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Agglomerationen weiterentwickeln statt das Kulturland zubauen

Publiziert am 29.12.2015 von Maria Lezzi, Direktorin Bundesamt für Raumentwicklung ARE
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Meinung In wenigen Tagen geht das UNO-Jahr des Bodens zu Ende. Weltweit gehen jährlich eine Million Hektaren fruchtbarer Boden nur durch Besiedelung verloren. Auch in der Schweiz wird Kulturland zugebaut. An der Swissbau werden wichtige Fragen zur Planungskultur der Zukunft gestellt. 

Es ist bekannt: In der Schweiz werden Landschaften durch Bauwerke zersiedelt oder zerschnitten. Dafür müssen Baufachleute manchen Tadel einstecken. Kulturlandinitiativen in den Kantonen Zürich und Bern versuchen, dagegenzuhalten, indem sie landwirtschaftliche Böden besser schützen wollen. 

Zwischen 1985 und 2009 sind 850 km² von Bäuerinnen und Bauern bewirtschaftetes Land verschwunden. Schaut man sich im Mittelland um, vermag diese Entwicklung niemanden zu überraschen. Wohn-, Gewerbe- und Industriegebäude sowie Strassen und Bahntrassees dehnen sich vielerorts dort aus, wo sich zuvor Felder erstreckten. Jährlich wächst die Siedlungsfläche im Umfang von etwa 4’000 Hektaren zulasten des Kulturlandes – die Fläche des Lago Maggiore oder der Stadt Lausanne! 

Der Hunger nach Boden ist mit verursacht vom Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre. Geburtenüberschüsse und ein Plus an eingewanderten Menschen sorgten dafür, dass 2014 über 8 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner in der Schweiz lebten. Allerdings gibt es kein Naturgesetz, wonach eine wachsende Bevölkerung automatisch auf Kulturland Platz finden soll. Ein Indiz dafür ist beispielsweise, dass die Siedlungsfläche stärker wächst als die Bevölkerung. Anfang der 1980er-Jahre lag die pro Person beanspruchte Fläche bei 387 m², 2009 bei 407 m². Diese Entwicklung kann man als Ausdruck einer Planungskultur der langen Leine verstehen. 

Die Bevölkerung dürfte weiter zunehmen, wie auch immer die Masseneinwanderungsinitiative umgesetzt werden wird. Für 2030 rechnet das Bundesamt für Statistik (BFS) im mittleren Szenario mit 9,5 Millionen Menschen. Darauf können und sollen Raumentwicklungsbehörden keinen Einfluss nehmen. Was sie aber beeinflussen können und sollen, ist die Planungskultur. 

Mit dem revidierten Raumplanungsgesetz, das seit 1. Mai 2014 in Kraft ist, ist ein erster Schritt dazu getan. Bund, Kantone und Gemeinden erhielten wirkungsvolle Instrumente, ihre Städte, Landschaften und Infrastrukturen nachhaltiger weiterzuentwickeln. Beispielsweise sind sie dazu angehalten, die Siedlungsentwicklung so zu steuern, dass kompakte Siedlungen entstehen. Dazu gibt es bereits städtebaulich vorbildliche Projekte. Auch müssen Kantone den Bauzonenbedarf auf die Entwicklung der kommenden fünfzehn Jahre abstimmen. Und Fruchtfolgeflächen – die ackerbaufähigen Böden – sollen erhalten bleiben. Bereits verfügen die Kantone Genf, Basel-Stadt und Zürich über Richtpläne, die dem revidierten Gesetz Genüge tun; weitere Kantone werden 2016 folgen. 

Der Bundesrat hat am 4. Dezember 2015 über das zweite Revisionspaket entschieden. Da insbesondere die Kantone Korrekturen an Umfang und Tempo vornehmen wollten, ist ihnen die Landesregierung entgegengekommen. Regulierenden Bedarf sieht sie weiterhin beim Bauen ausserhalb der Bauzonen sowie bei der Planung im Untergrund, bei der Raumplanung in funktionalen Räumen und bei der raumplanerischen Interessenabwägung. Hat die erste Gesetzesrevision erstmals explizit die Fruchtfolgeflächen eingeführt, will man nun diese Böden noch besser schützen, indem der entsprechende Sachplan überarbeitet und gestärkt werden wird.

Auch Baufachleute werden sich mit den bisherigen und nun anzugehenden Gesetzesnovellen beschäftigen müssen. Und wer weiss, vielleicht freuen sie sich dereinst darüber, denn sie werden möglicherweise weniger häufig am Pranger stehen – im Gegenteil: Weil sie weniger auf wertvollen, landwirtschaftlich nutzbaren Böden bauen, sondern Stadtteile mit viel Sinn für die gewachsene Struktur, für historisch wertvolle Gebäude und öffentliche Räume weiterentwickeln.

Maria Lezzi

Maria Lezzi

Dr. Maria Lezzi ist seit 2009 Direktorin des Bundesamts für Raumentwicklung ARE. Die Umsetzungsarbeiten der ersten Revision des Raumplanungsgesetzes sowie die zweite Revision sind derzeit Schwerpunkte ihrer Tätigkeit. Die studierte Geografin war bis 2001 stellvertretende Geschäftsführerin der Regio Basiliensis, danach während acht Jahren Leiterin der Hauptabteilung im Hochbau- und Planungsamt des Kantons Basel-Stadt. Maria Lezzis Credo lautet: «Wir sollten stets über Grenzen hinweg zusammenarbeiten, bei den Inhalten, beim Planen und bei der Umsetzung.»

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