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Der Sprung der Baukultur ins digitale Zeitalter

Publiziert am 21.04.2015 von Philipp Eversmann, Leiter Aus- und Weiterbildungsprogramm NFS Digitale Fabrikation
Digital Fabrication

Meinung Digitale Technologien haben den Entwurfsprozess von Architekten und Ingenieuren bereits tiefgreifend verändert. Im Bauprozess wurden sie bis anhin aber kaum verwendet. Will die Baubranche den Sprung ins digitale Zeitalter schaffen, sind neue Weiterbildungsprogramme von entscheidender Bedeutung. 

Die Planungsteams sind oft mit einem einschneidenden Bruch zwischen dem digitalen Entwurfsprozess und der konventionell gebliebenen Ausführung konfrontiert. Die Herstellung ist dadurch aufwendig und mangelanfällig, da die digitalen Plandaten bei jedem Projekt in manuelle Bauprozesse übersetzt werden müssen.

Jüngste Entwicklungen in den Bereichen digitale Technologien und Robotik ermöglichen heute eine Abkehr von der automatisierten seriellen Produktion hin zu einer massgeschneiderten Produktion. Das macht die digitalen Fertigungsmethoden nun auch für die Baubranche interessant, wo sie bereits schrittweise Einzug halten.

Beim digitalen Bauen werden die in einem Plan enthaltenen digitalen Informationen direkt an eine Fertigungsmaschine übermittelt. Durch die nahtlose digitale Verknüpfung der Entwurfszeichnung mit der Technik der Bauindustrie können Architekten und Ingenieure eine viel stärkere Nähe zum Bauprozess und zu dessen präziser Ausführung erlangen. Mehr noch: Durch den wechselseitigen Informationsfluss zwischen Computer und Fertigungsmaschine können die während der Ausführung gewonnenen Erkenntnisse direkt auf den Entwurf zurückwirken. Das führt zu vollkommen neuen Möglichkeiten für die Architektur und zu einer nachhaltigen Baukultur: Die Kopplung von Entwurf und Herstellung ermöglicht es, leistungsfähigere Bautechniken mit minimalem Materialverbrauch sowie individuell ausdifferenzierte Bauten kostengünstig zu realisieren – um nur zwei Anwendungsbeispiele zu nennen.

Durch die schrittweise Integration der digitalen Fertigungsmethoden in die Bauindustrie wird es für Studierende – und insbesondere für Architektinnen und Architekten mit ersten Berufserfahrungen – in ihrer zukünftigen Berufslaufbahn sehr wichtig sein, die neuen Entwurfs- und Fabrikationsprozesse in Aus- und Weiterbildungsprogrammen erlernen und anwenden zu können.

In der Schweiz hat sich über Jahrhunderte eine starke Bau- und Handwerkstechnik entwickelt, ihre Architektur und ihre Bauqualität gelten in Europa als wegweisend. Die Schweiz ist einer der Spitzenforschungsstandorte. Mit einem Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS) zur digitalen Fabrikation wird nun die Baukultur in ein digitales Zeitalter weitergeführt: Ab September 2015 wird dazu ein neues Weiterbildungsprogramm an der ETH Zürich als Teil des NFS Digitale Fabrikation angeboten.

Damit der Baukultur der Sprung ins digitale Zeitalter endlich gelingt, wird die übergreifende Zusammenarbeit der Disziplinen Architektur, Tragwerksentwurf, Elektrotechnik, Maschinenbau, Robotik sowie Material- und Computerwissenschaften zum absoluten Muss.

Zum Bild: «Complex Timber Structure»: digital entworfen und mit Robotern hergestellt. Copyright: ETH Zürich / Gramazio Kohler Research

Philipp Eversmann

Philipp Eversmann

Philipp Eversmann ist Architekt mit umfassenden Kenntnissen und Erfahrungen im Bereich grossmassstäblicher Bauprojekte. Er war Projektleiter in Architekturbüros in Frankreich, Deutschland und den USA. Er beteiligte sich an Bauprojekten für das französische Verteidigungsministerium in Paris (Nicolas Michelin, 2011–12) sowie der Renovation des «La Canopée» des Forum les Halles (Patrick Berger, 2008–12). In seiner eigenen Architekturpraxis widmet er sich vor allem digitalen Entwurfstechnologien und wendet diese gezielt in unterschiedlichen Bauprojekten, Wettbewerben oder Experimentalbauten an. An der EPF Lausanne, an der Ecole Spéciale d’Architecture in Paris und neuerlich an der TU München leitete er Entwurfs- und Forschungsstudios. Seit Dezember 2014 ist er Leiter des Aus- und Weiterbildungsprogramms des NFS Digitale Fabrikation.

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