiz rät er: «Wir müssen unseren Lebensstil anpassen, um weniger Energie zu verbrauchen. Vielleicht benötigen wir diese hohe Bevölkerungszahl auch, um in dieser etwas zu gross gebauten Schweiz sozialer zu leben.» Joris Van Wezemael, Portfoliomanager Pensimo & Privatdozent ETH Zürich, Wirtschaftsgeograph und Architektursoziologe, träumt von einer Emanzipation der Agglomeration und einer farbigen, heterogenen Schweiz. Zudem fordert er: «Wir müssen die Schweiz generell verdichten und sollten keinen grossstädtischen Halluzinationen nachträumen.» 

Reto Miloni blickt nach vorn: «In der 10-Millionen-Schweiz sollten wir in gesunden, bewohnbaren Kraftwerken wohnen. Woher stammt zudem die Energie für die Mobilität und Prozesse? Das wird die Herausforderung sein.» Für Hans-Georg Bächtold, Geschäftsführer Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein und Raumplaner, sollte die Attraktivität der Städte zunehmen und das Prinzip des Teilens stärkere Anwendung finden. Zudem wird laut Bächtold die ältere Generation vermehrt in die Städte übersiedeln. Entsprechende Konzepte sind dafür die Voraussetzung, meint Anja Graf: «Aktuell fühlen sich Familien und Ältere in der Stadt zu wenig wohl. Konzepte wie die Kalkbreite und das Kraftwerk in Zürich könnten das grundlegend ändern.» Tilla Künzli knüpfte daran an: «Die Diskussion über die 10-Millionen-Schweiz muss für mich nicht zwingend auf baulicher oder städteplanerischer Ebene erfolgen, sondern auf sozialer Ebene.» 

Bei der zukünftigen Thematisierung wünscht sich Joris Van Wezemael eine Vermeidung des Begriffes «Dichtestress», der ursprünglich einen Stresszustand in Tierpopulationen beschreibt und daher in diesem Zusammenhang unbrauchbar ist. Zudem wünscht er sich: «Wir müssen den Normen positive Zielbilder gegenüberstellen. Dafür benötigen wir den Diskurs.» 

Als Beitrag zum Erhalt der hohen Lebensqualität bedarf es auch eines Wandels in der Gesellschaft, der von stärkerer Rücksichtnahme und höherem Respekt gegenüber Mitmenschen geprägt ist. Aus Veränderungen im Zusammenleben resultiert auch die Teilung begrenzter Räume und Ressourcen. Tilla Künzli forderte deshalb zum Schluss der Veranstaltung: «Das Prinzip der Teilung sollte intensiviert werden. Da stehen wir erst am Anfang.» In welchem Masse technische Lösungen zur Bewältigung der Herausforderung beitragen können, bleibt abzuwarten. Dass die technische Vernetzung zukünftig zunehmen wird, davon ist hingegen auszugehen. Bei den Schlussworten von Hans-Georg Bächtold waren sich alle Teilnehmer einig: «Die Schweiz wird so aussehen wie wir sie gestalten. Dazu sind wir alle gefragt.»

Hier finden Sie alle Präsentationen des Tages zum Download.

Weiteres Bildmaterial steht in der Bilddatenbank der Swissbau zur Verfügung.


Videointerviews

Joris Van Wezemael, Portfoliomanager Pensimo und Privatdozent ETH Zürich
Reto Miloni, SWISSOLAR-Profi, Architekt und CEO Milani Solar AG
Hans-Georg Bächtold, Raumplaner und Geschäftsführer SIA
Tilla Künzli, Vorstandsmitglied Urban Agriculture Basel
Anja Graf, Inhaberin und Geschäftsführerin VISIONAPARTMENTS
Andreas Hofer, Architekt und Mitbegründer Baugenossenschaft Kraftwerk 1

Trailer


Focus: 10-Millionen-Schweiz – neue Chancen oder Dichtestress?

Veranstalter

Swissbau

Impressum

Text: Morris Breunig, Faktor Journalisten 
Interviews: Peter Basler 
Kamera und Schnitt: Adrian Baumann, TVision
Fotografie: Aissa Tripodi, Swissbau
Konzept und Koordination: IEU Kommunikation AG

Redaktion Swissbau

Redaktion Swissbau

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