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Nachhaltiger Infrastrukturbau – Was heisst das? Was bringt das?

Publiziert am 14.01.2016 von Redaktion Swissbau
Nachhaltiger Infrastrukturbau

Eventreport 14. Januar 2016, 9.15 - 10.45, Veranstalter: HSR / NNBS. Während der Schweizer Hochbau Nachhaltigkeit bereits umsetzt, fehlt beim Infrastrukturbau noch ein systematischer Ansatz. Ökologie ist dort zwar wichtig, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekte werden aber selten konsequent berücksichtigt. Mit der erweiterten SIA-Norm 112/2 soll dies besser werden. Sie regelt die Planerleistungen im nachhaltigen Infrastrukturbau.  

Bild: Martin Hitz (l.) und Daniel Hardegger

An der Veranstaltung «Nachhaltiger Infrastrukturbau – Was heisst das? Was bringt das?» stellten fünf Referierende aus Bildung, Wirtschaft und Verwaltung ihre Sicht auf die Nachhaltigkeit beim Infrastrukturbau vor. 

Ein formaler Rahmen für nachhaltige Infrastrukturen 

Susanne Kytzia, Professorin für Nachhaltigkeit im Bauwesen an der Hochschule für Technik Rapperswil war an der Ausarbeitung der SIA 112/2 beteiligt. Sie stellte die Norm in Kürze vor. Nachhaltigkeit sei bei Infrastrukturen wegen ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung, ihrer Grösse und langen Lebensdauer besonders wichtig. Deshalb seien die Bauherren gefordert, mehr Geld in die Nachhaltigkeit zu investieren. Die neue Norm schaffe erstmals einen formalen Rahmen hierfür. Sie soll den Bauherren als Arbeitsgrundlage dienen, die hilft zu entscheiden, welche Ziele für ein Projekt besonders relevant sind. Damit erleichtert sie auch die Ausschreibung. 

Martin Bachmann, Leiter Tragwerkplanung bei Pöyry Schweiz AG, gab anhand des Projekts Durchmesserlinie Zürich einen Einblick in die Praxis. Diese Bahninfrastruktur ist mit 9,6 Kilometern Länge und ihrem unterirdischen Bahnhof eines der grossen Projekte der letzten Jahre. Obschon 1999, als die Planung begann, noch niemand von Nachhaltigkeit redete, ist das Projekt doch nachhaltig herausgekommen. Dies hängt vor allem mit dem Bauherr und den Rahmenbedingungen zusammen. Die Platzverhältnisse waren knapp, der Betrieb musste während des Baus aber aufrechterhalten werden. Es musste im Grundwasserleiter gearbeitet und ein Fluss unterquert werden. Historische Bausubstanz musste erhalten werden. Es wurden ökologische Ersatzmassnahmen ergriffen sowie in Lärm- und Erschütterungsschutz investiert. 80 Prozent der Materialtransporte wurden auf der Schiene abgewickelt. Bachmanns Fazit: Wenn man wollte, konnte man schon immer nachhaltig bauen. Die neue Norm dürfte dies aber vereinfachen, vor allem, weil sie ein gemeinsames Verständnis der Materie schafft. 

Die Entwicklung des Umfelds als Unbekannte 
Die Sicht eines grossen, öffentlichen Bauherrn vermittelte Marcel Adam, Leiter Umweltmanagement, Normen und Standards bei armasuisse Immobilien. Er stellte fest, dass bisher ein Werkzeug gefehlt hat, das das Umfeld gebührend berücksichtigt. Dies sei ein Manko, weil Infrastrukturen lange leben und dies in einem oft sehr dynamischen Umfeld. Zum Beispiel der Waffenplatz Thun: Er war in den frühen 1860er Jahren in ein unproduktives Moor gebaut worden, fernab des kleinen Städtchens. Nach und nach wuchs er und seine Nutzungen änderten sich. Zuerst nutzten ihn Soldaten und Pferde, dann auch Flugzeuge und heute sind es vor allem Panzer. Gleichzeitig wucherte die Stadt an ihn heran. Heute beherbergt er wichtige Naturschutzgebiete, die teilweise nur erhalten bleiben, weil die Panzer bestehende Schlammlöcher vor der Verlandung bewahren. Eine solche Entwicklung kann bei der Planung nicht vorausgesehen werden. Deshalb sei es wichtig, anpassungsfähige Lösungsansätze zu wählen und immer wieder möglichst viele Anspruchsgruppen zu involvieren. Daniel Hardegger, Leiter Tiefbau Zürich bei der Implenia Schweiz AG sieht den Nutzen der SIA 112/2 vor allem in ihrer Funktion als Verständigungsmittel zwischen den Beteiligten. Sie schaffe eine einheitliche Terminologie und sei zudem ein starkes Planungsinstrument für Planer und Bauherren. Positiv für ihn ist, dass die Norm einschlägige Leistungen endlich definiert und so klar macht, dass nachhaltiges Bauen nicht gratis zu haben ist. Dass sich Nachhaltigkeit lohnt, zeigte er am Beispiel des Sulzer-Areals in Winterthur. Dort wurde von Implenia ein Betonwerk vor Ort aufgestellt, das mit dem Aushub aus den Baugruben gefüttert wird. So lassen sich Tausende von Lastwagenfahrten und die damit verbundenen Emissionen vermeiden. Gleichzeitig spart dies Kosten. 

Martin Hitz, Präsident des Netzwerks Nachhaltiges Bauen Schweiz (NNBS) fasste das Gehörte treffend zusammen: Die neue Norm fördert den Dialog und bietet einen systematischen Ansatz. Sie wird dafür sorgen, dass Nachhaltigkeitsleistungen künftig abgegolten werden. Man müsse sich aber im Klaren sein, dass die Norm die Nachhaltigkeit nicht bewerte. Hierfür bräuchte es einen Standard analog des SNBS. Ob ein Bedarf hierfür bestehe, werde derzeit in einem Projekt abgeklärt. 

Hier finden Sie alle Präsentationen des Tages zum Download.

Weiteres Bildmaterial steht in der Bilddatenbank der Swissbau zur Verfügung.


Videointerviews

Martin Bachmann, Leiter Tragwerkplanung Pöyry Schweiz AG
Marcel Adam, Leiter Fachbereich Umweltmanagement armasuisse Immobilien
Susanne Kytzia, Leiterin Institut für Bau und Umwelt Hochschule Rapperswil
Martin Hitz, Präsident Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz

Veranstalter

HSR

NNBS

Impressum

Text: René Mosbacher, Faktor Journalisten 
Interviews: Peter Basler
Kamera und Schnitt: Adrian Baumann, TVision
Fotografie: Aissa Tripodi, Swissbau
Konzept und Koordination: IEU Kommunikation AG

Redaktion Swissbau

Redaktion Swissbau

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