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Die Gebäudehülle – ein Dilemma

Publiziert am 17.11.2015 von Christian Hönger, Gründungspartner des Architekturbüros giuliani.hönger ag
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Meinung Die Gebäudehülle erweist sich als eine schwierige Patientin. Trotz oder wegen intensiver Betreuung (zu) vieler Ärzte hat man noch kein heilbringendes Rezept gefunden. Auch ich selbst kann innerhalb dieses kurzen Blogs wegen der nachfolgend erläuterten Krankheit zwar eine Diagnose stellen, aber keine Behandlung anbieten. Werden wir nach dem Swissbau-Focus-Symposium ein Rezept für unsere Patientin anbieten können? 

Wie die Haut ist auch die Gebäudehülle von Natur aus das flächenintensivste «Organ» mit vielfältigen und komplexen Funktionen zwischen Schutz und Kommunikation. Dass ein Gebäude nicht nur sich selbst schützt, sondern auch als ein Stück der Stadt mit ihr kommunizieren soll, ist im Zeitalter von «The Generic City» (nach Rem Koolhaas) verdrängt worden. Die Städte sehen in unserer narzisstischen Periode nicht mehr wie ein grosses Haus aus (nach Vitruv: «maxima domus»). Aufgrund der angesagten Verdichtung präsentieren sich die neuen Städte vornehmlich wie Ansammlungen autistischer solitärer Skulpturen, welche an einem Bodybuilding-Wettbewerb um Grösse und Selbstgefälligkeit teilnehmen. 

Mit dem Siegeszug des Stahlbetons und des Stützen-Platten-Systems sowie dem Werkstoff Glas und der «Curtain Wall» sind die Aussenhüllen während nun hundert Jahren vom Tragen und damit vom tektonischen Ausdruck sowie von jeglichem Relief radikal befreit worden. Aktuell fordert die Nachhaltigkeit Kompaktheit (nach Koolhaas: «Bigness») und Nutzungsflexibilität, was den Ausdruck einer spezifischen Nutzung nach aussen hin ebenfalls redundant macht. 

War die Fassade bis vor Kurzem noch vornehmlich in den Händen der Architekten, ist die Gebäudehülle aktuell Schlachtfeld vielfältiger Interessen und Tummelplatz der arbeitsteiligen Gesellschaft mit ihrem Spezialistentum der Technokraten. Selbst der Stararchitekt droht hauptsächlich zum Designer der letzten Gebäudeschicht von zehn Zentimetern zu verkommen. 
Wollen wir als Konklusion einmal alle Ansprüche subsummieren und einen Science-Fiction-Film drehen: 

  • Ein aufgrund der Kompaktheit möglichst würfelförmiger Bau ist aussen wegen der Nettonutzungsflächenoptimierung mit einer möglichst dünnwandigen Gebäudehülle aus Glas verkleidet. Diese ist grossformatig lieferbar und kann wegen ihrer Leichtigkeit schnell montiert werden, was die Bauzeit verkürzt und den Grauwertanteil senkt. 
  • Als serielles und digital manufakturiertes Industrieprodukt können auch die international konkurrenzermittelten Honorare drastisch gekürzt werden. 
  • Dank der zukünftigen Glastechnologie kann die Gebäudehülle ihren Gesamtenergiedurchlassgrad und Wärmedurchgangskoeffizienten variabel einstellen, was einen aussen liegenden Sonnenschutz unnötig macht und sie zu einem solaren Kraftwerk mutieren lässt. 
  • Durch ihre umgehende Glätte ohne Lüftungsflügel, da belüftet, und ohne Relief wird die Hülle praktisch selbstreinigend, unterhaltsarm und langlebig. 
  • Am Tag ist sie eine grafische Komposition und wegen der Sonneneinstrahlung spiegelnd, nachts wählbar transparent oder als Screen à la «Times Square» oder «Piccadilly Circus» mit Werbung bespielbar.

Wie bei «McDonalds» werden wir die zukünftigen Gebäude weltweit schnell wiedererkennen und uns sofort zu Hause und – wie seit «1984» schon – glücklich fühlen.

Fotografie: Georg Aerni, Chang An Lu I, 2011

Christian Hönger

Christian Hönger

Christian Hönger ist Gründungspartner des Architekturbüros giuliani.hönger (1991) in Zürich und lehrte an verschiedenen Hochschulen.

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