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Energiezukunft im Grosslabor: Wie funktioniert Technik im Alltag der 2000-Watt-Gesellschaft?

Publiziert am 01.09.2015 von Andreas Hofer, Projektleiter Bau und Mitglied der Geschäftsleitung BG maw
Hunziker Areal

Meinung An der Stadtgrenze von Zürich entstand mit dem Hunziker-Areal ein Quartier, das urbanes Wohnen mit den Zielen der Nachhaltigkeit verbinden will. Das Leuchtturmprojekt soll aufzeigen, wie die Energiezukunft der Schweiz aussehen kann. Doch ist die Energiewende mit Bautechnik alleine zu schaffen? 

Auf dem Hunziker-Areal gaben sich die Wohnbaugenossenschaften von Zürich die Aufgabe, die innovativen Potentiale einer Grosssiedlung in einem eher peripheren Entwicklungsgebiet auszuloten, und gründeten die Baugenossenschaft «mehr als wohnen» als gemeinsame Lehr- und Lernplattform. Es galten hohe Nachhaltigkeitsziele und die Verpflichtung zu günstigem Wohnungsbau und sozialer Integration.

«Hunziker-Areal» heisst das Resultat, dessen Bezug diesen Sommer abgeschlossen wurde. Keine typische Wohnsiedlung: In Zürich Nord ist ein Quartierteil entstanden, der sich nach den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft richtet. Das neue Areal bietet seit Mitte 2015 mit seinen neuartigen Wohnungstypen und der modernen Infrastruktur Wohnungen für 1300 Menschen und gut 200 Arbeitsplätze.

Die gebaute Vielfalt erlaubt in den nächsten Jahren Vergleiche des Energieverbrauchs und der Alltagstauglichkeit der verschiedenen Systeme. Vor allem die Fragen «wie nehmen die Menschen die ambitionierte Gebäudetechnik an, gelingt es der Verwaltung, die Gebäude effizient zu betreiben, zu warten und zu unterhalten?» werden erstaunlich selten gestellt.

Für mich hat sich im Bauprojekt «Hunziker-Areal» deutlich gezeigt: Der Innovationsschub der Gebäudetechnik in den letzten Jahrzehnten ist nicht verdaut. Die Planer und die Bauwirtschaft sind noch zu sehr auf technische Lösungen und theoretische Modelle fixiert und schlagen aufwendige Lösungen vor, planen Reserven ein, optimieren so ihr Honorar und schützen sich vor Komfortklagen.

Ich bin davon überzeugt, dass die persönlichen Energiebilanzen der Bewohner auf dem Hunziker-Areal diese Widersprüche spiegeln werden. Denn – als Beispiel – die in Neuseeland für ihre Masterarbeit über Wale forschende Umweltnaturwissenschaftsstudentin verhagelt die CO2-Bilanz auf gleiche Weise wie der mit knappem Einkommen budgetierende Vater, der ausrechnet, dass ein Van billiger ist als die Angebote des öffentlichen Verkehrs.

Daher ist meine Erwartung klar: Das Hunziker-Areal wird nicht eine Insel von glückseligen 2000-Watt-Menschen sein. Im besten Falle wird die Bilanz bei 3500 Watt liegen. Weitere Reduktionen verlangen beherzte Schritte, die nicht auf technische Lösungen reduziert werden können. Vor diesen scheut sich unsere Gesellschaft, wie die Debatten um die Energiewende zeigen.

Der Minergie-Slogan «Mehr Komfort und weniger Energieverbrauch» mag für die Lancierung von Ökotechniken geschickt gewesen sein, für einen Wandel hin zu nachhaltigeren Lebensstilen weist er jedoch den falschen Weg. In dem Sinne steht das «mehr» im Namen der Genossenschaft für ein Mehr an Lebensqualität, das durchaus auch ein Weniger an Wohnfläche, Luxus und Konsum bedeutet.

Andreas Hofer

Andreas Hofer

Andreas Hofer ist Projektleiter Bau und Mitglied der Geschäftsleitung BG maw. Daneben ist Hofer Inhaber eines Architekturbüros und Mitbegründer der Genossenschaft Kraftwerk 1.

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