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Die Nachhaltigkeit einer Excel-Tabelle

Publiziert am 24.02.2015 von René Dobler, CEO Schweizerische Stiftung für Sozialtourismus SSST
Gstaad Saanenland

Meinung Als Bauherrin der Schweizer Jugendherbergen stellten wir uns vor Jahren die Frage, wie ökologische Anliegen in Bauprojekten am effizientesten umzusetzen seien. Heute, um viele wertvolle Erfahrungen reicher, sind wir nicht sicher, ob die aktuelle Entwicklung umfassender Nachhaltigkeitslabels uns ans Ziel führen wird. 

Am Anfang stand die Beauftragung von ökologisch sensibilisierten Planern für unsere Bauten. Die Resultate daraus blieben uns zu diffus und zu personenabhängig. Als nächsten Schritt belieferten wir die Unternehmer mit ökologischen Submissionsbestimmungen. Diese wurden aber selten gelesen und noch weniger beachtet. Es musste etwas Messbares her, ein Label. Dabei haben sich Minergie und Eco für uns als Bauherrin als geeignet und gut etabliert erwiesen. Die Bekanntheit und die breite Anwendung eines Labels ist zentral, denn welcher Planer oder Unternehmer besucht bei der Grösse unserer Projekte zuerst extra einen Weiterbildungskurs?

Schwierigkeiten gibt es für uns immer wieder mit der Starrheit der Systeme. Für die umweltfreundlichste Lösung gibt die Excel-Tabelle nicht immer die beste Bewertung. 

Nun sind neue umfassende Nachhaltigkeitslabels in Entwicklung, beispielsweise der Standard für nachhaltiges Bauen NNBS und das nun ausgeschriebene Label. Da haben wir ein paar Fragezeichen – aus Erfahrung: Wirtschaftlichkeit, Gesellschaft und Ökologie – lassen sich alle drei Ebenen aussagekräftig in ein handliches Format bringen, sodass auch verschiedene Projektgrössen sinnvoll beurteilt werden können? Können die drei Ebenen gut ausbalanciert werden, oder anders gefragt:  Darf man etwas sozialer sein und dafür weniger ökologisch oder darf die hohe Wirtschaftlichkeit gesellschaftliche Schwachpunkte kompensieren? Wird sich ein Label auf dem Markt durchsetzen, sodass der Bauherr davon ausgehen kann, dass der durchschnittliche Planer den Umgang mit dem Instrument kennt? Lässt sich die Gesamtheit der Kriterien eines Projektes tatsächlich in ein Excel-Format zwängen? Kommen da die schlecht messbaren Werte wie etwa der architektonische Entwurf nicht automatisch zu kurz? 

Zweifel sind berechtigt – aber auch die Hoffnung, dass allein der Versuch und die Diskussion uns den Werten einer nachhaltigen Baukultur näherbringen.

Bildlegende: Das jüngste Beispiel einer Jugendherberge nach Minergie-P-Eco in Gstaad Saanenland.
René Dobler

René Dobler

René Dobler, Dipl. Architekt ETH/SIA und Bauökonom AEC, begann seine Arbeit für die Schweizer Jugendherbergen 1993 als externer Berater, 1999 wurde er zum CEO der Schweizerischen Stiftung für Sozialtourismus ernannt, der Bauherrin der Jugendherbergen. In seiner langjährigen Arbeit hat er die Bauten der Jugendherbergen zu einer Corporate Architecture geformt. Sein grosses Engagement in der nachhaltigen Entwicklung ist mehrfach ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Watt d‘Or. 

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